Berlin - Knapp 50 Meter vor dem berühmten Berghain stehen ein Dutzend gammelige Zelte. Auf dem Weg Richtung Warschauer Straße folgen weitere solcher wilden Camps, geschützt im Dickicht einer schmalen Grünanlage.

Die etwa 70 Menschen, die darin leben, harren nicht etwa aus, um irgendwann an den Türstehern von einem der bekanntesten Technoclubs der Welt vorbeizukommen. Es sind Obdachlose, Punks, Drogensüchtige, gescheiterte Existenzen.

Sie kommen aus ganz Deutschland, Polen, der Schweiz, der Ukraine und aus Afrika. Einige Anwohner tolerieren sie, andere sind empört. Von einer Rattenplage ist die Rede, Müll und Kot soll neben den Wegen liegen. Der Bezirk wirkt überfordert, weil die Politik nichts unternimmt.

„Das ist ein Freistaat hier“

„So viele wie jetzt waren es noch nie. Es gibt schon ziemlich Diebstahl hier und hinter dem Gebäude wühlen sie im Müll oder verrichten ihr Geschäft“, beklagt sich eine Mitarbeiterin des Aldi-Marktes, der nur einen Steinwurf vom Camp neben dem Berghain entfernt ist. Dort leben bis zu 15 Punks und Obdachlose, darunter ein Schweizer, zwei Polen, der Rest aus Deutschland.

Es ist 12 Uhr Mittag, als acht von ihnen gestern unter einer Plane frühstücken „Das ist ein Freistaat hier“, sagt Zeltbesitzer Marko. Seit fünf Jahren gibt es das Lager schon, sagt er. „Ich komme jedes Jahr im Sommer her, wie viele andere auch. Hier ist es friedlich, keine Gewalt und sogar das Ordnungsamt lässt uns in Ruhe“, erzählt Illi, der eigentlich aus der Schweiz kommt. Vorher habe er in der Rigaer Straße gewohnt. Illi und Marko berichten, dass im Winter viele von dort wieder abhauen und in besetzte Berliner Häuser ziehen.

„Ich suche für den Winter eine Wohnung“

Hotz aus Bayern sagt, er sei auch immer nur im Sommer hier. „Wenn’s kalt wird, trampe ich nach Spanien. Barcelona. Da findet man immer was“, so Hotz. Sein polnischer Freund neben ihm, der seit 21 Jahren auf der Straße lebt, wohnt auch im Winter dort. Überhaupt würden ab Dezember fast ausschließlich Osteuropäer in den Zelten in der Friedrichshainer Grünfläche dort Unterschlupf finden.

Und Sarah, die „Erbse“ genannt wird, weil sie mit etwa 16 Jahren die Jüngste ist, sagt: „Ich habe keinen Bock immer so zu leben. Ich suche für den Winter eine Wohnung.“ Optimistisch klingt sie nicht.

Nelson R. ist einer von vielen Anwohnern, die die Situation nicht mehr ertragen. Er wolle sich gar nicht über die Rattenplage beschweren, obwohl sein Hund von einer Ratte angegriffen und verletzt wurde. „Aber der momentane Zustand bei dem die Anlage als wilder Zeltplatz zweckentfremdet wird, ist absolut untragbar und sicherlich gesetzeswidrig“, beschwert sich Nelson R.

Der nächste Polizeiabschnitt ist nur 300 Meter entfernt

Der junge Künstler und einige Spaziergänger ekeln sich. „Es gibt da keine sanitären Anlagen und das gesamte Gelände ist mit menschlichen Exkrementen übersät“, so R. Beim Bezirk beschwert er sich, dass „die Mitarbeiter des Ordnungsamtes sich mehr um die Parkraumüberwachung kümmern“ sollen, als das Gelände zu einem „rechtsfreien Raum“ verkommen zu lassen.

Zumal der Polizeiabschnitt nur 300 Meter entfernt ist. Die nächste Polizeiwache befindet sich nur 150 Meter neben einem der Zeltlager. Doch ihnen seien die Hände gebunden, ähnlich wie dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg.

Hilmar Schädel, Leiter des Grünflächenamtes, verweist darauf, „dass es aus Sicht der betroffenen Ämter unbedingt einer Initiative auf politischer Ebene bedarf.“ Bereits im Juni soll es dazu im Bezirksamt einen Austausch gegeben haben. Bisher könne man den Park jedoch nur versuchen, sauber zu halten.