VELTEN - Voller Elan stapft Vivian Böllersen durchs nasse Gras. Es ist nicht nur einfach eine Wiese – dieses Stück Land bei Velten (Oberhavel) ist fast so groß wie fünf Fußballfelder und soll ein Novum werden: die erste Walnussplantage in Brandenburg. Stolz zeigt die junge Landwirtin ihre 27 kleinen Walnussbäume, die vor ihr in Reih und Glied stehen. „Im Herbst werden noch mal 150 hinzukommen“, sagt die 27-jährige Neuköllnerin und strahlt.

Lange Zeit sah es nicht so aus, als würde sich ihr Traum vom eigenen landwirtschaftlichen Betrieb so schnell erfüllen lassen. Böllersen hat Ökolandbau- und Agrarmanagement studiert und 2013 ihre Masterarbeit darüber geschrieben, ob in Deutschland der professionelle Walnussanbau überhaupt möglich ist. Gleich nach dem Abschluss wollte sie es beweisen. „Aber es war relativ schwierig, überhaupt Land zu finden“, sagt sie. „Ich hatte meine Ideen, ich hatte meine Energie. Doch ich konnte einfach nicht loslegen.“

„Das Land wird immer knapper“

Dass sie in Velten nun doch so zügig ihre Bäumchen pflanzen kann, liegt vor allem an den Ökonauten. Die Bürgergenossenschaft hat sich zum Ziel gesetzt, jungen Landwirten die Existenzgründung zu ermöglichen. Dafür kaufen sie von den Genossenschaftseinlagen Äcker und Wiesen und verpachten sie zu bezahlbaren Preisen an Bauern.

Frank Viohl, Vorstandsmitglied und einer der Gründer, steht neben Vivian Böllersen auf der Wiese. Auch er ist froh, dass ihr Projekt nun anläuft. Denn für die kleinen Landwirte sieht er große Herausforderungen. „Das Land wird immer knapper. Durch die Agrarpolitik in Ostdeutschland nach 1990 sind heute riesige Flächen in den Händen weniger Akteure. Kleine Betriebe haben daher große Probleme, an Grundstücke heranzukommen.“

Das belegen auch Zahlen des Statistischen Landesamts von 2013. In Brandenburg und Berlin bewirtschaften 6,4 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe immerhin 43,4 Prozent der Flächen. Zudem sind von 2007 bis 2013 die Preise für Pachtland in Brandenburg um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Der größte Teil der einst volkseigenen Äcker wurde in Ostdeutschland von der bundeseigenen Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) privatisiert, also verkauft oder verpachtet. Die wird oft kritisiert, weil kleine Betriebe kaum eine Chance haben – erst recht, wenn die Bauern jung sind. „Bei der BVVG werden Flächen zu horrenden Preisen verkauft und verpachtet“, sagt Holger Brantsch vom Bauernverband. „Die gehen überhaupt nicht danach, ob jemand ortsansässig ist, sondern nur nach dem Höchstgebot. Da haben Junglandwirte meist noch nicht die finanziellen Polster, um das zu stemmen.“

So ging es zunächst auch Vivian Böllersen. Mehrfach scheiterte sie bei Bieterverfahren der BVVG. Über Anzeigen fand sie schließlich die 4,4 Hektar Land in Velten. Doch die Bank gewährte ihr keinen Kredit für den Kauf. An diesem Punkt kamen die Ökonauten ins Spiel. Böllersen kannte einen der Gründer, noch vom Studium an der HNE Eberswalde – der Hochschule für nachhaltige Entwicklung. Die Ökonauten hatten sich im Januar 2015 gegründet. Nun waren sie auf der Suche nach einem ersten Projekt, das sie mit ihrer Genossenschaft fördern konnten. Die Idee mit den Bio-Walnüssen kam genau richtig. Die Ökonauten erwarben das Grundstück und verpachten es Böllersen. „Die Pacht ist wirklich fair“, sagt sie.

Neben Hofneugründungen setzt sich die Genossenschaft vor allem dafür ein, bereits bestehende Betriebe zu stabilisieren, Land langfristig für den Ökolandbau zu sichern und deren Lebensmittel auf kurzen Wegen zum Verbraucher zu bringen. „Das hat einige Leute überzeugt“, sagt Gründer Frank Viohl. Und die neuen Mitglieder kämen auch nicht mehr nur aus der Region. Sie kaufen dann jene Anteilsscheine der Genossenschaft, mit denen die Projekte finanziert werden. Inzwischen sind es 40 Mitglieder. Jeder muss mindestens zwei Anteilsscheine zu je 250 Euro erwerben.

Neben Vivian Böllersen gibt es weitere Anfragen von Landwirten. Aber die Genossenschaft bekommt auch Land angeboten. „Vor allem im Privatbesitz gibt es Leute, die ihr Land nicht einfach meistbietend an irgendwelche Fonds verkaufen wollen“, sagt Viohl. „Da spricht sich herum, was zurzeit in Brandenburg mit dem Land passiert.“

Neue „sozialunternehmerische Ansätze“ wie ihr Genossenschaftsmodell seien nötig, um auch die kleinbäuerlichen Strukturen zu erhalten und auch das Leben auf dem Land wieder aufzuwerten. Dass dies nicht leicht wird, weiß er. „Aber die einfachen Aufgaben können sich andere aussuchen. Wir nehmen uns eben die schwierigen vor.“

Auch Vivian Böllersen braucht einen langen Atem: Die allererste Ernte auf ihrem Walnusshain wird frühestens in sieben Jahren möglich sein. Aber sie hat Ideen, wie sie die Zeit überbrückt. „Ich arbeite weiter in Berlin in einem Bioladen.“ Dort ist ihr natürlich der aktuelle Rohkost-Trend aufgefallen und vor allem die Beliebtheit von Smoothies – von Säften aus püriertem Obst und Gemüse. „Die Leute wollen aber auch nicht jeden Tag Spinat- oder Möhrengrün trinken. Deshalb baue ich als Alternative nun Wildkräuter an und verkaufe Löwenzahn oder Brennnesseln für Smoothies.“

Weitere Infos unter www.ökonauten.de