Obdachlose am Bahnhof Zoo: Die Zählung sollte Auskunft darüber geben, wie viele Schlafplätze es für welche Bedarfsgruppen braucht. Eigentlich.
Foto: dpa/Paul Zinken

BerlinEin bisschen aufgeregt sind sie schon. Die Studentin, der pensionierte Arzt, der Entwicklungshelfer. 35 Männer und Frauen sind es, die in der Nacht zum Donnerstag im Gemeinschaftsraum im Haus Britz im südlichen Neukölln auf roten Holzstühlen sitzen, in Winterpullis, mit Schals und Mützen bekleidet, und sich leise miteinander unterhalten.

Sie kennen sich nicht, haben aber in dieser Nacht alle ein Ziel und ein Gesprächsthema, das sie verbindet: Sie wollen in dieser Nacht Obdachlose in Berlin zählen, in der „Nacht der Solidarität“, wie sie der Berliner Senat nennt, eine der größten Freiwilligenaktionen Berlins.  Sie wollen – manche zum ersten Mal überhaupt – mit jenen reden, die in Berlin auf der Straße leben, verstehen, warum es in Berlin so viele von ihnen gibt und wie es ihnen geht.

„Obdachlosigkeit ist so präsent in Berlin. Ich will verstehen, was um mich rum passiert“, hofft Jan, 34, der bei einer Organisation für Entwicklungszusammenarbeit angestellt ist. Wirtschaftsstudentin Michelle will „Empathie zeigen, Aufmerksamkeit und Würde schenken“, sagt sie. „Persönlich in Kontakt kommen“, sagt Martin, 75, der früher Arzt war.

Schaden oder Hilfe?

Doch dazu wird es in dieser Nacht nicht kommen. Zumindest nicht in diesem Zählbüro in Britz, das eines von 62 temporären Büros ist, die  in Gebäuden von Bürgerinitiativen und Vereinen eingerichtet wurden. Stattdessen wird am Ende dieser Nacht, in wenigen Stunden, die Frage im Raum stehen, ob die riesige Freiwilligenaktion des Senats in dieser Form überhaupt Sinn macht. Mehr noch: Ob nicht vielleicht die Aktion, so gut sie von Senat und Freiwilligen gemeint ist, nicht sogar jenen schadet, denen sie eigentlich helfen soll.

Die Zählung der Obdachlosen ist das bedeutendste Projekt von Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) bisher. Es sollte nicht weniger als eine Trendwende in der oft so schwierigen Obdachlosenpolitik bedeuten, so die große Hoffnung.  Denn es sollte die Wurzel vieler Probleme in der Obdachlosenhilfe angehen: Die Zielgruppe hat nicht nur keine Wohnung, sie ist oft komplett aus dem System gefallen.

Andere Menschen werden durch Meldungen bei den Behörden, wie Steuererklärungen oder Wohnsitzmeldungen, erfasst und ihre Bedürfnisse in Statistiken der Politik automatisch eingeplant – zum Beispiel bei der Planung neuer Wohngebiete und dem Schulbau. Über seine Obdachlosen aber weiß das Land Berlin ebenso wie der Bund so gut wie nichts. Nicht einmal, wie viele es überhaupt sind.

Breitenbachs bedeutendstes Projekt 

Die Schätzungen von Sozialverbänden reichen von 6000 Obdachlosen in Berlin bis rauf zu 20.000. Wie viele Frauen sind dabei? Wie viele Behinderte? Wie viele Notschlafplätze muss es für sie geben? Die Politik weiß es nicht. Sie hat sich bisher auch wenig Mühe gegeben, das zu ändern. Elke Breitenbach ist die Erste, die es mit der Obachlosenzählung überhaupt versucht, der ersten in Berlin und ganz Deutschland. Die Medienresonanz ist deswegen riesig: Fernsehteams und Reporter aus ganz Deutschland und sogar dem europäischen Ausland berichten über die Aktion.

Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) mit dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) 
Foto: dpa/Paul Zinken

Doch das Projekt ist schon vorab umstritten, sein Ausgang unklar: Es kann komplett scheitern. Denn Obdachlose sind nicht nur aus dem staatlichen System gefallen – sie misstrauen dem Staat oft auch, der in ihrem Leben vor allem auftritt in Form von harschen BVG-Sicherheitskräften und Polizisten, die sie vertreiben. Wie relevant die Zahlen sind, die hier heute erhoben werden, hängt nicht nur davon ab, dass die Freiwilligen ihren Job gewissenhaft machen – sondern auch davon, ob sich die Obdachlosen überhaupt zählen lassen. 

Die Skepsis in der Szene, auch unter Obdachlosenhelfern, ist groß: „Man zählt Tiere, nicht Menschen“, kritisierte etwa die „Selbstvertretung wohnungsloser Menschen“ am Tag vor der Aktion. Die Zählung wirke auf Wohnungslose rasch bedrohlich, sei würdelos – und sinnlos, weil die erhobenen Zahlen nicht valide seien. So würden zum Beispiel Obdachlose, die regulär in Parks, Kellern, Kleingärten oder im Wald übernachteten, gar nicht gezählt – oder jene, die sich der Zählung entzögen.

