Können Pendler bald aufatmen? Endlich mehr Züge nach Berlin

Die ODEG stockt den Fahrplan der Linie RE1 wieder auf und behebt Technikpannen. Doch bis alle Fahrten wie versprochen stattfinden, wird noch Zeit vergehen.

Ein Zug der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) im Bahnhof Berlin Ostkreuz. Über 28 Jahre lang waren auf der Linie RE1 Züge der DB unterwegs. Seit 11. Dezember fährt die ODEG nach Frankfurt.
Ein Zug der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) im Bahnhof Berlin Ostkreuz. Über 28 Jahre lang waren auf der Linie RE1 Züge der DB unterwegs. Seit 11. Dezember fährt die ODEG nach Frankfurt.Berliner Zeitung/Peter Neumann

Wer zwischen Brandenburg und Berlin pendelt, braucht Frustrationstoleranz. Immer wieder gibt es Verspätungen und Ausfälle. Zwar füllen sich langsam, aber sicher die Leerstellen im Fahrplan der Regionalexpresslinie RE1, die Brandenburg an der Havel, Potsdam, Frankfurt (Oder) und andere Städte mit Berlin verbindet. Auf der wichtigen Ost-West-Strecke werden vom 16. Januar an vier weitere Fahrten pro Tag angeboten, teilte die Ostdeutsche Eisenbahn (ODEG) der Berliner Zeitung auf Anfrage mit. Doch bis dort tatsächlich alle bisher geplanten Züge verkehren können, werde noch Zeit vergehen. Immerhin habe man aufgetretene Technikprobleme inzwischen im Griff, hieß es.

Wie berichtet hatte die ODEG zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember den Zugbetrieb auf der RE1 und anderen Strecken von der Deutschen Bahn (DB) übernommen. Doch ein hoher Krankenstand, Technikprobleme und verspätete Fernzüge der DB bescherten einen holprigen Start. Ursprünglich sollten zwischen Brandenburg, Berlin und Frankfurt (Oder) montags bis freitags während der Hauptverkehrszeiten drei Züge pro Stunde und Richtung verkehren – ein Zuwachs um die Hälfte. Mit dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg wurde aber beschlossen, auf die meisten Taktverstärker zu verzichten.

Zumindest insgesamt sechs Taktverstärkerfahrten pro Tag sind möglich, zusätzlich zu den zwei regulären Regionalexpresszügen pro Stunde und Richtung. „Nun werden wir das Angebot sukzessive hochfahren“, kündigte Firmensprecherin Dietmute Graf auf Anfrage der Berliner Zeitung an. Vom nächsten Montag an kommen vier weitere Taktverstärkerfahrten hinzu, die ebenfalls montags bis freitags stattfinden.

Nach Angaben des Zugbetreibers handelt es sich um die Fahrten um 4.23 Uhr ab Berlin-Charlottenburg, 7.18 Uhr und 15.18 Uhr ab Frankfurt (Oder) sowie 17.46 Uhr ab Brandenburg. Zusammen mit den bereits verkehrenden Taktverstärkern kann dann also mehr als die Hälfte dieser zusätzlichen Züge angeboten werden.

Beschwerden über gesperrte Zugtoiletten

Weil die Krankmeldungen etwas zurückgegangen sind und das Fahrpersonal aufgestockt wird, sind die zusätzlichen Fahrten möglich, erklärte Graf. Die ODEG hat angekündigt, zehn Lokführer einzustellen. Allerdings werde es aller Voraussicht nach noch weitere zwei Wochen dauern, bis alle vorgesehenen Züge auf der RE1 gefahren werden können, hieß es. „Unser Ziel bleibt es, dass dies vom 1. Februar 2023 an wieder möglich ist“, teilte die Sprecherin mit. Beobachter hatten bisherige Äußerungen des Unternehmens dagegen so verstanden, dass der Hochlauf schon Mitte Januar 2023 gelingen könnte.

In sozialen Medien beschweren sich Fahrgäste weiterhin über Verspätungen – auch früh am Morgen, wenn der Betrieb gerade erst begonnen hat und Pendler sich bemühen, pünktlich bei der Arbeit zu sein. ODEG-Mitarbeiter verweisen dann zuweilen darauf, dass Signal- und andere Infrastrukturstörungen die Ursache sind, dafür sei DB Netz verantwortlich. Bei den Technikproblemen in den fabrikneuen Fahrzeugen vom Typ Siemens Desiro HC stellt zumindest der Zugbetreiber einen Rückgang fest.

