Neue Strecken, mehr Fahrten, neue Fahrdienste: Der Senat will den Berliner Nahverkehr massiv ausbauen. Nachdem über Jahre hinweg fast keine Erweiterungen vorgesehen waren, soll die Kapazität endlich spürbar vergrößert werden. Das sieht der Entwurf des Berliner Nahverkehrsplans für die Jahre 2019 bis 2023 vor, der nun auf der Internetseite der Verkehrsverwaltung steht. Doch oft müssen die Fahrgäste noch lange warten, bis sich etwas bessert.

Bittere Bilanz

Der Berliner Nahverkehr platzt vielerorts aus allen Nähten, heißt es gleich auf Seite 3. „Der Schienenverkehr ist vielfach am Ende seiner Kapazität angelangt.“ Das gelte auch für Straßen mit viel Busverkehr, ein Wechsel zum Straßenbahnverkehr sei dort erforderlich. Große Investitionen sind nötig. „Gewissheiten, die in Zeiten der Schrumpfung, der rückläufigen Nachfrage und der knappen Haushaltslage in den letzten 15 Jahren gewonnen wurden“, müssten nun auf den Prüfstand. Erwartet wird, dass die Zahl der zurückgelegten Fahrten von 2018 bis 2030 um weitere 26 Prozent steigt. 

Die wichtigsten Punkte des neuen Masterplans:

Umweltfreundlich unterwegs

Bis 2030 soll der Nahverkehr klimaneutral werden – also nicht mehr zur Erderwärmung beitragen. Auch Busse sollen elektrisch fahren, mit Ökostrom. Bis 2023 soll die BVG 120 elektrische Zwölf-Meter-Busse kaufen, die in Betriebshöfen geladen werden. Voraussichtlich auf der Linie 200 testet die BVG 15 elektrische Gelenkbusse, die an den Endstationen geladen werden können. Von 2022 bis 2030 müssen rund 1 500 Elektrobusse gekauft werden. Problem: Gegenwärtig wird kein leistungsfähiger elektrischer Doppeldecker angeboten. 

Renaissance der Oberleitungsbusse

Was sich bei der BVG bereits angekündigt hat, wird offizielle Politik: In Berlin sollen wieder Obusse fahren. Doch mit dem Trolleybus früherer Zeiten haben die „Streckenlader“ nichts zu tun. Höchstens auf der Hälfte der Strecke müssen Fahrleitungen montiert sein, den Rest können die Busse mit Batterien überbrücken – die aber nicht so groß und schwer wie bei anderen Elektrobussen sein müssten. Das Oberleitungsnetz müsste mindestens 240 Kilometer lang sein.

Zehn-Minuten-Grundtakt

Immer noch gibt es Linien, auf denen Bus oder Bahn nur alle 20 Minuten fahren. Ab August 2020 soll es generell alle zehn Minuten eine Fahrt geben – montags bis freitags von 7 bis 20 sowie sonnabends von 10 bis 18 Uhr.

Mehr Metro- und Expressbuslinien

Auf den M- und X-Linien nimmt die Zahl der Fahrgäste stark zu. Darum sieht der Plan vor, neun neue Metrobuslinien einzurichten. Merkmal: ein besonders dichter Fahrplan. Dazu zählen die M58 (Buch–Osloer Straße), M60 (Rudow–Adlershof), M94 (Hermannplatz–Friedrichsfelde Ost) und M95 (Mahlsdorf–Marzahn). Auch neue Expresslinien sind vorgesehen. Beispiele: X59 (Französisch Buchholz–Osloer Straße), X71 (Dahlem Dorf–BER) und X95 (Hönow– Altlandsberg). Geprüft wird, wo sich autonome Kleinbusse, die ohne Fahrer auskommen, nützlich machen könnten. Drei Wohngebiete sollen besser erschlossen werden – durch Rufbusse, die man anfordern kann. Vorgesehen ist das für Neukölln (Herrfurth-/ Wartheplatz), Lichtenberg (rund um die Rüdigerstraße) sowie Mahlsdorf-Süd/Waldesruh.

Straßenbahnausbau hat Vorrang

Im Bedarfsplan wird ein umfangreicher Netzausbau skizziert. Bis 2025 sollen unter anderem die Neubautrassen vom Alexanderplatz zum Kulturforum, von der Warschauer Straße zum Hermannplatz sowie vom Bahnhof Pankow zum Pasedagplatz fertig werden. Bis 2030 steht ein weiteres Dutzend Neubaustrecken auf dem Programm, etwa vom Potsdamer Platz zum Rathaus Steglitz, zum Wittenbergplatz/Zoo sowie zum Bahnhof Schöneweide. Ebenfalls im Zeitraum 2026-30 sollen die Strecken vom Rathaus Spandau ins Falkenhagener Feld und nach Heerstraße Nord entstehen, 2031-35 folgt die Verbindung vom Spandau durch die Wasserstadt nach Jungfernheide. 

Neue Strecken für S-Bahn

Hohe Priorität hat die zweite Nord-Süd-Strecke (bisheriger Arbeitstitel: S21). Der erste Abschnitt, auf dem Bahnen von Gesundbrunnen zum Hauptbahnhof fahren werden, wird Ende 2020 fertig. Das Anschlussstück zum Potsdamer Platz folgt 2031-35, zur Yorck- und Großgörschenstraße nach 2035. In Spandau sind für 2031-35 S-Bahn-Verlängerungen nach Albrechtshof und ins Falkenhagener Feld geplant, Schönholz–Tegel soll bis 2025 zweigleisig werden, Wannsee–Griebnitzsee, Frohnau–Hohen Neuendorf und Buch–Bernau danach bis 2030.

Ausbau der U-Bahn

Drei Streckenverlängerungen werden bereits geprüft – die U6 zur geplanten Urban Tech Republic auf dem heutigen Tegeler Flughafengelände, die U7 nach Schönefeld/ BER und die U8 ins Märkische Viertel. Nun sind weitere Machbarkeitsstudien geplant: für die U9 zum Bahnhof Pankow und nach Lankwitz, Kirche. CDU und FDP fordern mehr Tempo beim U-Bahn-Bau. Die U-Bahn könne viele Menschen befördern, ist wetterunabhängig und reduziert den Verkehr auf den Straßen , sagte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne). „Die Verkehrsgeschichte lehrt, dass U-Bahnbau vor allem die Straße für den Autoverkehr freimachen sollte“, so Jens Wieseke vom Fahrgastverband IGEB. Offenbar seien die Grünen nun „auf dem Wege zur Autofahrerpartei“.