Berlin - Die ältere Dame hieß Klara Hohenstein und eines Abends klopften zwei Männer in Ledermänteln an die Wohnungstür in der Innsbrucker Straße 58 in Schöneberg. An diese Situation damals vor 70 Jahren erinnert sich Inge Deutschkron genau. Sie wohnte seinerzeit mit ihrer Mutter bei jener älteren Dame, alle waren Juden. Frau Hohenstein sagte noch, sie werde sich bestimmt bald melden. Inge Deutschkron, damals 19 Jahre alt, hat nie wieder etwas von ihr gehört.

Klara Hohenstein gehörte zu den gut tausend Berliner Juden, die zwei Tage später, am 18. Oktober 1941, vom Güterbahnhof Grunewald mit dem Zug ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert wurden. Dieser Zug war der erste organisierte "Osttransport", der die Berliner Juden in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten brachte. Die Züge in den Tod - oft Güterwaggons - rollten bis Ende März 1945, etwa 56.000 Berliner Juden wurden von den Nationalsozialisten ermordet. Männer, Frauen, Kinder.

Am heutigen Dienstag findet am Gedenkort Gleis 17 am S-Bahnhof Grunewald um 14 Uhr erstmals eine öffentliche Gedenkveranstaltung statt, organisiert von Senat und Jüdischer Gemeinde. Kulturstaatssekretär André Schmitz fordert die Berliner auf, mit einer weißen Rose zu kommen. Seinerzeit wurden die Juden zunächst ins Sammellager Levetzowstraße in Moabit gebracht. Von dort mussten sie zu Fuß bis zum Bahnhof Grunewald marschieren. Viele Züge starteten später auch vom Güterbahnhof Moabit .
Die Deutsche Bahn hat sich erst nach mehr als 50 Jahren zu ihrer Verantwortung für die Deportationen bekannt. Erst 1998 ließ der Konzern die Gedenkstätte Gleis 17 errichten. Dort erinnern in den Bahnsteig eingelassene Stahlstreben an jeden einzelnen Zug. Zielort und Anzahl der Deportierten sind jedes Mal vermerkt. Ahornbäume sind inzwischen über dem Gleis gewachsen. Jetzt im Herbst liegt Laub auf der Schiene.

Überlebt dank zahlreicher nichtjüdischer Berliner

Inge Deutschkron, heute 89 Jahre alt, wird bei der Veranstaltung am Gleis 17 sprechen. Nach Stationen in London, Bonn und Tel Aviv lebt sie seit mehr als 20 Jahren wieder in Berlin - in einer gemütlichen, etwas überheizten Wohnung in Wilmersdorf. Überlebt hat sie den Holocaust dank der Hilfe zahlreicher nichtjüdischer Berliner. Das betont sie. Von 1941 an ließ der Unternehmer Otto Weidt sie in seiner Blindenwerkstatt in der Rosenthaler Straße arbeiten. Da die Familie der SPD nahe stand, wurden Inge Deutschkron und ihre Mutter von sozialdemokratisch eingestellten Berlinern versteckt, zunächst in einer Papierwarenhandlung in Halensee. Dann in einer Wohnung mit mehreren Ein- und Ausgängen, schließlich in einem Ziegenstall in Potsdam. "Dort bekamen wir wenigstens Milch", sagt die zierliche Frau. "Sonst musste man ja klauen."

Als der NS-Staat besiegt und Inge Deutschkron frei ist, empfindet sie eine große Leere. "Ich war 22, hatte nichts gelernt, und niemand kümmerte sich um uns." Immer noch spricht sie mit Berliner Dialekt. "Und ich fühlte mich schuldig, weil ich davon gekommen war, das verfolgt mich ein Leben lang." Sie geht bald nach London, wird Journalistin, sieht dann als Bonn-Korrespondentin, wie einstige Nazis auch in der Bundesrepublik Karriere machen. Irritiert auch durch die israelfeindlichen Einstellungen der 68er-Studenten geht sie 1972 schließlich nach Israel. Erst ein Jahr vor dem Mauerfall kehrt sie nach Berlin zurück, das Grips-Theater führt ihr Stück "Ab heute heißt Du Sara" auf. Sie geht in Schulen, erzählt ihre Geschichte. "Junge Leute haben so ehrliche Fragen", sagt sie. Nur Schüler hätten sie zum Beispiel bisher gefragt, wie sie es aushalte, immer wieder vom Holocaust zu erzählen. In letzter Zeit meint sie festgestellt zu haben, dass Antisemitismus in Ostdeutschland heute noch ausgeprägter sei als im Westen. "Dafür suche ich nach einer Erklärung."

Alle zur Verfügung stehende Technik nutzen

Sie weiß, dass sie inzwischen eine der wenigen Holocaust-Überlenden in Berlin ist. Und sie weiß, dass die Erinnerung an die einzigartigen NS-Verbrechen eines Tages nicht mehr durch die Zeitzeugen selbst wach gehalten werden wird. Deshalb freut es sie besonders, dass vier angehende Abiturienten des Schiller-Gymnasiums die Gedenkveranstaltung mitgestalten. Lena, Charlotte, Paul und Nicolai haben sich intensiv mit NS-Zeit und Holocaust beschäftigt. Man müsse alle zur Verfügung stehende Technik nutzen, um Zeitzeugen-Berichte für die Nachwelt zu erhalten, sagen sie. Inge Deutschkron ist zuversichtlich, dass das Schicksal von Klara Hohenstein und so vieler anderer nicht in Vergessenheit gerät.