Immer wieder fallen Zugtoiletten aus, vor allem Behindertentoiletten. Ein Grund sei, dass Fahrgäste Dinge hineinwerfen, die das System verstopfen, hieß es. Normalerweise kann das Zugpersonal bei kleineren Störungen einen Neustart durchführen. Doch weil die Handlungsanweisungen vom Hersteller nicht klar genug waren, gelang dies bislang nicht immer, so Dietmute Graf. Inzwischen seien die Anweisungen für die Toiletten verbessert worden. Nun klappe der Neustart der Anlagen meist besser, sagte sie.

„Es ist wie in jeder Beziehung: Man muss sich kennenlernen“

Türstörungen sind ein weiteres Problem, bestätigte das Unternehmen. Aber auch deren Zahl gehe zurück. „Es gibt Kinderkrankheiten, und das Personal muss sich an die neuen Züge gewöhnen“, erklärte die Sprecherin. „Es ist wie in jeder Beziehung: Man muss sich kennenlernen“ – und das kann dauern. Die Türstörungen würden meist nicht von Fahrgästen verursacht, schreibt ein Mitarbeiter im Bahninfo-Forum. Diese Ausfälle könnten den Betrieb ernsthaft stören, klagt er: „Hat man die gestörte Tür hinbekommen, meldet sich oftmals in dem Moment, wo man denn weiterfahren kann und will, plötzlich eine zweite Tür, was erneut zum Stillstand führt.“

Nicht anders sei es mit dem Wlan, das den Nutzern der Desiro-Züge den Mobilempfang erleichtern soll. Hier waren Justierungen nötig, hieß es. Mal war ein System zu stark gedrosselt, sodass die Signale zu schwach bei den Mobilgeräten ankamen. Dann wieder waren SIM-Karten kaputt. Jetzt gelte in den meisten Fällen: „Es läuft“, sagte Graf.

Probleme beim Kuppeln – Zugteile sind unfreiwillig solo unterwegs

Ein spezielles Problem bescherte der ODEG unerwünschte Schlagzeilen. Es geht um Klappsitze, die sich neben den Behindertentoiletten befinden. Sie sind so konstruiert, dass Mobiltelefone in den Sitzhalterungen verschwinden können, wenn die Sitzfläche nach oben klappt. „Siemens arbeitet an Vorkehrungen, mit denen der Spalt verschlossen werden kann“, bestätigte Graf. Einstweilen kann das Zugbegleitpersonal das mobile Team der ODEG, das ambulant Technikstörungen behebt, aktivieren. Es hat die Werkzeuge, um Mobilgeräte befreien zu können. Die Besitzer können sie bei der ODEG abholen – oder sie sich gegen eine Gebühr mit der Post nach Hause schicken lassen.

In den Führerständen weigern sich Ebula-Systeme zuweilen, die Angaben der ODEG zu laden, ist zu erfahren. Das Kürzel steht für „Elektronischer Buchfahrplan und Verzeichnis der Langsamfahrstellen“, eine wichtige Unterlage für die Lokführer. Anderen Berichten zufolge seien anders als geplant Desiro-Vierteiler zuweilen unfreiwillig solo unterwegs – obwohl die Taktverstärkerfahrten aus zwei gekuppelten Vierteilern mit insgesamt 800 Sitzplätzen bestehen sollen. „Die Kisten funktionieren einfach noch nicht so, wie sie sollen“, heißt es im Bahninfo-Forum.

DB nimmt Regionallinie zwischen Oranienburg und Schönefeld in Betrieb

Bei der Deutschen Bahn, die zum Fahrplanwechsel im Netz Elbe-Spree ebenfalls einige Linien übernommen hat, geht die Normalisierung ebenfalls weiter. So wurde die neue Regionalbahnlinie RB32 zwischen Oranienburg, Berlin-Lichtenberg und Flughafen BER Terminal 5 am Montag mit fast einem Monat Verspätung in Betrieb genommen. Doch noch sind die langen Doppelstockzüge fast leer. Es muss sich erst noch herumsprechen.

Dafür müssen sich die Pendler auf einer anderen Verbindung mit einer erhöhten Verspätungsanfälligkeit herumärgern. Weil der Nord-Süd-Tunnel der S-Bahn wegen Bauarbeiten gesperrt ist, hat die S25 nach Hennigsdorf einen anderen Laufweg erhalten. Die Züge beginnen nun am Flughafen BER Terminal 1–2. Folge der Linienverlängerung ist, dass die S-Bahnen häufiger als bisher verspätet in Hennigsdorf eintreffen und die Fahrgäste den Regionalzug nach Velten-Neuruppin nicht mehr erreichen, berichtet Pendler Sven Krein aus Velten. „Jeden Tag gehen Anschlüsse flöten“, klagt er. Seine Lösung des Problems: Den Abschnitt Velten-Heiligensee legt er nun wieder mit dem Auto zurück. Von dem Reinickendorfer Ortsteil aus geht es mit der S-Bahn zur Arbeit.