Es gibt kein Denkmal und keine Straße in Berlin, die nach Estrongo Nachama, dessen Geburtstag sich am 4. Mai 2018 zum 100. Mal jährt, benannt ist. Nichts im öffentlichen Raum erinnert an ihn. Allerdings verleiht seit 2013 die Berliner Meridian Stiftung einen nach ihm benannten Preis für Toleranz und Zivilcourage, „um die Erinnerung an den bekannten jüdischen Oberkantor wach zu halten und sein selbstloses Engagement gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung zu würdigen.“

Der Name Estrongo Nachama, jenes legendären Oberkantors der Berliner Jüdischen Gemeinde, der am 13. Januar 2000 in Berlin starb, ist dennoch weit über die Grenzen unserer, ihm zur Heimat gewordenen Stadt hinaus bekannt. Er amtierte in ihrer Jüdischen Gemeinde über 50 Jahre.

Estrongo, als Estrougo Nachama in einer wohlhabenden Getreidehändler-Familie im griechischen Thessaloniki geboren, hätte es sich nicht träumen lassen, dass er irgendwann einmal in Berlin landet, ausgerechnet in dieser Stadt, von der das ganze Grauen, das auch seine Familie so schrecklich traf, ausging.

Der Aufstieg des Kantors

Er überlebte Auschwitz. Er verlor seine Eltern, seine Schwestern, seine Braut. Nachdem er, 27 Jahre jung, aus dem KZ Sachsenhausen auf einen Todesmarsch geschickt und am 5. Mai 1945 befreit wurde, war ein Krankenhausaufenthalt notwendig. Kaum halbwegs genesen, führte ihn sein Weg in die Oranienburger Straße, wo er sich bei der Jüdischen Gemeinde am 25. April 1946 anmeldet. Der handschriftlich ausgefüllte Fragebogen hat sich wie alle diese Bögen erhalten und wird heute im Archiv des Centrum Judaicum bewahrt.

Hier befindet sich noch ein anderes ihn betreffendes Dokument, aus dem hervorgeht, dass er zum 15. Mai 1947 als Kantor bei der Berliner Jüdischen Gemeinde eingestellt wurde. Damit begann sein – fast möchte ich sagen – kometenhafter Aufstieg als Kantor der Synagoge Pestalozzistraße.

Nachama war aber mehr als „nur“ Kantor dieser Synagoge mit ihren 800 Plätzen. Er stand in der Öffentlichkeit für d i e Jüdische Gemeinde schlechthin, ja noch mehr: Er war im Wesentlichen (später neben Rabbiner Stein) derjenige, der die beiden Jüdischen Gemeinden in der geteilten Stadt eines geteilten Landes zusammengehalten hat. Seinem Wirken in beiden Gemeinden ist es zu verdanken, dass der mitunter schwierige Vereinigungsprozess am Ende erfolgreich war.

Chanukka-Ball im Café Moskau

Seit meiner Kindheit ist mir der Name Estrongo Nachama vertraut. Ich kann heute nicht mehr genau sagen, wann ich das erste Mal von ihm gehört habe, wann ich ihn wo erstmals gesehen habe, aber irgendwie ist auch er eine Größe meiner Kindheit.

Es ist zu vermuten, dass ich ihn erstmals bei einem der Synagogenkonzerte in „meiner“ Synagoge in der Rykestraße traf, die meist zweimal im Jahr (erstmals am 8. November 1953) stattfanden.

Es muss Ende der 1950er-Jahre gewesen sein: Ich erinnere mich ganz deutlich, dass Rabbiner Martin Riesenburger mir kurz vor einem Synagogenkonzert erzählte, wie stolz er darauf sei, dass es ihm gelungen sei, die zwei damaligen Westberliner Kantoren Nachama und Leo Roth (1921-2004) gemeinsam auf „die Bühne“ zu bringen; wenn auch nicht im Duett, so doch nacheinander.