Keine Fotos, keine Aufdringlichkeit, kein Zwang 

Der Senatssozialverwaltung ist diese Möglichkeit bewusst, sie schult die Freiwilligen in den Zählbüros deswegen vorab und vermittelt einen Verhaltenskodex. In Britz erklären zwei Mitarbeiter der Verwaltung ab 20 Uhr kurz, welche Regeln gelten: Es dürfen keine Fotos gemacht, niemand aufgeweckt und Menschen nicht direkt mit Taschenlampen angeleuchtet werden. Wer nicht reden will, soll unbedingt in Ruhe gelassen werden.  

Dann stellen sich neun Teamleiter vor. In Britz haben sie keine besonderen Qualifikationen. „Ick bin ooch net schlauer als andere“, sagt Ralf, 54, in dessen Team ich und Jan mitlaufen werden. Ralf arbeitet nicht mit Obdachlosen, kennt auch die Gegend in Britz, in der wir zählen sollen, nicht – wie fast alle hier. Er hat sich vorab über Google Maps die Gegend per Satellit angeschaut.

Berlin wurde von der Senatssozialverwaltung auf der Karte in 617 Quadranten eingeteilt. Jedes Gebiet soll von einer Gruppe Freiwilliger gründlich durchkämmt werden. Weil von den insgesamt angemeldeten 3 700 Freiwilligen nur 2 600 auch tatsächlich erscheinen, läuft es in den meisten Zählbüros wie in Britz: Statt wie geplant in Fünfer- oder Siebener-Teams zieht man nur zu viert, mindestens aber zu dritt los. Ich schließe mich Ralf und Jan an.

Ein laminierter Stadtplan zeigt uns schraffiert das Gebiet und die Straßen die wir ablaufen sollen: ein recht großes Dreieck, das vom Britzer Damm, dem Tempelhofer Weg und dem Teltowkanal eingegrenzt wird. Schon zuvor haben die Mitarbeiter der Sozialverwaltung Beutel und blaue Westen mit der Aufschrift „Nacht der Solidarität“ verteilt, die auch als Ticket-Ersatz für die BVG gelten.

Neun Teams zählen nicht einen einzigen Obdachlosen

Wir streifen unsere Freiwilligen-Uniform über, ziehen los und fangen, wie verlangt, genau ab 22 Uhr an, unser Gebiet abzulaufen. Es gibt hier viel Industrie und einige Wohngebiete. Wir laufen vorbei an Autolackierereien und Bürogebäuden, streifen über kleine Wege rundum perfekt gemähte Vorgärten. Wir wollen unseren Job gut machen, und lassen deshalb keinen Weg aus – auch wenn wir uns manchmal nicht ganz sicher sind, ob wir öffentliches oder privates Gelände betreten.  

Angedacht war, den Obdachlosen fünf Fragen zu stellen - zum Beispiel nach ungefährem Alter, Herkunft und Dauer des Lebens auf der Straße.
Foto: dpa/Zinken

„Hier würde ich mich auch nirgendwo hinlegen“, stellen wir immer wieder fest. Am Kanal stehen zwar Bänke – aber der Wind pfeift scharf, es ist kalt und feucht am Wasser. In den Vorgärten der Wohnblocks steht man unter Beobachtung. Der Parkplatz vom Netto bietet keinerlei Unterschlupf.

Um 0.20 Uhr haben wir alle unsere Straßen durchlaufen. Wir haben nicht einen einzigen Obdachlosen angetroffen, stattdessen zehn Kaninchen und einen Fuchs gezählt.

Als wir durchgefroren zurückkehren in unser Zählbüro stellen wir fest: So wie uns ging es allen 35 Freiwilligen in den neun Teams, die aus dem Haus Britz loszogen. Kein einziger Obdachloser wurde gezählt.

Experte: „Sie wollten sich nicht zählen lassen“

Wir sitzen zusammen, grübeln, woran es gelegen hat. Die einhellige Meinung: In Britz gibt es einfach keine Obdachlosen. Doch Thomas de Vachroi belehrt uns eines Besseren.

De Vachroi ist Experte für Obdachlosigkeit in Britz. Er ist Armutsbeauftragter des Hauses Britz, in dem sich oft Obdachlose aufhalten, sowie des Diakoniewerks Simeons, das eine Wärmestube für Wohnungslose in der Weisestraße in Neukölln betreibt. Der 60-Jährige hat stechende, blaue Augen und sieht zehn Jahre jünger aus als er ist. Eigentlich ist de Vachroi heute einfach Gastgeber, ein äußerst warmherziger, der vorab von seinen Ehrenamtlichen Häppchen hat herrichten lassen, der uns jetzt, um 1 Uhr nachts, ein Bier serviert. Der lange erstmal nichts sagt, uns dann aber nicht im falschen Glauben lassen will, dass es in Britz keine Obdachlose gibt.

