Berlin - An den vielen unterschiedlichen Schätzungen, wie viele Obdachlose denn nun in Berlin leben könnten, beteiligt sich Susanne Gerull längst nicht mehr. Mal ist die Rede 2000 bis 4000, manche steigern die Zahl auf bis zu 6000, andere sprechen von 10.000. Dann sind meist auch die vielen Wohnungslosen gemeint, die keine feste Bleibe mehr haben, in Heimen und übergangsweise bei Bekannten unterkommen, aber nicht auf der Straße leben.

Es gibt keine Statistik, dabei wächst die Zahl der Bedürftigen von Jahr zu Jahr, stellen Hilfseinrichtungen fest. Berlin ist die Hauptstadt der Obdachlosen, hier ist ihre Situation besonders dramatisch. „Wir kennen keine genauen Zahlen der Obdachlosen, aber es sind sicher mehr als 2000“, sagt Susanne Gerull, Armutsforscherin und Professorin für Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit an der Alice-Salomon-Hochschule Berlin. In den vergangenen Monaten hat Susanne Gerull mit Kollegen und Sozialarbeitern ein Konzept erarbeitet, wie man die Obdachlosen dieser Stadt zählen kann. „Wir brauchen endlich mehr Daten über die Menschen in dieser Stadt, die auf der Straße leben“, sagt Susanne Gerull.

Susanne Gerull reicht Zählungskonzept für Obdachlose ein

So eine Zählung war eine der wichtigsten Forderungen, die die Teilnehmer der ersten Strategiekonferenz Wohnungslosenhilfe vor zwei Jahren aufgestellt haben. Erstmals hatte der Senat Wohlfahrtsverbände, Hilfsorganisationen, Sozialarbeiter und Politiker eingeladen, um Strategien gegen die steigende Wohnungslosigkeit zu entwickeln. Diesen Herbst findet die dritte Konferenz statt.

Susanne Gerull hat dem Senat jetzt ein Konzept vorgelegt, wie man die Obdachlosen dieser Stadt zählen kann. Es wird in den kommenden Tagen veröffentlicht. Der Senat wird sich an diesem Konzept orientieren, derzeit lässt die Senatssozialverwaltung die datenschutzrechtlichen Bestimmungen prüfen.
Die Befragung soll bis zum Sommer stattfinden. Es gibt einen Stichtag. In dieser Nacht im Frühjahr, zwischen 22 Uhr und 1 Uhr morgens, werden etwa 1000 Helfer auf den Straßen Berlins unterwegs sein. Sie bilden etwa 300 Teams mit jeweils drei Freiwilligen. Eine Person im Team soll professionelle Erfahrungen in der Betreuung von Obdachlosen haben.

Bis heute gibt es keine genaue Statistik

Die Team sprechen auf ihrem nächtlichen Rundgang die Obdachlosen an ihren Übernachtungsplätzen an. Es ist eine Zeit, in der es am wahrscheinlichsten erscheint, Obdachlose in ihrem Nachtquartier anzutreffen, bevor sie eingeschlafen sind. Die Helfer werden sie bitten, zu erzählen, wie lange sie schon auf der Straße leben, wie alt sie sind, woher sie kommen. Auch ihr Geschlecht wird notiert. „Alle Angaben sind anonym, die Teilnahme ist freiwillig und wer schläft, wird nicht geweckt“, sagt Susanne Gerull.
Weitergehende Fragen, etwa nach Krankheiten und Abhängigkeiten, wird es nicht geben. Die Befragung findet im öffentlichen Raum statt, nicht in Unterkünften.

Alter, Geschlecht, Nationalität – diese Daten sind notwendig, um die Hilfsangebote besser auf die Bedürfnisse der Obdachlosen anzupassen. Bisher weiß niemand, wie viele Familien auf der Straße leben, aus welchen Ländern Obdachlose kommen. Experten vermuten, dass vor allem Osteuropäer und Frauen zunehmend mehr von Obdachlosigkeit betroffen sind. Alleine in der Hauptstadt haben nach aktuellen Schätzungen etwa 2400 Frauen keine Wohnung, bundesweit rechnen Verbände wie die Caritas in den kommenden Jahren mit bis zu 160.000 obdachlosen Frauen. „Vor allem ältere Frauen sind betroffen“, berichten Sozialarbeiter. Sie würden wegen ihrer Kinder oft nur Teilzeit arbeiten, bekämen später eine geringe Rente und könnten deshalb schneller obdachlos werden. Reichen die bisherigen Angebote für sie? Auch das wird die Befragung ergeben.

Berliner Innenstadt und Randgebiete

Für die nächtliche Befragung im Frühjahr wird die Stadt in etwa 300 Sozialräume eingeteilt. In jeder dieser Zonen wird ein Team unterwegs sein, sowohl in der Innenstadt als auch in den Randgebieten. Denn längst suchen sich Obdachlose entlegene Plätze außerhalb der Innenstadt. „Wir vermuten, dass es in jeder Zone Obdachlose gibt“, sagt Susanne Gerull.

Wissenschaftlerin Susanne Gerull, seit mehr als 30 Jahren in der Armuts- und Obdachlosenarbeit aktiv, hat sich bei ihrem Konzept an den Erfahrungen bei Befragungen von Obdachlosen in anderen Städten orientiert, etwa in New York, Mailand und Paris. In der französischen Hauptstadt waren im Februar 2018 etwa 1700 Helfer unterwegs, „Nacht der Solidarität“ hieß die Zählaktion.
Bevor in Berlin die etwa 1000 Freiwilligen unterwegs sein werden, sollen Hilfeeinrichtungen wie die Stadtmission am Bahnhof Zoo die Obdachlosen auf mehrsprachigen Info-Zetteln über die bundesweit erste Befragung dieser Art informieren. Denn ohne ihre Mitarbeit wird es keine verlässlichen Zahlen geben.