Ein Obdachlosenlager unter einer Berliner Brücke. 
Foto:  imago images/Rolf Zöllner

BerlinEs war eine der größten koordinierten Freiwilligenaktionen Berlins: 2600 Ehrenamtliche zogen Mittwochnacht für drei Stunden durch das gesamte Stadtgebiet und zählten Obdachlose. Mit der „Nacht der Solidarität“ wollte die Senatssozialverwaltung endlich erfahren, wie viele Menschen in Berlin eigentlich auf der Straße leben und welche Angebote sie benötigen. Doch: Die Kritik an der Methode ist groß.

Die Aktion wirke bedrohlich auf Obdachlose, entmenschliche sie, warnte etwa die „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ vorab. Die Zahlen seien nicht repräsentativ, weil sich viele der Zählung entzögen – oder ohnehin in Kellern und Wäldern schlafen, wo sie nicht erfasst würden. Tatsächlich   entzogen sich in manchen Gegenden ganze Gruppen von Obdachlosen der Zählung, nach Einschätzung von Experten bewusst.

„Zahlen mit Vorsicht genießen“

Als „guten und richtigen Schritt“ bezeichnet Markus Galle, Sprecher der Arbeiterwohlfahrt Berlin (Awo), die „Nacht der Solidarität“. „Wir warnen allerdings davor, zu hohe Erwartungen an die Ergebnisse zu stellen“, sagte er der Berliner Zeitung. Die Zahlen bildeten ausschließlich die in den drei Stunden der Zählung angetroffenen obdachlosen Menschen ab. Einige Teams hätten niemanden angetroffen, weswegen die Vermutung naheliege, dass eine „gewisse Zahl“ obdachloser Menschen bewusst nicht habe teilnehmen wollen. „Vor diesem Hintergrund sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen.“ Die Zählung bleibe eine „unvollständige Momentaufnahme“, die erst durch weitere Zählungen Aussagekraft gewinne.

Wie aber denken Obdachlose selbst über die Zählung? Und wo schlafen sie zurzeit am liebsten? Eigentlich nämlich sind durchaus noch ein paar Schlafplätze frei in den Notübernachtungen der Berliner Kältehilfe. Zuletzt meldete die Kältehilfe 232 freie Plätze bei 1170 Not-Schlafplätzen stadtweit.

Am besten stellt man diese Fragen im Übernacht-Café in der Gitschiner Straße 15 in Kreuzberg, das nachts von 22 bis 6 Uhr von dem Verein Karuna betrieben und betreut wird. Seit in diesem Jahr beschlossen wurde, die Kältebahnhöfe nicht mehr zu öffnen, ist das Übernacht-Café Ersatz für sie. Damit ist es keine Notübernachtung wie alle anderen in Berlin, sondern hält sein Angebot sehr viel niedrigschwelliger. Während die Gäste in anderen Unterkünften am Eingang einen Alkoholtest absolvieren, ihre Rucksäcke durchsuchen lassen und ihre Hunde vor der Tür lassen müssen, gelten hier andere Regeln: Man darf alkoholisiert und high erscheinen, auch Hunde dürfen rein.

Ab 22 Uhr gehen die Türen auf, dann stellen Thorsten Buhl und drei Mitarbeiter dampfende Suppenteller und zwei Scheiben Brot vor jeden Gast. Um Mitternacht startet die Kinovorführung, mit einem Beamer wird dann ein Film an die Wand neben der Theke geworfen. Heute ist es der bekannteste Monty-Python-Film: „Das Leben des Brian“. „Always look on the bright side of life“, pfeifen die Gekreuzigten im Abspann gut gelaunt. Einer von Buhls Gästen summt leise mit.

Viele aber nutzen einfach die Wärme und die Ruhe, legen die Füße hoch, den Kopf an die Wand, schließen die Augen, wenigstens für ein paar Minuten.

Abgeschlossen mit dem Staat

In dieser Samstagsnacht sind es nur 20 bis 30 Gäste, die oft nur ein oder zwei Stunden bleiben und dann weiterziehen. Aber das kann extrem schwanken, erzählt Buhl: Vor einer Woche seien 70 Gäste dagewesen. Eigentlich viel zu viele für die kleinen Räume. Doch Buhl freut sich vor allem, dass das Pilotprojekt angenommen wird: „Wir wussten ja gar nicht, ob das klappt.“

Doch, auch das sagt Buhl: Hier landen die, die noch ein wenig Vertrauen in Institutionen haben. „Andere haben komplett abgeschlossen mit dem Staat, die erreichen auch wir nicht mehr.“ Er schätzt, dass sich am Mittwoch circa zehn Prozent der Zählung entzogen hätten.

