Obdachlosenzeitung in Berlin: Karuna Kompass ist der Nachfolger des Strassenfegers

Der Unterschied ist klein, aber sofort sichtbar: Petra E. hat jetzt keine Tinte mehr an den Fingern. „Auch die Kunden merken, dass die neue Zeitung anders gedruckt ist, dass die Farbe nicht mehr schmiert“, sagt die 59-Jährige. Seit 15 Jahren verkauft Petra E. Obdachlosenzeitungen am Hauptbahnhof. Erst den Strassenfeger, bis zu dessen Aus vor rund zwei Monaten. Seit Anfang August bietet sie nun den Karuna Kompass an, jenes Blatt, das sich als Nachfolger versteht und doch eine eigene Linie sucht. Wie die aussehen sollte, darüber diskutieren Verkäufer und Macher aktuell rege.

„Ich finde es nicht gut, dass die Verkäufer die neue Zeitung geschenkt kriegen, dass sie den Erlös von 1,50 Euro komplett behalten“, sagt Rentner Helmut Cladders, der bereits in der Ausgabestelle des Strassenfegers arbeitete und sich nun auch beim neuen Magazin um den Vertrieb kümmert. Das Modell anderer Straßenzeitungen schreibt den Verkäufern nur einen Teil der Einnahmen zu. So kaufen Menschen etwa das Berliner Konkurrenzblatt Motz für 40 Cent ein, und dürfen es dann für 1,20 Euro weiterverkaufen. „Das verleiht dem Heft eine Wertigkeit“, sagt Cladders. „Sind die Zeitungen umsonst, wird ein nassgewordener Stapel vielleicht achtlos weggeworfen.“ Auch ändere sich die Rolle der Verkäufer von Unternehmern zu Empfängern von Almosen.

„Es wäre falsch, Geld zu verdienen“

Jörg Richert hat andere Argumente. Er ist Geschäftsführer des neuen Herausgebers Karuna, einer Genossenschaft für Kinder und Jugendliche in Not. „Wir sind der Meinung, dass die Verkäufer an einem Heft mehr verdienen sollten als einen Centbetrag“, sagt er. In der Genossenschaft bestehe keine Notwendigkeit, etwa Personal oder andere Kosten gegenzufinanzieren. „Unter unseren 70 Mitgliedern sind Firmen und Privatleute, die sich mit Layout, und Text auskennen. Sie kümmern sich ehrenamtlich, da würde es uns falsch vorkommen, Geld zu verdienen.“ Auch Wohnungslose steuern Texte bei, dann gegen ein Honorar.

Mit etwa 2000 bis 3000 Euro Druckkosten pro Monat rechnet Jörg Richert. Vom ersten Kompass gingen 10.000 Exemplare in den Druck, schon bald sollen es 15.000 jeden Monat sein. Die Verkäufer erhalten sie an vier Ausgabestellen: In einem Kiosk am Boxhagener Platz, in der Karuna-Zentrale in Schönholz sowie in zwei Büros in Mitte. Anders als der Strassenfeger nimmt das Blatt Anzeigen und Sponsorengeld entgegen, ein Partner ist etwa die BSR. Auch der Imagegewinn, den die Genossenschaft von ihrem Namen im Titel haben dürfte, ist nicht zu verachten.

Zukunftsorientiert und auf der Suche nach Lösungen

Inhaltlich will die Zeitung zukunftsorientierter sein als ihr Vorgänger. „Wir wollen die Leser mit den Problemen der Menschen auf der Straße nicht alleine lassen, ihnen nicht nur schildern, wie hart dieses Leben ist“, erklärt Jörg Richert. Stattdessen wolle man neue Lösungen aufzeigen und die Käufer zu Beteiligung ermutigen. Das aktuelle Heft stellt zum Beispiel ein amerikanisches Mini-Haus-Projekt und ein Modelabel vor, das ehemalige Straßenkinder zu Designern macht. Die Fotos sehen hochwertig aus, die Seiten sind luftig gestaltet wie in einem Magazin.

Ob die Käufer all das mitbekommen, weiß Petra E. nicht. „Viele sind genervt“, sagt sie. „Sie werden so oft angesprochen oder angeschnorrt, dass sie gar nicht mehr hinsehen, was ich verkaufe.“ Während früher Stammkunden auf einen Plausch kamen, auch schon einmal Wim Wenders oder Roger Willemsen, fühlten sich die Menschen heute bedrängt. Diebe und Betrüger seien unterwegs, gerade am Hauptbahnhof.

„Hier gibt es eine rumänische Bande, die mit Drohungen und Gewalt versucht, uns Verkäufer zu vertreiben, damit sie das Revier für sich hat. Die laufen mit einer Zeitung rum, wollen sie aber nicht verkaufen, sondern damit betteln.“ Petra E. wünscht sich, dass wie beim Strassenfeger nur lizenzierte Verkäufer mit Ausweis den Kompass verkaufen dürfen. Noch so ein Konzept, dass die Genossenschaft bisher ablehnt.

„Wir wollen die Verkäufer nicht kontrollieren“, sagt Jörg Richert dazu. „Wie sollte das auch gehen? Man kann ja Not nicht messen, klassifizieren oder aufwiegen.“ Einzig die Anzahl der Hefte, die ein Verkäufer mitnehmen darf, ist beschränkt. „Aber prinzipiell glauben wir, dass jeder, der sich Zeitungen abholt, sie auch irgendwie nötig haben wird.“