Vor nicht einmal einem Jahr schickte sich der erste Anbieter von asiatischen Leihrädern, Obike, an, den Berliner Markt zu erobern. Im Juni meldete das Start-up in Singapur Insolvenz an. Alle Telefonnummern auf der Webseite der Firma sind seither tot. Der Vertrag mit der Agentur, die die Kommunikation für Obike organisiert hat, ist schon im März ausgelaufen. Obike ist derzeit nicht zu erreichen. Doch die Insolvenzmasse, grau-gelbe Räder, steht weiter auf den Straßen und keiner fühlt sich so recht zuständig.

Einer, der bis zuletzt noch Kontakt mit Obike in Singapur hatte, ist der Unternehmer Harald Ploß. In seiner Lagerhalle bei Hamburg stehen 10.000 nagelneue Obikes, und er wird sie nicht los. Der Mietvertrag für die Halle ist regulär am 30. Juni abgelaufen. 40.000 Euro Ausstände hat Ploß bisher.

„Da kam immer mal Geld, aus Berlin, aus Paris, aus Singapur“, sagt er der Berliner Zeitung, doch alles habe sehr unprofessionell gewirkt. Nach der Pleite habe Obike alle Räder an die Schweizer Firma Umzug 24 verkauft, die auch mit der europaweiten Verteilung und Wartung der Leihräder beauftragt war.

Offenbar versuchen die Schweizer nun, die 30.000 Räder in Europa einzusammeln und zu Geld zu machen. Doch Umzug 24 kommt mit der Bergung der Räder nicht hinterher. Problematisch sei die Ortung, weil die App für die Nutzer nicht mehr richtig funktioniere, sagte ein Mitarbeiter von „Umzug 24“.

Für 129 Euro bei Ebay

Also nehmen die Berliner die Sache selbst in die Hand. Auf Ebay tauchen die ersten Obikes auf. In Neukölln ruft ein privater Anbieter, der gleich mehrere Obikes verkaufen möchte, 129 Euro für ein Bike auf. Kein Schnäppchen. Die unbequemen Vollgummi-Räder wurden in China für unter 50 Euro produziert. Auch Harald Ploß hat schon Angebote erhalten: Vier Euro für ein Rad und die Begleichung der Mietschulden. Er winkte ab, „man muss ja den Schaden für die Gläubiger nicht noch größer machen.“

Bei der Senatsverwaltung für Verkehr sieht man hingegen keinen Handlungsbedarf. Man weiß nicht einmal genau, wie viele der silber-grauen Räder überhaupt auf den Straßen Berlins stehen. „Sie wollten mit 700 Rädern starten. Ob es so war, weiß keiner“, sagt ein Sprecher. Eingesammelt werden die Obikes, die in Berlin noch rollen, vorerst nicht: „Die Räder sind nicht herrenlos. Wenn es einen Rechtsnachfolger für die Räder gibt, dann ist er für deren eventuellen Abbau verantwortlich.“

Erst wenn ein Rad schrottreif und erkennbar herrenlos ist, greife das bekannte Verfahren. Ein Aufkleber mahnt erst zur Entfernung, dann wird das Rad nach einer Frist weggeräumt und, wenn möglich weiter verkauft. Hierfür wären die Bezirke zuständig, doch auch von dort heißt es, noch gebe es kein abgestimmtes Verfahren für den Umgang mit zu erwartenden Obike-Leichen.

Video-Anleitung zum Knacken im Netz

Radaktivisten sind da deutlich schneller: sie schlagen illegalerweise vor, den Code der Räder zu knacken und sie als frei verfügbare Räder auf den Straßen zu nutzen. Unter dem Namen „LibreBike“ stellten sie eine detaillierte Video-Anleitung zur „Befreiung“ der Obikes ins Internet. Darin wird demonstriert, wie die Schlösser mit nur wenig Werkzeug aufgebrochen werden können.

Sich selbst bezeichnen sie als ein „unabhängiges Projekt von anonymen Urbanist*innen, das darauf abzielt freie und offene öffentliche Transportmöglichkeiten für urbane Bevölkerungen zu erzeugen. Wir ermutigen dich damit anzufangen Fahrräder in deiner Stadt zu befreien, um den Leuten um dir herum nachhaltigere Formen von Transport zu ermöglichen“, heißt es auf der Webseite. Sogar ausdruckbare Aufkleber mit dem Schriftzug „LibreBike“kann man sich herunterladen.

Nach dem rasanten Aufstieg und Fall von Obike in nur wenigen Monaten ist es aber der Kunde, der am Ende wohl in die Röhre guckt. Die für die Nutzung hinterlegte Kaution von 79 Euro werden sie wohl nicht wiedersehen. In den Geschäftsbedingungen heißt es, es könne bis zu 30 Tage dauern, bis die Kaution zurückgezahlt würde. Oder länger. In Singapur wurden rund vier Millionen Kautionsgelder gar nicht zurückgezahlt.