Wir haben uns unter Buhls Gästen umgehört: Wie haben sie die drei Stunden erlebt, in denen sie so sehr in der Öffentlichkeit standen wie sonst nie? Warum nahmen sie an der Erhebung teil – oder nicht?  

Die Namen wurden von der Redaktion verändert.


Marc 30: „Das hat mich total an Auschwitz erinnert“

Marc hat eine klare Meinung zu der Zählung vom Mittwoch: „Scheiße“ nennt er sie. Es sei ihm vorgekommen, als zähle man die Obdachlosen, um zu wissen, wie viele Polizeieinheiten man brauche, „um uns endgültig loszuwerden“. „Das hat mich total an Auschwitz erinnert, daran, wie die Nazis die Juden behandelt haben.“

Marc ist 30 Jahre alt, seine Hände und Arme sind voll mit Punk-Tattoos, „Asozial“ steht dort oder der Chiffre für „All Cops are Bastards“, sauber und sorgfältig selbstgestochen. Marc geht derzeit an einem Stock, er hat einen Hexenschuss und humpelt. Auch seine Armbewegungen sind eingeschränkt. Krankenversichert ist er nicht, zum Arzt kann er erst am Montag, wenn in einer der Obdachlosen-Einrichtungen, die er besucht, ein Arzt vorbeikommt.

Die Zahlen, die am Mittwoch erhoben wurden, hält er aus mehreren Gründen nicht für repräsentativ: „Viele von meinen Kollegen haben sich versteckt“, sagt er. Sie wollten nicht in einer Statistik auftauchen, wollten „frei sein“.

Viele andere seien hingegen mehrfach gezählt worden: Er sei mit Freunden in den drei Stunden der Zählung erst an der Warschauer Straße, dann am Alex und schließlich im Übernacht-Café in Kreuzberg gewesen. Sechs Mal seien sie auf ihrem Weg angesprochen und gezählt worden. Marc lacht: „Die zählen einfach alle doppelt.“

Die Interviewer erfassen die  Obdachlosen, die nicht mit ihnen reden wollen, mit. Wer reden will, mit dem füllen die Freiwilligen einen längeren Fragebogen aus. Auf der Straße hat Marc das verweigert, die Menschen seien unhöflich gewesen, hätten ihn erst einmal gefragt, ob er obdachlos sei. „Das fand ich frech. Das sieht man doch!“ Aber im Übernacht-Café, wo er die Sozialarbeiter kennt, hat er den Fragebogen dann doch ausgefüllt: „Ich konnte nicht anders, das sind so gute Seelen hier.“

Marc hat keine Tasche bei sich. „Brauche ich nicht, verliere ich nur“, sagt er. Was er tagsüber braucht, trägt er in seiner Jacke mit sich – oder schnorrt es schnell zusammen.  

Er lebt schon so lange auf der Straße, dass er das Schlafen in Räumen nicht mehr erträgt, sagt er. „Ich fange an zu schwitzen, kriege Herzrasen, richtig Panik.“ Mit Freunden hat er sich zurzeit ein Lager in Marzahn aufgebaut, unter einer Brücke. Sie haben Sperrholz zusammengesammelt, haben Matratzen, Schlafsäcke, eine Feuerstelle. Die Polizei duldet sie dort – noch. „Ein kleines Paradies“, sagt Marc.


Emil, 34: „Ich bin keine Nummer. Ich bin eine Zecke, verstehst du?“

Emil hat an der Zählung nicht teilgenommen. Er sei in den drei Stunden einfach rumgelaufen, habe „Leute geschnorrt“. Die Freiwilligenteams in blauen Westen habe er gesehen, sei aber nicht angesprochen worden. Doch selbst wenn man ihn gefragt hätte, der 34-Jährige hätte den Fragebogen nicht ausgefüllt. Er habe draußen oft keine Lust zu reden, bleibe lieber ganz für sich.  

„Scheiße“ ist auch sein erstes Urteil zur Zählung. „Ich bin keine Nummer.“ Der Krieg sei zu Ende, aber Diskriminierung gebe es immer noch. Er nennt sich selbst „eine Zecke“, versteht sich als Linker.

 Emil kommt ursprünglich aus Dortmund, sein Vater besitzt dort Restaurants. Bei ihm hat er kochen gelernt, später eine dreijährige Ausbildung zum Masseur gemacht. Er saß wegen Totschlags im Gefängnis, elf Jahre lang. Er habe einen Mann, der eine Dreizehnjährige missbrauchte, davon abgehalten und ihn verprügelt, dabei sei der ungünstig gefallen und gestorben, sagt Emil. „Ich dachte, ich komme nie wieder raus.“

Seit mehr als einem Jahr ist er frei. Seither lebt er auf der Straße. Er reist viel: Nach Köln und ins Ruhrgebiet, seine Heimat, auch in Italien und der Schweiz war er schon.