Klatschte das Publikum damals in einer Synagoge nach der letzten Darbietung nicht, so gelang es dem Künstler bei späteren Konzerten dann doch, den Teilnehmern Beifallskundgebungen zu entlocken.

Danach wurde es wieder ruhig und der Oberkantor segnete singend sein Publikum mit dem Priestersegen „Es segne und behüte dich der Herr …“. Mich bewegt es immer wieder, wenn ich daran denke.

Beschneidungen, Eheschließungen, Beerdigungen

Nachama und Riesenburger, so erfuhr ich erst vor nicht langer Zeit, verband eine wirkliche Freundschaft. Nachama erwies ihm, wie so vielen, einen letzten Dienst und amtierte zu seiner Beerdigung – unvergessen, wenn er das entsprechende Gebet „Gott voller Erbarmen“, hebräisch und in der in Berlin einst üblichen Aussprache sang.

Verbunden hat Riesenburger und Nachama neben ihrem jeweiligen Verfolgungsschicksal und dem Einsatz für die so klein gewordene jüdische Gemeinschaft sicherlich der Wunsch, die Melodien des Schöpfers des modernen Synagogengesangs, Louis Lewandowski, zu bewahren. Das war eigentlich eine Liturgie, die Nachama, der ja aus einer ganz anderen religiösen Tradition stammte, fremd war und die ihm sowohl Kantor Leo Gollanin (1872-1948) als aber auch Riesenburger nahegebracht haben.

Ich kann nicht sagen, wie oft Nachama im Osten sang: bei Beschneidungen, Eheschließungen, Beerdigungen. Niemand – auch vermutlich er selbst nicht – hat es gezählt. Viele erinnern sich an sein Lichterzünden beim Chanukka-Ball der Ostberliner Jüdischen Gemeinde, der in der Regel im Café Moskau stattfand – ein Höhepunkt des jüdischen Jahres für die kleine Gemeinschaft, besonders durch seinen Gesang. Und natürlich ließ er sich relativ leicht vom Publikum überreden, neben den religiös gebotenen Gesängen auch anderes zum Besten zu geben. So jedes Jahr wieder das Lied „Wenn ich einmal reich wär’…“ aus Anatevka, dem Fiedler auf dem Dach. Zur Freude des Publikums änderte er zum Schluss den Text etwas und sang: „wär’ Nachama dann ein reicher Mann“.

Als er in dem großen Hollywood-Musical Cabaret mit Liza Minelli mit seinem grandiosen Bariton den Oberkantor gespielt hatte, scherzte er anschließend: „15 000 Mark haben sie mir gegeben, das war kein Geld, aber ich war froh.“

Es gab Menschen, die nicht zur Jüdischen Gemeinde gehörten, die sich aber Jahr für Jahr – und das war gar nicht so einfach – Karten für den Chanukka-Ball beschafften, nur um Nachama zu sehen und zu hören. Im Rundfunk – Ost wie West – war er überdies zu den jeweiligen „Sabbatfeiern“ präsent.

Nachama war immer da

Nachama – von allen liebevoll Eto genannt – war nicht jemand, der sich in die Gemeindepolitik der jeweiligen Gemeinde einmischte, aber wenn Menschen, die seiner Meinung nach zusammenhalten sollten, verzankt waren, dann handelte er. Ich kenne einen Fall, in dem er zerstrittene Geschwister mit fast brachialer Gewalt versöhnte. Viele hatten es vorher erfolglos versucht; ihm gelang das, was alle für unmöglich gehalten hatten, und niemand dankte es ihm mehr als die einstigen Kontrahenten. Nachama war eben in gewisser Weise harmoniesüchtig und mochte keinen Streit in der Gemeinschaft, wenngleich er für andere Kantoren mitunter kein leichter Partner war.