„Hier leben Obdachlose“, sagt de Vachroi. Seine Mitarbeiter kennen sie gut, kennen ihre Namen und wissen auch, wo sie schlafen – eigentlich zum Beispiel, auch bei diesem Wetter, auf den Parkbänken am Kanal, die unser Team als vermutlich zu zugig befand.

Warum aber waren diese Menschen heute Nacht nicht da? Das sei kein Zufall, sagt de Vachroi. Sie hätten von der Obdachlosenzählung gehört, die ja beworben und in der Community verbreitet wurde. „Sie wollten sich nicht zählen lassen“, sagt de Vachroi.

Thomas de Vachroi, Armutsbeauftragter des Dia­ko­nie­werks Simeon
Foto: BLZ/Andreas Klug

„Scheiße, wir haben sie vertrieben!“

Plötzlich wird uns der krasse Kontrast bewusst: der Eifer, die Vorfreude der Freiwilligen – und die Ablehnung, womöglich gar die Furcht derer, denen man Gutes tun wollte. „Das ist doch Scheiße“, sagt eine Freiwillige, „wir haben sie vertrieben!“

De Vachroi teilt die Empörung nicht. Die Zählung sei ein Pilotprojekt, sagt er, ein wichtiger, erster Versuch. Denn er teilt Breitenbachs Anliegen, er kennt die Nöte der Politik mit der schwer erreichbaren Zielgruppe. Die Aktion sei wichtig, sagt er. Doch in Britz sei dieser Test offensichtlich gescheitert. Jetzt müsse man auf die berlinweite Auswertung warten, die am 7. Februar vorgestellt werden soll.

Wir fragen de Vachroi, was die Gründe dafür sind, dass die Obdachlosen vor der Aktion, vor den Freiwilligen flohen? Und wie man es besser machen kann? De Vachroi lehnt es ab, für Obdachlose zu sprechen. Genau diesen paternalistischen Umgang - die Obdachlosen so zu behandeln, als könnten sie nicht für sich selbst sprechen - lehnt er rigoros ab. „Jede Biografie ist einzigartig“, sagt er. Es könne viele Gründe haben, warum sich die Obdachlosen der Zählung entzogen hätten. „Jetzt muss man diese Menschen fragen, warum sie nicht da waren.“

Doch, auch das sagt de Vachroi, das ist nicht einfach. Wer mit Obdachlosen auf Augenhöhe reden und ihr Vertrauen gewinnen will, der müsse viel Zeit investieren, sie sehr gut kennen. Was daran liege, dass diese Menschen ihr Leben komplett in der Öffentlichkeit führen müssten – und von dieser Öffentlichkeit ständig verurteilt und drangsaliert würden.

Er sagt es nicht explizit, aber: Dreierteams in blauen Westen, die in nur drei Stunden die gesamte Stadt durchkämmen, dürfte er vor diesem Hintergrund wohl nicht für die geeignete Methode halten. „Aber ich habe auch keine Lösung“, sagt de Vachroi und hebt hilflos die Hände.

Eine der größten Freiwilligen-Aktionen Berlins

Freiwillige: 
3 700 Freiwillige hatten sich vorab angemeldet, nur 2 600 kamen tatsächlich. Für die Senatssozialverwaltung keine Überraschung: Man wisse aus der Freiwilligenarbeit, dass es fast immer eine Differenz von bis zu einem Drittel gebe.

Gebiete:
Die Stadt wurde in 617 Gebiete eingeteilt. Nur in zwei Gebieten in Köpenick und Schöneberg erfolgte wegen Krankmeldungen von Teamleitern keine Zählung. Die Verwaltung erhebt auch, wie viele Obdachlose in der Notaufnahme der Charité waren.

Ergebnisse:
Die Ergebnisse werden nun von der Senatssozialverwaltung ausgewertet. Sie sollen am 7. Februar vorliegen. Die Sozialverwaltung will Teamleiter, Sozialverbände und - arbeiter fragen, welches Feedback sie erhalten haben.

Aus Sicht der Senatsverwaltung für Soziales war die Aktion dennoch ein Erfolg. „Die Menschen können sich natürlich entziehen“, sagt Sprecher Stefan Strauss. „Wir machen keine Zwangszählung.“

Was aber, wenn sich sehr viele Obdachlose der Zählung entzogen? Wenn die Zahl, die am 7. Februar verkündet wird, die schließlich dazu dienen soll, Bedarfe besser zuzuschneiden, am Ende vollkommen unrealisitisch und viel zu niedrig ist? „Das Ergebnis ist eine Ausgangszahl“, sagt Strauss. „Wir sind dann immerhin weitaus näher an der Realität als die Schätzungen, die es bisher gibt.“