In Berlin fährt er spät nachts – anders als an anderen Orten – meistens raus aus der Stadt, rein in den Wald und übernachtet am liebsten in seinem Zelt. Er brauche die Ruhe, sagt er. Sein Zelt aber hat er gerade an zwei Mädchen verliehen, die erst 16 und 17 Jahre alt seien. „Die brauchen es dringender“, sagt er. „Man muss auf die Kleinen aufpassen, die gehen sonst kaputt.“

Warum er nicht in einer der vielen Notunterkünfte in Berlin schläft, in denen zurzeit oft Plätze leer bleiben? „Die sind für die Tonne.“ Da werde geklaut, da lägen manchmal Spritzen unter dem Bett. Und: Man müsse viel zu früh raus. Weil in den Unterkünften das Personal für Tagschichten fehle, würden die Menschen dort oft schon ab fünf oder sechs Uhr geweckt, spätestens um acht müsse man in den meisten Einrichtungen raus sein. Viele Besucher aber haben Schlafstörungen, sagt er, brauchen stundenlang, um überhaupt zur Ruhe zu kommen.

Emil kann nicht verstehen, warum man aus den Unterkünften so früh rausgeworfen wird: „Die Räume gibt es doch! Warum stehen die tagsüber einfach leer?“ In Düsseldorf könne man immerhin bis halb elf bleiben, in Ruhe frühstücken, duschen. „Das ist okay. Da schlafe ich auch drinnen.“


Andreas, 37: „Gestört hat’s mich nicht. Aber helfen wird es auch nicht“ 

Andreas hatte kein Problem mit der Zählung. Er hat den Fragebogen im Übernacht-Café ausgefüllt. „Gestört hat’s mich nicht“, sagt er. „Aber das ist doch Augenwischerei.“ Helfen werde es nicht. „Die hätten viel früher was tun müssen.“

Er redet extrem schnell, manchmal ist er deswegen schwer zu verstehen. Auch im Stehen krümmt er Rücken und Kopf weit nach vorne, vermeidet Blickkontakt.

Die Politik habe geschlafen, sagt Andreas. Es kämen so viele Menschen aus Osteuropa nach Berlin, dazu die Flüchtlingskrise 2015. „Das ist auch für Berlin nicht zu schultern.“ Es würden Wohnungen gebraucht für jene, die jetzt auf der Straße leben, keine Notunterkünfte. Als Erstes müsse die Politik dafür spekulativen Immobiliengeschäften den Riegel vorschieben, sagt er. „Hier stehen so viele Häuser leer!“ Die Eigentümer müssten gezwungen werden, die Häuser herzurichten.

In dieser Nacht hat Andreas Geburtstag, er wird 37. Um Mitternacht steht er mit zwei Männern vor der Tür und raucht eine Zigarette. Die beiden gratulieren, umarmen ihn. Absurd, sagt Andreas, dass man den Tag feiere – man feiere ja, dass man  näher ans Grab gerückt sei.

Als Andreas das Übernacht-Café betritt, packt er aus seinem Rucksack erst einmal eine Dose Desinfektionsspray aus und versprüht es. „Ich bin da speziell“, sagt er. „Nur weil man obdachlos ist, muss man nicht stinken.“ Er investiert jeden Tag zwei Euro, um in einem Drogenkonsumraum zu duschen.

Notunterkünfte seien für ihn gar nicht zu ertragen. „Da habe ich Angst, dass ich mir was hole“, sagt er. Lieber schläft er in U-Bahnhöfen, hat seine festen Orte und dort Bekannte unter Anwohnern. „Die wissen, dass ich sauber bin, keinen Stress mache“, sagt er. Das sei wichtig, nur so werde man geduldet. Er erzählt, wie ein Bekannter, der „vollgekackt“ in einem Hausflur schlief, aus den oberen Stockwerken von Anwohnern mit einem Eimer eiskalten Wassers übergossen wurde.

Andreas lebt erst seit Anfang 2019 auf der Straße, hatte bis dahin einen Job als Stuckateur, war viel auf Montage. Seine Freundin, mit der er acht Jahre zusammenlebte, habe anderthalb Jahre lang unbemerkt die Miete nicht gezahlt, sie stattdessen ins Automatenspiel gesteckt. Am Ende sei er auf 27.000 Euro Mietschulden sitzengeblieben, die Freundin zog mit einem anderen nach Spanien. „Ich hab das Vertrauen komplett verloren“, sagt Andreas.