Der Speisesaal bleibt geschlossen, die Helfer reichen das Mittagessen durch das Fenster. Es gibt nur einen kalten Imbiss, belegte Brötchen, Nudelsalat, Joghurt und Melone. Polizisten im Streifenwagen sorgen rund um die Uhr dafür, dass es ruhig zugeht auf der weniger schönen Seite vom Bahnhof Zoo. In der Bahnhofsmission läuft in dieser Woche vieles anders, als es die Obdachlosen und Hilfebedürftigen kennen.

Dort können sie sich jeden Tag kostenloses Essen abholen, duschen und sich saubere Kleidung geben lassen. Die Einrichtung am Zoo ist der bekannteste Treffpunkt für die ärmsten Menschen in dieser Stadt. Und es werden immer mehr. In Berlin leben derzeit bis zu 10.000 Menschen auf der Straße.

Für die Beschäftigten in der Bahnhofsmission bedeutet das immer mehr Arbeit – unter zunehmend verschärften Bedingungen. Nun haben sie darauf reagiert, indem sie ihr Angebot reduzierten. „Wir sind an der Obergrenze der Belastbarkeit angelangt“, sagt Dieter Puhl, Leiter der Einrichtung. „Wir setzen ein Signal. Es muss sich etwas ändern“, fordert der 59-jährige Sozialarbeiter. Seit 25 Jahren ist er in der Obdachlosenhilfe aktiv.

In Konflikten schnell aggressiv

Kamen vor acht Jahren täglich rund 400 Bedürftige in die Bahnhofsmission am Zoo, sind es heute bis zu 700 Menschen. Sieben fest angestellte Mitarbeiter sind dort beschäftigt, es müssten doppelt so viele sein, um die Obdachlosen gut zu betreuen, sagt Puhl. Viele Wohnungslose sind psychisch krank, sie haben Alkoholprobleme und reagieren in Konflikten schnell aggressiv.

Puhl sagt, eine krisenpsychologische Betreuung für die Hilfebedürftigen sei dringend nötig. Die Wohnungslosen hätten keinerlei Chance auf eine Betreuung und psychologische Behandlung, die sie so dringend brauchen. „Die Menschen werden hilfloser, die Hilfsangebote stagnieren, und alles wird immer schwieriger zu handhaben.“ Darum müssen die Mitarbeiter der Bahnhofsmission immer öfter die Polizei rufen, weil es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt.

Der jüngste Vorfall passierte am vergangenen Sonnabend. Eine obdachlose Frau wollte sich am Abend eine neue Jacke aus der Kleiderkammer holen. Eine Mitarbeiterin lehnte das ab, weil die Frau bereits eine Jacke trug. Die Frau holte Verstärkung, acht Männer wollten ins Haus stürmen. „Es flogen Fäuste und Flaschen“, schildert Puhl diese Situation. „Messer wurden gezückt, es brodelte wohl etwas Wahnsinn kombiniert mit fünf Promille, leider bei vielen.“ Die Polizei rückte mit 25 Beamten an und konnte die Situation beruhigen. Es war der dritte Polizeieinsatz in dieser Größenordnung innerhalb von zwei Monaten, sagt Dieter Puhl.

Nun gehört die Bahnhofsmission, auch dank Puhls charismatischem Auftreten, zu den Hilfseinrichtungen, die viele Spenden bekommen. Die Deutsche Bahn etwa hat gleich neben der Bahnhofsmission ein Hygienecenter für 350.000 Euro errichtet, pro Tag kommen rund hundert Menschen zum Duschen. Der Senat unterstützt das Center mit 150.000 Euro im Jahr. Mit weiteren 250.000 Euro jährlich sichert er die Arbeit der Bahnhofsmission am Zoo. Eine 500 Quadratmeter große Fläche im Bahnhofsgebäude wird derzeit zum Beratungs- und Bildungszentrum zum Thema Obdachlosigkeit umgebaut. Die Bahn stellt diese Räume 25 Jahre mietfrei zur Verfügung, der Senat gibt 160.000 Euro dazu. „Doch das alles reicht bei weitem nicht“, sagt Puhl.

Lebens- und Leidensgeschichten

Dieter Puhl schaut zu den Menschen in der Warteschlange. Gekrümmt stehen viele da, manche halten den Blick gesenkt, sie tragen zerschlissene Kleidung, stützen sich auf Krücken oder sitzen im Rollstuhl. Freundlich reichen manche der Wartenden Dieter Puhl die Hand. Wenn sie lachen, sieht man Lücken, wo einst Zähne waren. Dieter Puhl kennt die meisten, sie haben ihm ihre Lebens- und Leidensgeschichten erzählt. Wie sie gestrauchelt sind und alles nur noch abwärts ging. „Es sind zum Teil sehr kranke Menschen, denen eine psychiatrische Grundversorgung fehlt“, sagt Puhl und zieht ratlos die Schultern hoch. „Doch wer ist dafür zuständig?“ Die Bahnhofsmission könne nur ein niedrigschwelliges Angebot liefern, seine Mitarbeiter seien keine ausgebildeten Fachkräfte.

„Es fehlen Angebote“, bestätigt dann auch Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) der Berliner Zeitung. Sie sei im Gespräch mit der Stadtmission und den Bezirksämtern, wie man die Situation entschärfen könne. Das sei nicht einfach. Obdachlose aus Osteuropa hätten keinen Anspruch auf medizinische Leistungen, sie müssen eine Arbeit nachweisen. Die Senatorin versichert, dass sie vor allem für wohnungslose Frauen mehr Angebote schaffen will: „Diese Frauen sind unglaublicher Gewalt ausgesetzt.“ Über weitere Anlaufstellen werde verhandelt. „Doch kurzfristige Lösungen gibt es nicht“, sagt Elke Breitenbach.