Altranft - Im Schloss Altranft sieht es jeden Tag anders aus. Bevor das Museum am Ostersonntag nach der Winterpause wiedereröffnet, mussten Räume renoviert und Ausstellungsstücke sortiert werden: ausgestopfte Tiere, Lampen, Familienfotos, Truhen, Stühle und Haushaltsgeräte. Unter dem Motto „Revision“ konnten sich Besucher in der vergangenen Saison einen Überblick verschaffen, was sich im Depot des ehemaligen Freilichtmuseums bei Bad Freienwalde (Märkisch-Oderland) angesammelt hat. Das sah aus, als hätte jemand seinen Dachboden ausgeräumt und den Inhalt dort verteilt.

Das gehörte zum Findungsprozess des Hauses, das im Frühjahr als „Museum Altranft – Werkstatt für ländliche Kultur“ neu eröffnet hat. Zu den ausgestellten Stücken konnten Besucher Notizen und Erinnerungen hinterlassen. „Es ist der Versuch, eine ganze Region daran zu beteiligen, sich selbst zu beschreiben“, sagt Kenneth Anders vom Programmbüro des Museums. Ziel des neuen Konzepts ist, zu zeigen, wofür die Region steht.

Rübenheber statt Gründerzeit

Das verstreute Ensemble aus Schloss, Schmiede, Bauernhof und weiteren historischen Gebäuden sollte Ende 2014 geschlossen werden. Doch mit Unterstützung des Landkreises, der Stadt Bad Freienwalde und des Landes Brandenburg wird es im Rahmen des Trafo-Programmes der Kulturstiftung des Bundes weiter betrieben.

Wer ins Oderbruch kommt, entdeckt vor allem Ländlichkeit. Und Weite. Felder, wo früher Feuchtgebiete waren, durch die sich Flussarme zogen. Im 18. Jahrhundert ließ Friedrich II. die Landschaft trockenlegen und die Oder begradigen. Fischereiutensilien gehören zu den typischen Gegenständen des Bruchs, sagt Kenneth Anders, der einen länglichen Gegenstand aus Stroh in den Händen hält – eine „Puppe“, die als Schwimmer diente.

Im Gegensatz dazu steht die traditionelle, von vielen Besuchern geliebte Interieurausstellung im Schloss: Möbel aus der Sammlung von Charlotte von Mahlsdorf, die das Museum in den 90er Jahren gekauft hat. Die Möbel stammen aber ursprünglich aus Ostpreußen und haben nichts mit Altranft zu tun. Das vermittele eine Fiktion von Gründerzeit, die es im Oderbruch nie gegeben habe, sagt Kenneth Anders. Typisch für die karge Agrarlandschaft und viel aussagekräftiger: kleine Handwerkzeuge, sogenannte Rübenheber.

60 Kilometer lang zwölf Kilometer breit

2017 dreht sich sich im Museum alles um das Thema Wasser. Um zu erklären, wie das Oderbruch funktioniert, hat Kenneth Anders, der mit seinem Büro für Landschaftskommunikation ein Konzept für das neue Museum erarbeitet hat, den Begriff der „Landschaftsmaschine“ geprägt.

Das klingt nicht nur technisch – das ist es auch. Denn die zum Grenzfluss nach Polen hin abfallende Landschaft muss im Gleichgewicht gehalten werden – oder das Wasser holt sich bald wieder.

Über eine Länge von 60 Kilometern und eine Breite von sechs bis zwölf Kilometern arbeitet ein fast unsichtbares Gebilde aus Schöpfwerken, Deichen und Wehren. Mindestens zehn Generationen hätten daran gebaut, sagt Kenneth Anders.

„Die Schönheit hängt damit zusammen, dass sie gut lesbar ist.“

„In dieser Form wird so etwas wahrscheinlich nie wieder entstehen.“ Grund genug für eine vom Museums ausgehende Initiative, die Landschaft zu schützen – durch das Europäische Kulturerbe-Siegel.

Immer wieder fanden im armen Oderbruch Siedler aus anderen Gegenden Europas eine neue Heimat – ob nach der Trockenlegung oder nach dem Zweiten Weltkrieg. Noch immer rühmen sich Bewohner des Oderbruchs bisweilen ihrer Offenheit Fremden gegenüber.

Neben den ehemaligen Fischerorten gibt es sogenannte Kolonistendörfer, Orte mit französischen Namen oder versprengte Loose-Gehöfte. Wie ein offenes Buch liege die Siedlungsstruktur da, sagt Kenneth Anders. „Die Schönheit hängt damit zusammen, dass sie gut lesbar ist.“

Region freier Bauern

Eine weitere Besonderheit sei, dass die meisten Bauern frei waren und nicht zu Gutsarbeiterhöfen gehörten. Das sei noch zu spüren – Oderbruch-Bewohner werden aktiv, wenn es Probleme gibt. Klassisches Beispiel: die Biber. Karsten Birkholz, Amtsdirektor von Barnim-Oderbruch, erinnert auch an das Oderhochwasser von 1997, als die Leute zusammenhielten, oder jüngst die Natura-2000-Debatte, in der es um die Einrichtung von Naturschutzgebieten ging.

Die Diskussion um das Kulturerbe-Siegel vereint die Region also nicht zum ersten Mal. „Es gab schon andere Aktivitäten, bei denen sich das Oderbruch als Oderbruch dargestellt hat“, sagt Birkholz.

„Die Menschen brauchen eine öffentliche Bestätigung“

Inzwischen haben mehrere Gemeinden finanzielle Unterstützung zugesichert. Wenn alles klappt, wird Ende 2017 der Antrag gestellt. Ohne den Rückhalt der Dörfer geht es nicht. „Die Kulturerbe-Erzählung soll nicht nur in Altranft stattfinden“, sagt Kenneth Anders. Die Idee sei, ein Netzwerk über das Oderbruch zu spannen. Unter anderem in den Heimatstuben der Dörfer sollen Traditionen wie Korbflechten oder Fischerei erklärt werden.

An Selbstbewusstsein mangele es den Bewohnern eigentlich nicht, sagt Anders. Das Siegel könne ein Signal setzen. „Die Menschen brauchen eine öffentliche Bestätigung, dass das, was sie für wertvoll halten, auch wertvoll ist.“