Özcan Mutlu unter Druck: Abgeordneter will auf Pächterin zugehen

Berlin - Kaum zurück von seiner Dienstreise aus dem Iran musste sich der Grünen-Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu in einer Telefonkonferenz erklären: Die beiden Landesvorsitzenden Bettina Jarasch und Daniel Wesener sowie weitere Parteifreunde wollten am Dienstagnachmittag sofort von ihm wissen, wie er weiteren Schaden von der Partei abzuwenden gedenke.

Denn Mutlu hat als Besitzer einer Gewerbeimmobilie in der Grünen-Hochburg Prenzlauer Berg einem seit 29 Jahren dort ansässigen Kosmetikstudio gekündigt. Zuvor bereits hatte er die Miete drastisch erhöht. Mutlus Ehefrau sollte die Räume übernehmen.

Parteifreunde sind entzürnt

Die Parteifreunde sind erzürnt, das Internet voller hämischer Kommentare über den ach so scheinheiligen Politiker, der mit dem Slogan „Sozial. Gerecht. Direkt. Mutlu!“ für sich wirbt. Derart unter Druck geraten, zeigte sich Mutlu dem Vernehmen nach überrascht und lenkte ein. „Familie Mutlu bemüht sich um eine gütliche Einigung mit der Pächterin“, teilte Mutlus Bundestags-Büroleiterin am Abend mit. Womöglich kann der Kosmetiksalon nun doch bleiben. Letzter Ausweg Schadensbegrenzung also.

Formal ist die Kündigung zwar  legal gewesen. Aber sie passt so gar nicht zu dem Özcan Mutlu, der sich in all seinen Mitteilungen gebetsmühlenartig für Gerechtigkeit, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und gegen Segregation ausspricht. „Tja, da geht seine Glaubwürdigkeit den Bach runter“, ätzte Mutlus Parteifreundin Monika Herrmann, Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg.

Erst Hauptschule, später Uni

Ist Mutlu also durch sein mangelndes Fingerspitzengefühl ausgerechnet im heraufziehenden Wahlkampf als dampfplaudernder Sprücheklopfer entlarvt? Nicht zuletzt einige seiner Parteifreunde sehen das so. Jedenfalls diejenigen, die es auch stets vermeiden, bei Rot die Straße zu überqueren. Denn als Politiker sei man  Vorbild für die Gesellschaft. So vorsichtig ist Özcan Mutlu  nie gewesen. Um bei Presseterminen pünktlich zu sein, parkte der Grüne sein Auto auch mal im Halteverbot. 

Mutlus Vorgehen bei der Gewerbeimmobilie lässt sich aber auch nicht erklären ohne den Werdegang dieses Politikers. Es ist die Geschichte eines durchaus beeindruckenden sozialen Aufstiegs, mit dem sich auch die  Grünen gerne schmücken: 1973, mit fünf Jahren, kommt Mutlu aus einem türkischen Dorf  nach Kreuzberg SO36. Er muss an seiner Grundschule  eine „Ausländerklasse“ besuchen, landet an einer verrufenen Hauptschule.

Viele Lehrer hätten ihm nichts zugetraut, einige ihn aber sehr gefördert, sagte Mutlu einmal. So gelingt es ihm schließlich, eine Universität zu besuchen. „Viele meiner Mitschüler hingegen hingen später mit Drogenproblemen am Kottbusser Tor rum“, so Mutlu, der es zum Diplom-Ingenieur für Nachrichtentechnik bringt und  bei einem Mobilfunkunternehmen arbeitet. Kurz nachdem er 1990 den deutschen Pass erhält, tritt er den Grünen bei, zieht  neun Jahre später  als direkt gewählter Kandidat für die Gegend um die Oranienstraße ins Abgeordnetenhaus ein und erringt 2013 sogar ein Bundestagsmandat.  Bildungspolitik ist sein Kernthema, er hat seine Erfahrungen gemacht.

Basis für den Erfolg des rastlosen Mannes ist die permanente Öffentlichkeitsarbeit, bei der meist die Person Mutlu  im Mittelpunkt steht.  Mutlu rennt, Mutlu kocht, Mutlu  hat auch den Kumpelton drauf, ist mit vielen Leuten schnell per Du. Hinzu kommt, dass weite Teile der Öffentlichkeit  sich solch positive Migrantenbiografien wünschen. Was die Gewerbeimmobilie in Prenzlauer Berg  angeht, könnte es so sein, dass Mutlu  sich nun so verhält wie jemand, der sozial aufgestiegen ist und sein Geld   gewinnbringend anlegen möchte.

In Kreuzberg abgeblitzt

Aktiv ist der 48-Jährige vielerorts. Vor ein paar Jahren kontaktierte  Mutlu für einen  Makler den  türkischen Unternehmer Aydin Dogan, den er aus Kindheitstagen kennt, um ihm  Kempinski-Hotels zum Verkauf anzubieten.  Der Millionen-Deal kommt nicht zustande, und als Kritik laut wird, betont Mutlu, es habe sich nur um einen Freundschaftsdienst gehandelt.

Eigentlich will Mutlu eines Tages den Kreuzberger Bundestagswahlkreis des Grünen-Politikers Hans-Christian Ströbele übernehmen, König von Kreuzberg werden. Daraus wird nichts.  Dem Kreisverband ist Mutlu zu pragmatisch, nicht dezidiert links genug. Er wolle es jedem recht machen, so der Vorwurf.  Auch deshalb wechselt er nach Mitte, kann sich in einer gut besuchten Mitgliederversammlung als Direktkandidat durchsetzen.

„Mutlu heißt glücklich“, lautet ein weiterer Slogan des Politikers. Es ist die Übersetzung seines Nachnamens   ins Deutsche. Zumindest vorübergehend hat Mutlu nun das Glück verlassen.