Das Video mit dem Titel „Tatgeschehen Perspektive 1“ stammt aus einer Überwachungskamera der BVG. Als der elf Minuten lange tonlose Film am Freitag auf einer großen Leinwand abgespielt wird, ist es im voll besetzten Saal des Berliner Landgerichts still. Die Aufnahme zeigt mit erschreckender Klarheit, wie knapp ein Obdachloser im U-Bahnhof Schönleinstraße am Weihnachtstag des vorigen Jahres dem Tode entronnen ist.

Angeklagt sind sieben junge Flüchtlinge aus Syrien und Libyen. Bis auf einen müssen sich alle wegen versuchten Mordes verantworten. Der Hauptangeklagte Nour N. soll, einem spontan gefassten gemeinsamen Tatbeschluss folgend, versucht haben, den obdachlosen Mann anzuzünden. Doch an diesem zweiten Verhandlungstag bestreiten sie unisono, den Tod des 37-Jährigen billigend in Kauf genommen zu haben.

Als alleinreisende Minderjährige nach Deutschland

Auf dem Video ist das Opfer zu sehen, das auf dem Bahnsteig der Linie 8 auf einer Bank schläft. Eine helle Decke liegt über seinem Körper. Dann kommen die jungen Männer ins Bild. Sie nehmen auf der anderen Seite der Bank Platz. Um 2.03 Uhr ziehen sich einige von ihnen die Kapuzen ihrer Winterjacken über den Kopf, sie umkreisen die Bank. Wenige Sekunden später wirft einer von ihnen ein brennendes Taschentuch auf den Kopf des Schlafenden. Die jungen Männer laufen weg. Die Flammen werden größer, Rauch ist zu sehen.

Das Video hat den Staatsanwalt Martin Glage dazu gebracht, sechs der im Video zu sehenden Personen wegen versuchten Mordes anzuklagen. Nach seinen Angaben hätte der schlafende Mann qualvoll verbrennen können. Der siebte Angeklagte steht wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht. Die meisten der 16 bis 21 Jahre alten Angeklagten kamen als alleinreisende Minderjährige nach Deutschland.

Nur ein „Streich“

Der mutmaßliche Mordanschlag hatte damals die Debatte um die Flüchtlingspolitik, um unbegleitete Minderjährige und um deren Integration angefacht. Dabei lebten fast alle Angeklagten nicht in den Massenunterkünften. „Die Tat hat ein verheerendes Licht auf Flüchtlinge geworfen“, hatte Alexander Wendt, der Verteidiger des Hauptangeklagte Nour N., bereits zu Prozessbeginn am Dienstag erklärt.

Nour N. ist mit seinen 21 Jahren der älteste, zugleich aber auch der kleinste und schmächtigste der mutmaßlichen Täter. In einer Erklärung, die sein Anwalt verliest, gibt er zu, derjenige gewesen zu sein, der das Feuer auf der Bank gelegt habe. Er will in der Tatnacht erhebliche Mengen Alkohol und Drogen konsumiert haben: Haschisch, Wodka, Heroin, Ecstasy.

Er habe dem Obdachlosen nur einen „Streich“ spielen, ihn „durch ein kleines Feuerchen“ aufschrecken wollen. „Ich habe darauf vertraut, dass nichts Schlimmeres passiert.“ Er schäme sich für sein Handeln.

Nur Passanten verhinderten schlimmeres

Ein 18-jähriger Angeklagter sagt aus, auf dem Bahnsteig habe eine ganz „normale, friedliche Atmosphäre“ geherrscht. Man habe Nour N. sogar aufgefordert, das mit dem Feuer zu lassen. Dass er auf einer Filmsequenz belustigt gewirkt habe, sei ein Ausdruck seiner Hilflosigkeit gewesen. „Wir sind im Bewusstsein dort weg, dass das Feuer nicht brennt“, sagt er.

Im Prozess soll das Verfahren gegen den 17-Jährigen abgetrennt werden, der wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt ist. „Das ist eine andere Qualität des Tatvorwurfs“, erklärt Regina Alex, die Vorsitzende Richterin. Der Jugendliche saß die ganze Zeit auf der Bank, hantierte mit seinem Handy und ergriff mit den anderen die Flucht.

Auf dem Video vom Tatort fährt um 2.05 Uhr eine U-Bahn ein. Ein Fahrgast steigt aus, läuft zu der Bank, weckt den Schlafenden und zerrt gleichzeitig den brennenden Rucksack unter ihm weg. Kurz darauf kommt der Zugführer mit einem Feuerlöscher angelaufen. Der Obdachlose bleibt unverletzt. Nur durch das beherzte Einschreiten der Leute aus dem Zug sei Schlimmeres verhindert worden, ist sich der Staatsanwalt sicher.