Federic Sonnenberg kann sich noch gut an das erste Mal erinnern: „Diese Halle hat uns damals umgehauen. Wir wussten sofort, genau hier wollen wir arbeiten.“ ,Damals’ war vor drei Jahren, als die Produktdesigner Federic Sonnenberg und Jascha Vogel in der alten Backsteinhalle eines Kfz-Teile-Handels in Oberschöneweide standen. Sie waren auf der Suche nach einem Arbeitsort. Die Freunde, die sich vom Studium an der Universität der Künste kennen, haben genau dort ihre Arbeitsplätze eingerichtet. Und nicht nur sie: In der alten Werkshalle, zwischen einer Autowerkstatt und einer Glaserei, arbeiten heute 50 Designer, Kunsthandwerker und Künstler. Die Halle, die sie von einem Privatmann gemietet haben, bietet mit gut tausend Quadratmetern viel Platz, auch die Lage direkt an der Spree ist einfach ideal.

Jede Menge kreative Energie

KAOS nennen sie ihr Projekt, das in der Langfassung „Kreative Arbeitsgemeinschaft Oberschöneweide“ bedeutet. Und kreativ ist man tatsächlich. Filmemacher, Fotografen, Spieledesigner und Musiker haben dort ihre Arbeitsplätze, auch ein Psychologe, der nach seinem Studium lieber Regale und andere Produkte aus Holz und Metall fertigt. Ein Designer aus den USA bedruckt T-Shirts, ein Musiker aus Israel komponiert und produziert in einem Studio. Der 32-jährige Sonnenberg baut Möbel; Vogel, 41, beschäftigt sich unter anderem mit Lampen und Fahrradrahmen. „Jeder von uns hat sein Spezialgebiet, aber keiner muss allein vor sich hin arbeiten, es ist immer jemand da zum Ideenaustausch“, sagt Sonnenberg, der zum sechsköpfigen Leitungsteam von KAOS gehört.

Auch Okan Akgöl zählt dazu. Der 30-Jährige kam vor drei Jahren aus Istanbul, er ist Maler und schreibt gerade seine Masterarbeit in Design. Bei KAOS, sagt er, gefalle ihm der familiäre Zusammenhalt. Tatsächlich ähnelt das Projekt einer großen WG: Jeder hat seinen Bereich, und in der Gemeinschaftsküche treffen alle zusammen.

Spenden für die Zukunft

Zehn Werkstätten haben die Kreativen bislang in ihre Halle gebaut. Es gibt eine für Holzarbeiten, eine für Metallbearbeitung, ein Fotostudio und eine Dunkelkammer. Eine Goldschmiedin hat ein Studio, in einem anderen Raum experimentieren zwei junge Leute mit Bier-Rezepten. Es gibt auch Theateraufführungen und Konzerte.

Die Mieten für die Kreativen sind moderat: Für einen Werkstattplatz werden 300 Euro im Monat fällig, wer nur einen Schreibtisch braucht, zahlt 200 Euro. Bislang, sagen Sonnenberg und Vogel, hätten sie alles selbst gebaut und finanziert. Doch inzwischen stoße man an Grenzen: „KAOS soll als Marke bekannt und zukunftssicher gemacht werden, dafür brauchen wir professionelle Hilfe und vor allem Geld“, sagt Vogel. Geld wird unter anderem für ein Heizsystem, für neue Toiletten, für einen Lackierraum mit Abzugsfilter und für neue Maschinen benötigt. Deshalb wird nun gesammelt – bei einer Crowdfunding-Aktion im Internet (www.startnext.com/kaosberlin). Bislang sind 17 000 Euro zusammengekommen, gebraucht werden 38 000 Euro. Es sieht so aus, als würde die Aktion, die eigentlich am 11. Juni ausläuft, verlängert.

Am Freitagabend ist KAOS eines von sieben Kreativ-Projekten in Oberschöneweide bei der diesjährigen „Nachtschicht“ der Berliner Designer. Wenn dann im Ortsteil alles besichtigt ist, wird in der Halle am Spreeufer zur After-Party geladen.