Vorletzte Nacht gab es neue Socken, Unterhosen und Pullover. Ein Fest für die zwei Männer und eine Frau, die in ihren zerschlissenen Sachen auf den Fliesen lagern. Ein Mann liegt im Schlafsack, der andere auf Pappen mit einer Decke darauf, die Frau sitzt auf dem Boden. Bald kommen noch ein dritter und vierter Mann dazu.

Es ist 1.20 Uhr. Wir sind im U-Bahnhof Schillingstraße in Mitte. Er ist neben dem Bahnhof Südstern auf der U7 der einzige, der ab November auch in den Nächten von Sonntag bis Donnerstag geöffnet ist. Es sind Berlins sogenannte Kältebahnhöfe, offengehalten auf Wunsch des Senats. Ein dritter, der Bahnhof Hansaplatz auf der U9, ist voriges Jahr aus dem Programm genommen worden. Kein Bedarf, hieß es. Dort reichen die Plätze in der nahegelegenen Bahnhofsmission. Für den Rest der Stadt kann man das nicht sagen.

Rund 7000 Obdachlose gibt es in Berlin, Tendenz steigend. Vor allem aus Osteuropa kommen immer mehr. Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo, hat das Phänomen auf einer Veranstaltung zu Obdachlosigkeit in der City-West vor drei Wochen in drastische Worte gepackt: „Diese Leute sterben hier langsamer als in ihren Heimatländern.“ Während in Warschau oder in Moskau jeden Winter mindestens 30 Obdachlose nahezu lautlos erfrieren würden, gelte der Kältetod eines einzelnen Menschen in Berlin schon als Tragödie.

Ein Begegnungszentrum für Obdachlose am Bahnhof Zoo

Um die Zahl der Tragödien möglichst noch zu minimieren, bieten die Berliner Kältehilfe der Diakonie, Caritas und Deutsches Rotes Kreuz 745 Schlafplätze für Obdachlose an, die Auslastung liegt bei 93 Prozent. Die Zahl der Plätze soll auf 1000 erhöht werden, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) der Berliner Zeitung. Ab Anfang Januar werden zunächst weitere 65 Plätze zur Verfügung stehen, meldet Breitenbachs Verwaltung.

Hinzu kommen knapp 600 Notschlafplätze, allein 100 davon in der Traglufthalle „HalleLuja“, die seit vorigem Winter nicht mehr am Innsbrucker Platz steht, sondern am Containerbahnhof hinter dem Ring-Center Frankfurter Allee. Alles nicht genug, deswegen sind die Kältebahnhöfe der BVG so wichtig. Hier finden sich nachts alle ein, die nicht wissen wohin. Die Schutz suchen. Vor dem Frost. Und vor Menschen, die keine Obdachlosen mögen. Erst in der Nacht zum Ersten Weihnachtsfeiertag zündeten sieben junge Männer die Zeitung an, mit der sich ein Berber auf einer Bank im U-Bahnhof Schönleinstraße in Neukölln vor der Kälte schützen wollte. Nur das beherzte Eingreifen von Passanten rettete dem Mann das Leben.

Auch im Bahnhof Schillingstraße hat man von dem Mordversuch gehört. „Wir fürchten uns vor Gewalt“, sagt einer der Obdachlosen. „Ich bin auch schon mal durch einen Faustschlag ins Gesicht geweckt worden, einfach so.“ „Und ich durch einen Fußtritt“, sagt ein anderer. Und jetzt, kurz vor Jahresende, ist noch eine andere Angst spürbar: die vor Silvester. Allen ist mulmig beim Gedanken an alkoholisierte Gruppen meist junger Männer. Hier im Bahnhof wissen alle, dass sie leichte Opfer sind. „Silvester ist schlimm“, sagt einer.

Noch immer stöbern die Männer und die eine Frau in der Klamottentüte. „Das hier sieht doch gut aus.“ „Ein Pulli? Kann ich gut gebrauchen!“ „Hier, das könnte dir doch passen.“ „Was willst du denn mit Boxer-Shorts, das ist doch nichts für Frauen.“ „Na gut.“ Schließlich sind die Sachen verteilt und werden in die Schlafsäcke gestopft – oder unter die Decken. Bis auf ein Paar Socken. Die zieht sich einer der Männer gleich über die nackten, wunden Füße.

