Frauen wurden als Obdachlose lange nicht wahrgenommen. Normalerweise galt ihr Schicksal als Begleiterscheinung oder Folge „sexueller Devianz“, also eines  vermeintlichen Lotterlebens. Solche Personen waren  Gefallene“, „Verirrte“ oder „Gefährdete“, die am besten in ein Arbeitshaus gesteckt oder ihrem Schicksal überlassen wurden.

Oder schlimmer: Man sah sie als gefährlich für die bestehende Ordnung und die Familie an. Sie konnten noch weniger als Männer mit Nachsicht, Gnade oder Hilfe rechnen. In Berlin gab es seit 1869 das Frauenasyl des privaten Asyl-Vereins mit Unterkunft für die Nacht. Im kirchlichen Bereich wurden die Magdalenenasyle tätig, benannt nach Maria Magdalena, der ehemaligen Prostituierten.

Kein Geld für "Verworfene"

Sie kümmerten sich zunächst vorwiegend um entlassene weibliche Strafgefangene – mit dem seinerzeit grundstürzenden Gedanken, den Frauen mit Respekt zu begegnen und ihnen Chancen auf Buße und Reintegration zu eröffnen.

Die Einrichtungen für obdachlose Frauen mussten von Spenden leben, was noch schwieriger war als im Falle von Männerheimen – die Bevölkerung zeigte wenig Neigung, für moralisch „Verworfene“ Geld zu geben.

Im 1886 eröffneten Städtischen Obdach in der Fröbelstraße galten für Familien und Frauen klare Regeln: Eheleuten wurden in verschiedenen Sälen  untergebracht. 144 Betten waren für Männer und Knaben vorgesehen, 240 für Frauen und Mädchen. Die Aufnahme obdachloser und mittelloser Schwangerer bis zum dritten Monat erfolgte im nächtlichen  Obdach, also im allgemeinen Teil.

Schwanger im Asyl

Mit Fortschreiten der Schwangerschaft kamen die Frauen in das Familien-Obdach. Die Entbindung konnte notfalls im Obdach erfolgen, sonst aber in der Charité. Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose betrieb zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein größeres Asyl in der Kolbergstraße 30. Im Jahr 1907 bot es 400 Plätze.

Frauen durften dieses Asyl nicht häufiger als fünfmal pro Monat benutzen. Eine Angabe des Namens und Standes wurde nicht gefordert. Neben Abendsuppe mit Brot und Morgenschrippe und Kaffee stand eine vollständige Badeeinrichtung zum freiwilligen Gebrauch zur Verfügung sowie eine Desinfektionsanstalt für die Kleider der Badenden.

Das Frauenasyl wurde 1907 von 38.383 Frauen und Kindern gesucht. Im selben Jahr konnte man für 261 Frauen Arbeit vermitteln. Heute leben schätzungsweise 2500 obdachlose Frauen in Berlin, insgesamt soll es ungefähr 10.000 obdachlose Personen geben.

Frauen ohne Wohnung sind nach den Erfahrungen der Sozialarbeiter fast unsichtbar. Sie tun alles, um so unauffällig wie irgend möglich zu sein. Obdachlose Frauen, die diese Unauffälligkeit nicht wahren können, sind in der Regel psychisch krank oder suchtkrank.

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