In Berlin gelten als Straftaten gegen das Leben: Mord und Totschlag, fahrlässige Tötung, Abbruch der Schwangerschaft.
Bild: digital vision vectors

BerlinDieser Schuss ist gewaltig nach hinten losgegangen. Finanzsenator Matthias Kollatz, nach dem Regierenden Bürgermeister Michael Müller zweitstärkster SPD-Mann im Senat, wollte mit einer Studie nachweisen, wie weit Berlin auf dem Weg zur europäischen Metropole des Jahres 2030 bereits gekommen ist. Gleichzeitig wollte er aufzeigen, wo die Stadt im internationalen Vergleich hinterher hinkt. Nun steht Kollatz unter Druck und muss sich rechtfertigen. Die Datenbasis der Studie ist fehlerhaft.

"Berlin auf dem Weg ins Jahr 2030“, die Studie mit diesem Namen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist in Teilen unseriös. Recherchen der Berliner Zeitung haben jetzt ergeben, dass im Rahmen dieser Untersuchung Daten miteinander verglichen wurden, die nicht vergleichbar sind.

Auffällig hohe Mordrate

In den vergangenen Tagen war diese Erhebung, die das Lebensgefühl in der Stadt transportieren soll, bereits mehrfach Thema in dieser Zeitung. Auffällig sind die Angaben in der Studie vor allem deshalb, weil die Mordrate darin als zwei bis dreimal so hoch angegeben wird wie in anderen europäischen Hauptstädten, zum Beispiel Paris. Unter anderem aus dieser überaus hohen Mordrate wird eine entsprechend geringere Zufriedenheit der Berliner mit dem Leben abgeleitet als es die Bewohner anderer Hauptstädte tun.

Allerdings stellte sich während der Recherche heraus, dass die Zahlen der Berliner Kriminalitätsstatistik entnommen wurden, in der zum Beispiel vorsätzliche Tötungen gemeinsam mit Fällen von illegalen Schwangerschaftsabbrüchen erfasst werden. Das geschieht hierzulande, weil der Schwangerschaftsabbruch gemäß Paragraf 218 Strafgesetzbuch (StGB) grundsätzlich für alle Beteiligten strafbar ist. Ausnahmen gelten zum Beispiel, wenn die Frau sich in einer anerkannten Beratungsstelle beraten lässt. Das ist in anderen europäischen Ländern nicht so. Das Ergebnis ist, dass die Statistik grob verfälschend ist.

Laut Studie ist die Mordrate in Berlin zwei- bis dreimal so hoch wie in Paris. Das kommt dadurch zustande, weil in der deutschen Kriminalitätsstatistik andere Delikte aufgezählt werden als in anderen europäischen Ländern.
Graphik: OECD

Finanzsenator steht hinter der Studie

Im Gespräch mit der Berliner Zeitung stellt sich der Finanzsenator hinter die DIW-Studie. Er habe sie initiiert. Dabei sei es ihm darum gegangen, aufzuzeigen, wo die Stadt auch im internationalen Vergleich wirklich steht – und nicht, wo man meint zu stehen. „Es ist wichtig, sich dabei ehrlich zu machen“, sagt Kollatz. „Und es geht auch darum, eigene Leistungen zu erkennen.“

Tatsächlich steht Berlin im Vergleich mit anderen europäischen Hauptstädten wie Kopenhagen, Wien, Warschau, London oder Rom zum Teil wirklich gut da. Etwa bei der „Forschungs- und Entwicklungsintensität“, die sich per Definition aus den Bruttoinlandsaufwendungen von Unternehmen, Hochschulen sowie anderen „staatlichen und privaten Organisationen ohne Erwerbszweck“ für diesen Bereich errechnet. Dabei steht Berlin auf Platz 4, ganz vorne ist Kopenhagen, London ganz hinten.

Außerdem wurden Umfrageergebnisse aus den Städten zu Rate gezogen. Bei der Aussage „Ich bin zufrieden in … zu leben“, landet Berlin genau im Mittelfeld. Am zufriedensten sind demnach die Stockholmer, den größten Nachholbedarf haben die Bürger Athens.

Fehlerhafte Daten der OECD

„Es geht auch darum, aus der sehr berlinischen Motzeritis auszusteigen. Die ist nicht hilfreich für die Stadt“, sagt Kollatz.
Nicht hilfreich für sein Anliegen ist allerdings der statistische Unfug, der verbreitet wurde. Und das liegt daran, dass das DIW, das sich als Politikberatung versteht, die Zahlen nicht selbst ermittelt hat. Das Papier stützt sich auf ein Datenwerk der OECD, der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Bei der OECD räumt man inzwischen ein, dass die Daten fehlerhaft sind, wie Sprecher Matthias Rumpf sagt. Grundlagen seien Statistiken aus mehreren Hundert Regionen Europas mit unzähligen Indikatoren. Diese seien dann von einer Arbeitsgruppe zusammengefasst und gegenüber gestellt worden.

Bei der OECD arbeiten Menschen aus zahlreichen Nationen. Sprecher Rumpf sah sich am Dienstag nicht in der Lage, nachzuvollziehen, aus welchen Ländern diejenigen stammten, die die Morddaten aufnahmen. Nur so viel: „Aus Deutschland können sie nicht gewesen sein. Dann hätten sie sofort gewusst, dass die Daten nicht plausibel sind. Das war ein Fehler.“ Inzwischen hat das OECD die Daten zurückgezogen.

Wenn schon falsch, dann richtig

Der Umgang mit solchen Zahlen wirft ganz automatisch Fragen nach der Seriosität der Studien und Berichte auf. Und wie sinnvoll ist ein internationaler Vergleich ganz generell – zumal auch die Erfassungszeiträume der Daten unterschiedlich sind. So wurde in den meisten Städten eine Entwicklung der Mordrate von 2009 bis 2016 nachgezeichnet – nur in Rom, Amsterdam und Stockholm nicht. Ob es aus diesen Städten keine Fortschreibungen gibt, steht nirgends. Frei nach dem Motto: Wenn schon falsch, dann richtig.

Das DIW ist als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft zwar unabhängig, wird aber überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert. Der Bund und auch das Land Berlin geben Geld.