Es gab Zeiten, da war der Kampf um die Rathäuser in den vier größten Städten des Landes Brandenburg ein landesweites Politikum. Da schickte zum Beispiel die auf Landesebene seit 1990 dauerregierende SPD Minister los, damit diese Dank ihrer Popularität möglichst die Städte Potsdam, Cottbus, Frankfurt (Oder) und Brandenburg/Havel in SPD-Hand halten. So trat der damalige Umweltminister Matthias Platzeck 1998 an, um Oberbürgermeister in Potsdam zu werden – nur um zu verhindern, dass ein PDS-Mann eine Landeshauptstadt regiert.

Die Zeiten der großen Namen sind längst vorbei. Auch der SPD fehlt dafür das nötige Personal. Nur noch die Stadt Potsdam ist in ihrer Hand. Dort wird an diesem Sonntag ein neuer Oberbürgermeister gewählt, aber es ist kein Kandidat dabei, der über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist. Dabei nimmt die Rolle der Stadt immer mehr zu.

Denn in Zeiten, in denen Berlin von Zuzüglern überquillt, und immer mehr Leute raus aufs Land ziehen, sorgen diese auch in Potsdam für eine gehörige Gentrifizierung und steigende Wohnungsnot. Der Potsdamer Hauptbahnhof ist nun mal nur 30 Bahnminuten vom Berliner Alexanderplatz entfernt.

Keiner hat einen Amtsinhaber-Bonus

Potsdam ist nicht irgendeine Stadt. Es ist jene Landeshauptstadt, die das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ nach der Wende zur „Hauptstadt der Jammer-Ossis“ erklärte, einige Jahre später dann aber zum München des Ostens und zur heimlichen Hauptstadt Ostdeutschlands. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Gern wird nun gesagt: „Dort, wo Berlin am schönsten ist, heißt es Potsdam.“

Bei der Wahl am Sonntag treten sechs Kandidaten an, von denen keiner einen Amtsinhaber-Bonus hat. Damit gilt es als eher unwahrscheinlich, dass am Sonntag bereits ein Sieger gekürt werden kann. Alles sieht eher nach einer Stichwahl aus.
Bislang gab es häufig ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Kandidaten von SPD und Linke, den knappesten Sieg fuhr der derzeitige Amtsinhaber Jann Jakobs von der SPD ein. Er war 2002 noch Beigeordneter der Stadt und zuständig für Ordnung und Umweltschutz. Dann besiegte er in der Stichwahl Hans-Jürgen Scharfenberg von der PDS mit genau 122 Stimmen.

Jann Jakobs regiert seit dem 28. November 2002 und sagt derzeit zum Thema OB-Wahl nur, dass am 27. November sein letzter Arbeitstag sein wird, und er vorher zu dem Thema nichts sagen wird. Er wird dann 16 Jahre oder 5843 Tage im Amt sein – und damit der OB mit der längsten Amtszeit seit 1990.

Seine Kritiker werfen ihm gern vor, dass er zu wenig Biss und Durchsetzungskraft habe. Trotz solcher Anwürfe der Konkurrenz wird Jakobs in die Geschichte eingehen als jener Rathauschef, in dessen Amtszeit die alte preußische Garnisonsstadt ihre zweite große Blüte erlebte.

Potsdam hat – anders als die anderen drei großen Städte des Landes – die Abwanderungswelle gestoppt: Seit etwa 2000 steigt die Bevölkerungszahl. Anders als Berlin legte Potsdam seit 2009 auch ein Wohnungsbauprogramm auf. Die kommunalen Gesellschaften sollen möglichst viel bauen, um den Anstieg der Mietpreise zu deckeln. Für mehr als 200 Millionen Euro wurden neue Schulen und Kitas gebaut.

Gern wird vergessen, dass Potsdam eben nicht nur die Stadt der Reichen ist, der Joops, Jauchs, Springers und Plattners, die in den Prachtvillen am Wasser leben, sondern dass die Hälfte der Bevölkerung in DDR-Plattenbauvierteln wohnt. Genau dort wurde in der Regierungszeit von Jakobs ordentlich saniert, der Stadtteil Drewitz mauserte sich zu einer Art Gartenstadt.

Jann Jakobs will in Potsdam bleiben

Dass nebenbei in Jakobs Amtszeit noch der Nachbau des Hohenzollernschlosses fertig wurde, freut ihn natürlich. Er ist ein Kämpfer dafür, dass die kriegszerstörte Innenstadt möglichst wieder mit vielen historisch orientierten Bauten nachempfunden wird – sie nennen es die Rückgewinnung der alten Mitte, die bislang eher leblos ist. So sieht nun das Privatmuseum des Milliardärs Hasso Plattner aus wie ein alter italienischer Palazzo.

Jann Jakobs stellte sich auch an die Spitze der Bewegung „Potsdam bekennt Farbe“, die mit massiven Gegendemonstrationen dafür sorgte, dass die Pegida-Bewegung in Potsdam mit ihren Demos aufgab.

Fest steht, dass Jakobs, gebürtiger Ostfriese, in Potsdam bleiben will. Er wohnte lange in einem der alten Häuser in der russischen Siedlung Alexandrowka. Inzwischen hat er ein Haus im Potsdamer Norden. Für die Zeit nach dem Ende seiner Amtszeit ist nur ein Plan bekannt: Er will mit seiner Frau nach Afrika reisen.