Berlin - „Keine Räumung bei -10 Grad“ steht in leuchtender Schrift auf einem Bettlaken am Obdachlosencamp. Doch der Wunsch der Bewohner in den Zelten und Baracken auf dem Platz an der Rummelsburger Bucht blieb in der Nacht zu Sonnabend unbeachtet. Rund 100 Obdachlose mussten ihre Unterkunft verlassen. Etwa die Hälfte von ihnen ist zur provisorischen Unterbringung in eine Traglufthalle hinter dem Ring-Center in der Frankfurter Allee gebracht worden. Wiederum andere hätten die bereitgestellte Unterkunft abgelehnt, sagte der stellvertretende Bürgermeister von Lichtenberg, Kevin Hönicke (SPD), nach der Räumung.

Zuvor hatte sich der Bezirk angesichts des erwarteten Kälteeinbruchs dazu entschieden, das Obdachlosencamp aufzulösen. „Wegen des Wetters mit Kälte, Schnee und Feuchtigkeit ist die Lage sehr bedrohlich, wir können nicht mehr gewährleisten, dass Leib und Leben für die Menschen hier gesichert sind“, hatte Hönicke am Freitag gesagt.

Die humanitäre Aktion kam bei den Campbewohnern, aber auch bei anderen Gruppierungen nicht gut an. Von zahlreichen Linksradikalen gab es Gegenwind. In der Nacht zu Sonnabend hatten sich mehr als 100 Demonstranten vor dem Camp versammelt. Sie forderten, dass die Obdachlosen in ihrer Unterkunft bleiben dürfen. In einer Mitteilung der Unterstützer hieß es: „Die kälteste Woche des Jahres bei Temperaturen von -12 Grad steht bevor, Corona-Inzidenzzahlen sind nach wie vor hoch, und die Berliner Polizei und Politik hat nichts Besseres zu tun, als den Ärmsten der Armen ihre Unterkunft, Feuerstellen und Besitz wegzunehmen.“ Drei Demonstranten kletterten dabei über die Umzäunung des Camps und erklommen ein Baugerät, bevor Polizisten sie wieder vom Gelände geleiteten.

Kritik an der Durchführung der Maßnahme äußerte auch Daniela Ehlers, Grünen-Politikerin im Lichtenberger Bezirksparlament. „Ich finde es sinnvoll, Menschen in winter- und wetterfeste Unterkünfte zu bringen. Aber ob man das nachts bei Schneesturm machen muss, wage ich klar zu bezweifeln“, sagte sie dem RBB. Es sei schon länger bekannt, dass es kalt werde würde, so Ehlers. „Ich frage, warum man Menschen in der Nacht überrumpeln muss.“

Der Konflikt um das Gelände an der Rummelsburger Bucht kocht seit Jahren hoch. Auf der Brache lebten die Menschen in Zelten und anderen Unterkünften. Bei der Obdachlosenzählung in Berlin vor einem Jahr war es der Ort mit den meisten Obdachlosen: 81. Das Areal ist Bauland. Dort sollen Wohnungen und die Touristen-Attraktion „Coral World“ entstehen. Die Bagger für den Abriss des Geländes stehen schon bereit. Gerade das werde aber vergessen, kritisieren Gegner der Räumung auf dem Internetportal „indymedia“. Dort mutmaßt man, dass die Räumung mit Absicht geschah. „Wäre es nicht ein total gutes Argument, Menschen wegen ‚Kälteschutz‘ aus ihrem Zuhause zu vertreiben und dann ‚Ups‘ ihr Zuhause zu zerstören, und dann ‚Ach, wie praktisch‘ einfach direkt anfangen können, zu bauen?“ 

Der stellvertretende Bürgermeister Hönicke hatte vor der Räumung allerdings erklärt, dass er die Zusage der Eigentümerin des Geländes habe, dass das Camp bis auf Weiteres nicht zerstört werde. Am Tag nach der Räumung hatte es Berichte gegeben, wonach die Notunterkünfte der Obdachlosen bereits abgerissen würden. Das wurde von Hönicke dementiert. Dieses Versprechen scheint zumindest am Sonntagmittag weiterhin zu gelten: Am Obdachlosencamp hängen mehrere Plakate, auf denen zu lesen ist, dass bis zum 12. Februar in Sachen Abriss nichts passieren soll. Bis dahin hätten die Bewohner täglich zwischen 13 und 16 Uhr Zeit, ihre persönlichen Sachen aus dem Camp abzuholen. Aus diesem Grund warten Männer in orangefarbenen Westen an einer aus Paletten angefertigten Eingangstür zum Camp. Sprechen will hier keiner. Die Polizei fährt vorbei und erkundigt sich kurz bei den Männern nach der Lage. Großer Andrang herrscht allerdings nicht.

Möglicherweise befinden sich viele der Bewohner bereits in einem Hostel an der Boxhagener Straße in Friedrichshain. Auf einem Pappschild ist zu lesen, dass man dort 24 Stunden durchgängig bleiben könne. Auch ein längerer Aufenthalt sei möglich. Rund 100 Betten sollen in dem Hostel zur Verfügung stehen. Eine dauerhafte Perspektive ist allerdings nicht zu erkennen. „Ich fürchte, dass vielen Menschen mit dieser nächtlichen Aktion nicht geholfen ist“, erklärte die Bezirksverordnete Daniela Ehlers. Ins Camp zurückkehren dürften die letzten Bewohner des Geländes an der Rummelsburger Bucht wohl kaum.

Am Fahrradstellplatz vor dem Gelände hängt ein Schild des Bezirksamtes Lichtenberg, auf dem steht, dass die Abstellung von Fahrrädern ab dem 8. Februar dort verboten sei. „Die Anlage wird ab dem 11. Februar zurückgebaut“, ist zu lesen. Die Bagger dürften ab Ende der kommenden Woche wohl zum Einsatz kommen – und damit rund 100 Obdachlose endgültig ihre Unterkunft verlieren.