Irmgard Köller ist Stammgast. Mindestens ein Mal pro Woche nimmt sie die Fähre F11 - meist, um in Oberschöneweide spazieren zu gehen. So auch an diesem nasskalten Februarsonntag. Um kurz nach 14 Uhr ist sie der 200. Fahrgast des Tages. Kapitän Klaus-Dieter Niehusen, Rufname Fährmann Klaus, zählt im Steuerraum, mit Bleistiftstrichen auf rosafarbenem Papier. Dann hält er Köller die Schiffstür auf: „Herzlich Willkommen, schön, dass Sie mitfahren.“

Die von der BVG betriebene F11 zwischen Baumschulweg und Wilhelmstrand - Fahrzeit zwei Minuten, Preis 1,70 Euro - ist eine Berliner Institution. Seit 1896 gibt es die Verbindung über die Spree. Es ist die älteste der Stadt. Im vergangenen Jahr gab die BVG bekannt, den Fährbetrieb Ende 2017 einstellen zu wollen.

Durch den Bau der etwa 400 Meter entfernten Minna-Todenhagen-Brücke sei die Fähre überflüssig. Das Engagement von Anwohnern und Freunden der Fähre verhinderte das - zumindest vorerst. 2018 fährt die F11 „auf Bewährung“: Nach Auswertung der Fahrgastzahlen soll über den weiteren Betrieb entschieden werden.

Anwohnerin Irmgard Köller nutzt die F11 seit mehr als 30 Jahren. „Das ist ein Stück Berliner Tradition und man kommt bequem über den Fluss“, sagt die 79-Jährige. Das sieht auch Bernhard Muschick so. Wie viele andere wohnt er dauerhaft in der Gartensiedlung Wilhelmstrand - die Fähre ist für ihn und seine Frau Teil des Arbeitsweges. Seit Juni 2017 organisiert Muschick über die Bürgerplattform Berlin-Südost den Kampf für den Erhalt der Fähre. „Die Brücke kann die F11 in keiner Weise ersetzen, weder für uns Anwohner noch für Ausflügler.“ 

Kapitän Niehusen unterstützt die Initiative. Der 66-Jährige war lange für die Stralsunder „Weiße Flotte“ auf hoher See unterwegs. Seit einigen Jahren ist der Warnemünder Kapitän der F11, die im Auftrag der BVG von der Reederei betrieben wird. Jeweils eine Woche am Stück arbeitet er in Berlin - montags bis freitags von fünf Uhr morgens bis mittags, am Wochenende von sieben Uhr morgen bis 19 Uhr.

Der Kapitän kennt seine Passagiere persönlich

Das Schiff hat Platz für 45 Personen plus Fahrräder. An sonnigen Frühlingstagen fahren schon mal 1000 Leute am Tag mit. Niehusen genießt jede einzelne Fahrt: „Das ist die totale Idylle hier. Wenn ich morgens früh zur Arbeit komme, sehe ich Fischreiher und Eichhörnchen. Auch die Leute sind sehr nett.“ Viele von ihnen kennt er seit Jahren, darunter auch Radfahrer, die den europäischen Radweg R 1 benutzen. Die Fährverbindung ist ein Teil davon. „Das Schiff ist barrierefrei und fahrradfreundlich“, sagt Niehusen. Dazu komme, dass das Solarschiff äußerst energieeffizient sei und die Umwelt schone - „ganz im Gegensatz zur vierspurigen Autobrücke“. 

Der SPD-Abgeordnete Lars Düsterhöft, zuständig für die Wahlkreise Schöneweide und Johannisthal, setzt sich gemeinsam mit der Bürgerplattform für den Erhalt der Fähre ein. Mehr als 7000 Unterschriften wurden gesammelt. „Die Fähre ist nicht nur Transportmittel, sondeRn auch touristische Attraktion und ein tolles Ausflugsziel“, sagt Düsterhöft.

Als solche müsse sie nun bekannter werden. Deshalb plant die Initiative im Frühjahr ein Fest rund um das Schiff, dazu weitere Aktionen im Jahresverlauf. Auf einer eigenen Facebook-Seite informieren sie darüber. Düsterhöft will zudem Berliner Politiker, darunter Parteifreund und Bürgermeister Michael Müller, zu Fährfahrten einladen. 

Die Fahrgastzahlen entscheiden

Ob es nach 2018 weitergeht, entscheidet die Senatsverkehrsverwaltung auf Basis der Fahrgastzahlen. Nach den Worten eines Sprechers wird diese Entscheidung nicht vor dem Herbst fallen. Laut BVG liegen für die ersten zwei Monate des Jahres noch keine belastbaren Zahlen vor - Initiativmitgründer Bernhard Muschik zufolge ist die Entwicklung allerdings positiv: „Anders als vom Senat erwartet fahren nicht weniger Menschen mit der Fähre - eher im Gegenteil. Sogar im trüben Januar gab es sonntags regelmäßig mehr als 200 Fahrgäste.“

Irmgard Köller könnte sich daher auch eine Erweiterung der Fährstrecke auf beiden Seiten der Spree vorstellen. Erst einmal hofft sie aber auf den Erhalt der F11: „Die Fähre liegt vielen hier am Herzen. Sie sollte wie ein Denkmal behandelt werden.“ Auch Klaus Niehusen wünscht sich noch lange Jahre Fährbetrieb - nicht nur als Kapitän: „Wenn sie einmal weg ist, kriegt man sie nie wieder. Diese Fähre ist Tradition, ein Teil Berliner Stadtgeschichte.“ (dpa)