Zum ersten Mal huscht an diesem Freitag so etwas wie ein Lächeln über die Gesichter von fünf Angeklagten. Sie tragen alle Kopfhörer, mit denen sie die Stimme der Dolmetscherin in diesem Verfahren hören. Gerade hat sie die jüngste Entscheidung der Vorsitzenden Richterin Regina Alex übersetzt. „Die Kammer macht jetzt Nägel mit Köpfen“, hat Alex gesagt. Und die am 27. Dezember 2016 erlassenen Haftbefehle gegen fast alle Angeklagte aufgehoben. Jetzt sitzt nur noch der mutmaßliche Hauptverdächtige, Nour N., in Untersuchungshaft.

Die sechs Angeklagten, denen derzeit vor dem Landgericht der Prozess gemacht wird, stammen aus Syrien und Libyen. Die meisten von ihnen kamen als minderjährige unbegleitete Flüchtlinge nach Deutschland. Vor Gericht müssen sie sich wegen versuchten Mordes verantworten. Die 16 bis 21 Jahre alten Männer sollen versucht haben, in der Nacht zum ersten Weihnachtsfeiertag gegen 2 Uhr im U-Bahnhof Schönleinstraße einen schlafenden Obdachlosen anzuzünden und dabei billigend in Kauf genommen haben, dass der 37-Jährige in der „Folge selbst Feuer fangen und qualvoll verbrennen würde“, wie es in der Anklage heißt. Das Opfer blieb unverletzt, weil Fahrgäste eines einfahrenden Zugs den Mann weckten und die Flammen löschten. Bis auf Nour N. hatten sich die Angeklagten gestellt – als ihre Fotos aus der Überwachungskamera einer U-Bahn veröffentlicht wurden.

Unmut über Entscheidung

Dem Staatsanwalt Martin Glage merkt man am Nachmittag dieses siebten Verhandlungstages den Unmut über die Entscheidung des Gerichts, die Haftbefehle aufzuheben, an. Als er kurz nach 15 Uhr mit seinem Plädoyer beginnt, sagt er: „Mir ist bewusst, dass ich nur noch für die Galerie plädiere. Denn die Entscheidung ist durch die Haftentscheidung weitestgehend gefallen.“ Denn ein aufgehobener Haftbefehl bedeutet, dass die 13. Jugendstrafkammer nicht mehr von einem dringenden Tatverdacht des versuchten Mordes ausgeht.

Schon am Vormittag hatte die Richterin Alex den rechtlichen Hinweis gegeben, das für Nour N. durchaus auch eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung und für die anderen Angeklagten wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung oder unterlassener Hilfeleistung in Betracht kommen würde.

Für den Staatsanwalt ist das alles nicht nachvollziehbar. Glage ist sichtbar verstimmt. Und er bleibt bei seinem Vorwurf, den er durch die Hauptverhandlung bestätigt sieht. Er fordert in seinem Plädoyer für den Hauptangeklagten Nour N. wegen gemeinschaftlichen versuchten Mordes eine Freiheitsstrafe von vier Jahren. Zwei Mitangeklagte hält er der Mittäterschaft für überführt. Sie sollen nach seinem Willen für zwei Jahre und zehn Monate hinter Gitter. Für einen 18-Jährigen fordert Glage eine Haftstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten. Für die zwei restlichen Angeklagten plädiert der Staatsanwalt wegen Beihilfe zum versuchten Mord für eine Bewährungsstrafe. Glage sagt, für ihn spiele es eine untergeordnete Rolle, ob die Angeklagten syrische Flüchtlinge oder einheimische Berliner seien.

Laut Glage hätten die Angeklagten heimtückisch gehandelt, als sie den auf einer Bank tief schlafenden Obdachlosen attackierten. Fast sekundengenau kommentiert der Staatsanwalt die Tat, die von einer Überwachungskamera der BVG aufgenommen worden war. Aus dem Filmmaterial gehe eindeutig hervor, dass Nour N. der Wortführer der Gruppe gewesen sei. Und nicht so betrunken, wie der Angeklagte vorgegeben habe.

Zunächst, so Glage, hätte sich niemand um den schlafenden Mann gekümmert. Bis Nour N. um den Obdachlosen herumgetänzelt sei, ein Taschentuch entzündet und es in Richtung des Kopfes des Mannes geworfen habe. „Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, dass einer gesagt hat: Aufhören“, sagt der Anklagevertreter. Im Gegenteil: Alle hätten sich die Kapuzen übergeworfen, um nicht erkannt zu werden. Und seien dann davongelaufen. Glage zitiert zudem die Aussage eines Angeklagten bei der Polizei: „Alle wussten, was Nour N. vorhatte, denn er hat es vorher gesagt.“

Tod billigend in Kauf genommen

Für den Staatsanwalt steht fest, dass die Flammen von allen Angeklagten erkannt worden seien. Die Flammen, die auf eine Tüte übergriffen, auf der das Opfer gelegen habe. „Es war allen klar, dass das Feuer auf das Opfer übergreifen würde. Sie haben den Tod des Mannes zwar nicht beabsichtigt, aber Sie haben ihn zumindest billigend in Kauf genommen“, sagt Glage. Und er sei erstaunt darüber, dass die Kammer dies anders sehe.

Später verlassen fünf der Angeklagten den Gerichtssaal ohne Handschellen. Sie hatten den psychiatrischen Gutachterinnen und den Mitarbeitern der Jugendgerichtshilfe gesagt, dass sie nicht wüssten, warum sie in Haft säßen. Sie hätten doch nichts getan. Davon ist Martin Glage nicht überzeugt: „Was geschehen ist, konnten wir in guter Bildqualität verfolgen“, hat er gesagt.
Am Dienstag werden die Plädoyers der Anwälte erwartet, dann will das Gericht auch zu einem Urteil kommen.