Nachama war immer da, wenn er gebraucht wurde. Durch seinen griechischen Pass und ein ständiges offizielles Visum war es ihm möglich, die Grenze am Checkpoint Charlie jederzeit zu passieren. Und er tat dies oft. Die Grenzer kannten ihn. Einer soll einmal leise, aber so, dass es dann doch hinter Nachama Wartende hörten, gesagt haben: „Vielen Dank für die Schallplatte, Herr Oberkantor.“

Ich erinnere mich deutlich eines Satzes der Verwaltungsleiterin der Ostberliner Gemeinde, den ich, als in den 1970er- und 1980er-Jahren die Kommunikation zwischen Ost und West und eben auch zwischen den Gemeinden schwierig war, zigmal gehört habe, wenn Leidtragende besorgt anfragten, ob der Westberliner Oberkantor zur Beerdigung amtieren werde. Die Antwort lautete stets: „Ich habe Nachama ein Telegramm geschickt, und Sie können sich darauf verlassen, dass er kommen wird.“

Anzüge vom Pankower Schneider

Wirklich bezahlen konnte ihn die Ostberliner Jüdische Gemeinde nicht. Für ihn war es eine Verpflichtung, auch für diese Gemeinde da zu sein. Eine gewisse Aufwandsentschädigung erhielt er allerdings, auch dafür, dass ihm die Aufsicht über das Großreinemachen der Fleischerei vor Pessach (Kaschern für Pessach) oblag.

Ich hoffe, dass sich ein Dokument aus jener Zeit erhalten hat, nämlich eine vom Ostberliner Magistrat ausgestellte Einkaufsbescheinigung in Höhe von 750 Ost-Mark, über die Nachama monatlich verfügte. Dadurch hatte er die Möglichkeit, die Aufwandsentschädigung auch sinnvoll zu verwenden. Er gab das Geld überwiegend in eben dieser Fleischerei aus.

Solange ich denken kann, ließ er sich übrigens seine Anzüge in einer Schneiderwerkstatt in Pankow machen. Als ich meinen ersten und einzigen Maßanzug zu meiner Barmizwa (April 1962) bekam, sah ich über dem Zuschneidetisch von Schneider Willi Bischoff in der Pankower Vinetastraße 55 einen Zeitungsausschnitt mit einem vergilbten Foto von Nachama. Er war wohl Bischoffs allererster Kunde nach dem Krieg, und beide blieben ein Leben lang verbunden.

Immer für seine Gemeinde

Ich empfinde persönlich gegenüber Estrongo Nachama eine besondere Dankbarkeit, weil er auch unser Leben bestimmt hat. Er war es, der mich und meine Frau am 27. März 1988 in dem kleinen Kulturraum der Ostberliner Jüdischen Gemeinde traute. Die Zeremonie vollzog zwar der damals in der „DDR-Hauptstadt“ amtierende US-amerikanische Rabbiner Isaac Neumann, aber in Erinnerung ist mir eigentlich nur Estrongo Nachama, der diese Zeremonie so besonders würdig gestaltet hat.

Zuverlässig und einsatzbereit für seine Gemeinde, ja seine Gemeinden muss man sagen, so wird uns Estrongo Nachama in Erinnerung bleiben.

Auf Lewandowskis Grabstein, der wie Estrongo ein halbes Jahrhundert für die Berliner Jüdische Gemeinde gewirkt hat, stehen die Worte des Neukantianers Hermann Cohen: „Liebe macht das Lied unsterblich!“ Sie gelten auch für den griechischen Kantor, dem Berlin zu seiner Heimat wurde und an dessen 100. Geburtstag heute erinnert sei.

Aus diesem Anlass wird auf den Tag genau in der Reihe „Jüdische Miniaturen“ ein Doppelporträt der Eheleute Lilli und Estrongo Nachama erscheinen. Hier kann man alle Details aus ihrer beider Leben nachlesen; Claudia Keller hat sie akribisch zusammengetragen.

Hermann Simon ist Gründungsdirektor des Centrum Judaicum.