Kritiker halten ihn für eine Art „Knast light“: den offenen Strafvollzug. Etwa 30 Prozent der Berliner Häftlinge verbüßen jedes Jahr ihre Strafe im offenen Vollzug. Das heißt, sie dürfen beispielsweise während der Haftzeit einer Arbeit außerhalb des Gefängnisses nachgehen. Für Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) ist diese Form der Strafverbüßung ein Erfolgsmodell. Die Missbrauchsquote bei Haftlockerungen wie Urlaub oder Familienbesuchen liege bei 0,07 Prozent und sei damit extrem niedrig, sagte der Senator am Mittwoch. „Der offene Strafvollzug ist keine liberale Verirrung“, „sondern ein hoch erfolgreiches Konzept, wie Strafgefangene besser resozialisiert werden“.

Anders als oft vermutet, stelle der offene Vollzug keineswegs ein Sicherheitsrisiko für die Allgemeinheit dar, betonte Heilmann. Dabei stützt er sich auf den Abschlussbericht einer Studie von Edeltraut Töpfer, Richterin am Kammergericht. Die Juristin hatte im Auftrag der Senatsverwaltung die Berliner Einweisungspraxis im offenen Vollzug untersucht und dafür mehr als 170 Gefangenenakten ausgewertet.

Eines der Ergebnisse: Während es zwischen 2005 und 2012 insgesamt 9345 Gefangenen im offenen Vollzug gab, waren sie nur von 20 polizeilichen Ermittlungen betroffen. Neun Mal kam es zu Verurteilungen – ein Mal wegen Totschlags nach massivem Alkoholkonsum, ein Mal wegen Hehlerei und sieben Mal wegen Drogendelikten.

Anlass für die Studie war die Kritik der Vereinigung Berliner Staatsanwälte am offenen Vollzug im vorigen Jahr gewesen. Aus ihrer Sicht gelangten zu viele Täter aus der organisierten Kriminalität in den offenen Vollzug. Außerdem würde der Antritt der Strafe durch das Berliner „Selbststellermodell“ oftmals verzögert und es gebe einen „Vollstreckungstourismus“ – Verurteilte aus anderen Bundesländern ziehen zum Strafantritt in die Hauptstadt, weil es hier liberaler zugeht.

Diese Kritik sei durch den Bericht nicht bestätigt worden, sagte Heilmann am Mittwoch. So verbüßten die meisten Täter aus dem Bereich der organisierten Kriminalität ihre Strafen im geschlossenen Vollzug. Es gebe aber einen Graubereich – Täter, die in eher losem Kontakt zur organisierten Kriminalität stünden – diese könnten in den offenen Vollzug kommen.

Damit nur tatsächlich geeignete Gefangene in den offenen Vollzug kommen, schlägt der Bericht einige Verbesserungen vor. Heilmann will diese größtenteils umsetzen. Eine der wichtigsten: Die einzelnen Behörden – Staatsanwaltschaft, Polizei, Ausländerbehörde, Einweisungsabteilung – sollen besser zusammenarbeiten, damit keine Information verloren geht.

Diskutieren will Heilmann auch, ob eine Vier-Jahres-Regel eingeführt wird, wie es sie in anderen Bundesländern gibt: Wer zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt wird, kommt in den geschlossenen Vollzug. Geändert werden soll außerdem die Gnadenordnung, sagte Heilmann. Bisher ist es die Regel, dass nach einem Gnadengesuch – etwa weil der Verurteilte schwer krank ist – der Strafantritt verschoben wird. „Einige treiben damit Schindluder“, so der Senator. Künftig solle ein Gnadengesuch nur noch im Ausnahmefall den Strafantritt hinausschieben.

Beim „Vollstreckungstourismus“ handelt es sich laut Heilmann um ein Randphänomen. 4,43 Prozent der Häftlinge im offenen Vollzug wurden in einem anderen Bundesland verurteilt, stellt der Bericht fest. Warum sie nach Berlin kamen, sei schwer feststellbar. Da die Zuzügler die Landeskasse belasten, sieht Heilmann aber Handlungsbedarf. Er will das Thema bei der nächsten Justizministerkonferenz mit seinen Länderkollegen erörtern.