Der Bahnhof ist hell erleuchtet. Der letzte Zug ist vor zehn Minuten abgefahren. Die nächsten drei Stunden kommt keiner mehr, dann geht der Betrieb wieder los. Auf einem Zwischengeschoss liegen Menschen in Schlafsäcken – hinter jeder Säule einer. Männer. An einer Säule haben sich eine Frau und ein Mann unter Decken aneinandergekuschelt. Es ist kalt, zugig, aber es ist sauber. Um jede Lagerstatt herum liegen Habseligkeiten.

Ein paar Meter weiter ist die Treppe runter zum Bahnsteig, runter zu der Gruppe, die gerade noch die neue Kleidung verteilt hat. Hier unten ist es wärmer, kein Wind geht, hier steht die Luft. Es riecht nach menschlichen Ausdünstungen, nicht wirklich krass, als Großstädter ist man anderes gewohnt, aber man merkt’s. Trotzdem: Es ist ziemlich sauber.

Das ist offenbar nicht immer so. Kurz vor Weihnachten hat BVG-Chefin Sigrid Nikutta über die Kältebahnhöfe an den Senat geschrieben, einen sogenannten Alarmbrief. In manchen Nächten sei „die Situation nicht mehr menschenwürdig“, schreibt sie. Es mangele an sanitären Anlagen und es sei zu voll. Die Zahl der Bedürftigen sei im Vergleich stark gestiegen, sagt die BVG. Habe man im Vorjahr mal ein halbes Dutzend Gäste pro Bahnhof und Nacht gezählt, seien es in diesem Jahr deutlich mehr. Tatsächlich haben sich allein in der Schillingstraße in dieser Nacht zunächst elf Gäste eingefunden, gegen 2.15 Uhr kamen noch zwei.

Die BVG schafft es nicht mehr alleine. Sie sucht einen Kooperationspartner, der die Menschen aus den Kältebahnhöfen abholt und aufnimmt. An Bussen für den Transport solle es nicht mangeln. Sozialsenatorin Elke Breitenbach will sich Anfang Januar mit der BVG zu einem Krisengespräch treffen. Und auch die Bahnhofsmission am Zoo will aufrüsten. So soll ein Begegnungszentrum für Obdachlose entstehen, auf 500 Quadratmetern, mit Essensversorgung für täglich 700 Menschen, mit Beratungsräumen und Platz für Besuchergruppen.

Nach und nach verschwinden sie raus auf die Straße

Bis andernorts aufgestockt wird, werden die Kältebahnhöfe wohl am Netz bleiben. Zumal sich zumindest am Bahnhof Schillingstraße die Dinge offenbar sortiert haben. „Da oben, das sind grob gesagt die Trinker“, sagt der Sicherheitsmann und weist auf die Zwischenebene, „hier unten, das sind BTM’ler, Drogenabhängige. Wir kennen sie, sie kennen uns“, sagt er. Ein Stück Routine in einem Obdachlosen-Leben. Routine, die fast schon so etwas wie Nähe schafft.

Denn die Kleidung, die hier heute verteilt wurde, stammt von dem Sicherheitsmann. „Ich helfe, wenn ich kann.“ Also hat er seinen Wäscheschrank geplündert, den Rest haben Kollegen beigesteuert.

Sie passen auf, sprechen die Menschen an, wenn Müll rumfliegt – wenn sich einer mal wieder nicht an das Rauch- und Trinkverbot hält, randaliert oder einen anderen beklaut, setzen sie ihn vor die Tür. So sind die Regeln. Die Sicherheitsleute selbst haben hier unten einen Aufenthaltsraum mit Toilette. Bei Bedarf begleiten sie die Obdachlosen aufs Klo. Das geht nur, wenn man sich zumindest einigermaßen aufeinander verlassen kann.

Inzwischen ist es kurz vor 4.15 Uhr. Gleich kommt die erste Bahn. Wecken für die Obdachlosen. Sie müssen ihre Lager räumen, die meisten setzten sich erst einmal auf die Bänke. Nach und nach verschwinden sie, wieder raus auf die Straße. Geld organisieren fürs Essen, für die nächste Flasche oder ein paar Kippen. Am nächsten Abend werden viele von ihnen wiederkommen. Schutz suchen vor dem Frost.