Sozialsenatorin Elke Breitenbach besucht das Sozialzentrum Gitschiner Straße 15
Foto: Markus Wächter

Berlin-KreuzbergJürgen Horn stößt die weiße Tür auf. Dahinter: ein Raum, vielleicht knapp 20 Quadratmeter groß. Auf einem schwarzen Ecksofa und mehreren Sesseln liegen und sitzen junge Männer, unterhalten sich leise oder schlafen, die Jacken über den Kopf gezogen. Es sind zwölf Männer – und der Raum ist damit voll, jeder Sitzplatz belegt. „Mit einer Halle hat das wenig zu tun“, sagt Horn, der seit zehn Jahren Leiter des Kulturzentrums in der Gitschiner Straße 15 ist.

Trotzdem soll dieser Raum zusammen mit einem weiteren, der ebenso klein ist, die von der Senatssozialverwaltung groß angekündigte „Warte- und Wärmehalle“ sein. Ein neues Projekt, das eine Trendwende markieren soll im Umgang Berlins mit Obdachlosen im Winter.

Hier passen maximal 30 Leute zum Schlafen rein, mehr nicht. Mit einer Halle hat das wenig zu tun.

Jürgen Horn, Leiter des Kulturzentrums Gitschiner 15 in Kreuzberg

Bisher bietet die Berliner Kältehilfe rund 1 200 Schlafplätze für Obdachlose an – vor allem in Unterkünften von kirchlichen Trägern, Sozialverbänden oder Vereinen. Dort aber gibt es Regeln: Es sind keine Hunde erlaubt, es dürfen kein Alkohol und keine Drogen konsumiert werden. Viele Menschen, die auf der Straße leben, schreckt das ab. Sie bleiben lieber draußen – und laufen so Gefahr zu erfrieren.  

Für sie öffnete Berlin als besonders niedrigschwelliges Angebot in den kalten Monaten bisher lediglich ausgewählte U-Bahnhöfe. Zuletzt waren es die U-Bahnhöfe Lichtenberg und Moritzplatz. In jedem Jahr aber hagelte es von vielen Seiten scharfe Kritik: Die Situation sei unangenehm für Passanten, schwierig für BVG-Sicherheitskräfte, das Schlafen auf Beton und die Unterbringung ohne Toiletten eine unmenschliche Behandlung für die Obdachlosen.

Niedrigschwelliges Angebot - so barrierefrei wie möglich

In der Gitschiner Straße soll sich das grundlegend ändern. Hier setzen sich Horns Kollegen und  Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion schon seit langem für Obdachlose und Arme ein. Im Café im Erdgeschoss sitzen heute ein gutes Dutzend Männer und Frauen. Sie sind nicht zwangsweise obdachlos, manche hier haben einfach sehr wenig Geld oder sind einsam.

Als Mittagessen gibt es Nudeln mit Carbonara, 1,40 Euro eine große Portion – bezahlen müssen nur die, die auch zahlen können. Auf dem Tresen steht ein Teller mit Weihnachtsplätzchen, daneben ein Weihnachtsbaum mit leuchtendem Schmuck. An allen Wänden im ganzen Haus hängen von den Besuchern selbst gemalte Bilder.

Die Grundeinstellung in der Gitschiner 15: Es soll keine Barrieren, keine Schwellen geben, jeder ist willkommen. Jeder wird hier gleichbehandelt. Und: Jeder hier hat Stärken, man muss sie nur fördern. In den unterschiedlichen Räumen des Hauses findet man unter anderem: mehrere Musikzimmer, eines mit einem Flügel darin. Eine Fahrradwerkstatt, in der Obdachlose und Arbeitslose Räder reparieren. Ein Sozialbüro, das jedem offen steht. Im ganzen Haus finden immer wieder Mal- und Kunstkurse statt.

Senat braucht Hilfe der Kirche und Kulturprojekte 

Ein wildes Konzept, das auch die Grenzen zwischen Reich und Arm sprengen, das Rotarier mit Obdachlosen an einen Tisch bringen will – und das genau deswegen schlecht in bürokratische Fördertöpfe passt. Das hat auch die absurde Folge, dass das Kulturprojekt für sein vielfältiges Angebot vom Berliner Senat bisher nicht gefördert wurde– obwohl, wie Pfarrer Peter Storck am Donnerstag erzählt, man zahlreiche Anträge gestellt hat.

Jetzt braucht ausgerechnet dieser Senat die Unterstützung der Kirche und des Kulturprojekts – und die springen hilfsbereit ein. Für das Wärmecafé erhalten sie eine Förderung vom Land. Am Abend werden aus den beiden Mehrzweckräumen jetzt die leichten Möbel rausgeräumt und Isomatten auf dem Boden ausgebreitet. Von der Sozialgenossenschaft Karuna sollen die Obdachlosen personalisierte Schlafsäcke erhalten.

Schon jetzt aber ist klar: Wird das Konzept von den Betroffenen gut angenommen, wird der Platz nicht ausreichen. Maximal 30 Menschen können in der Gitschiner 15 schlafen, sagt Horn. Im vergangenen Jahr sammelten sich bis zu 40 Obdachlose an einem Abend auf nur einem von zwei Kältebahnhöfen, sagt eine Sprecherin der BVG. Ob sie den Weg bis in die Gitschiner Straße finden werden, wird sich zeigen müssen.

Jürgen Horn im Sozialzentrum Gitschiner Straße 35. 
Foto: Markus Wächter

Die BVG wirbt jedenfalls schon jetzt auf ihren Bahnhöfen mit Plakaten für die neue Unterkunft. Auch die Sicherheitsmitarbeiter sind geschult, sie sollen Obdachlose nachts informieren. Jürgen Horn und Pfarrer Peter Storck hätten es gerne gesehen, wenn zusätzlich auch die Kältebahnhöfe offen gehalten würden. Natürlich sei das Angebot in der Gitschiner besser, weil mit mehr Kontakt und Hilfsmöglichkeiten verbunden.

Bahnhöffe müssen gegebenenfalls geöffnet werden

Doch wenn es kalt werde, sagt Horn, dann müsse man eben auch Bahnhöfe öffnen. „Aber dafür fehlte wohl der politische Willen.“ Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sieht das anders: Man wolle Obdachlose nicht in Bahnhöfen übernachten lassen. „Wir wollen den Menschen Hilfe, Unterstützung und Lebensperspektive bieten“, sagt sie bei einem Pressetermin in der Gitschiner 15 am Donnerstag. Doch der Bedarf auf der Straße ändere sich, die Lage werde härter, die Zahl der Obdachlosen wachse offenbar.

Es gebe viele Ideen, der Situation zu begegnen. Und doch immer wieder auch die Feststellung: Manche Menschen wollen nicht in eine Unterkunft gebracht werden – und Selbstbestimmung, auch wenn sie in solchen Fällen lebensgefährlich sein kann, ist ihr gutes Recht. Bisher habe sich kein Konzept bewährt, man müsse weiter testen. „Wir sind alle Suchende“, sagt Breitenbach. Und: „Alles ist besser als Stillstand.“