Pro Heimplatz entsteht im Jahr angeblich acht Tonnen Kohlendioxid: Ist weniger Fleisch, mehr Obst die Lösung?
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BerlinMeine Mutter wird 80, und es geht ihr, von gängigen Gebrechen abgesehen, gut. Doch sie denkt eben auch daran, dass sich das ändern könnte. Dann sagt Mutti immer so Sachen: Auf keinen Fall wolle sie in ein Pflegeheim oder uns Kindern zur Last fallen. Wir wüssten doch, wo ihre Patientenverfügung liegt?

„Hör auf“, antwortete ich neulich, „es ist egal, was dein jahrhundertelanges Siechtum für mich bedeuten würde. Ich denke global und bin allenfalls unter dem Aspekt der Weltrettung bereit, dein klimaverträgliches Frühableben zu erörtern.“ Das mag rustikal klingen, aber sie kennt meinen Humor.

Eine neue Dimension des Pflegenotstands

Kurz zuvor hatte ich nämlich gelesen, dass ein Bochumer Seniorenheim den ihm Innewohnenden künftig weniger Fleisch verabreicht. Die Bratwurst wiege dort fortan statt 140 nur noch 100 Gramm, in der Bolognese werde Gehacktes durch Gemüse ersetzt und ein Tag pro Woche sei komplett vegetarisch. Die Hauswirtschaftsleiterin räumte ein, dass der neue Speiseplan auch kritisiert würde, aber „wenn wir die Idee dahinter gut erklären, gibt es viel Verständnis“.

Das zur Arbeiterwohlfahrt gehörende Heim beteiligt sich, das ist die Idee dahinter, an der Awo-Aktion „Klimafreundlich pflegen“. Die Kampagnenwebseite beschreibt eine neue Dimension des Pflegenotstands: Pro Heimplatz entstünden acht Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Um die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, dürfe es aber nur noch eine Tonne sein. Und 40 Prozent der Schadstoffemissionen entfielen nun mal auf die Insassenspeisung. Nun denn.

Es geht ums Prinzip

Über Seniorenfehlernährung gab es ja gerade erst einen Gassenhauer: „Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett, ein Kotelett, ein Kotelett/ weil Discounterfleisch so gut wie gar nichts kostet/ meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.“ Sofern das Problem überhaupt existiert, lässt es sich am besten in jenen Einrichtungen beheben, wo Oma nicht mehr selbst brät beziehungsweise braten kann. Ich finde das, mit Verlaub, unappetitlich.

Das hat nichts mit der Qualität fleischarmer Mahlzeiten zu tun. Die dürften sogar gesünder sein. Zudem ist ein Rindernackensteak nicht unbedingt der beste Freund der dritten Zähne. Nein, es geht ums Prinzip. Als verwegene Politiker einst einen Veggie-Day in öffentlichen Kantinen forderten, gingen die Carnivoren auf die Barrikaden, und die Grünen konnten sich alsbald nicht mehr erinnern, diese Idee jemals gehabt zu haben. So etwas kann einem mit Leuten, die extrem vom Wohlwollen anderer abhängig und teils nur noch eingeschränkt selbstbestimmungsfähig sind, natürlich nicht passieren. Verstehen Sie, was ich meine?

In Mutters Kühlschrank: Sülze, Salami, Schnitzel

Vielleicht bin ich zu empfindlich. Jedenfalls fällt mir beim Thema Senioren und Hitze zuerst etwas anderes ein. Vor einiger Zeit gab es in Zürich die Debatte, dass es wegen strenger Gebäude-Öko-Normen selbst bei 35 Grad im Schatten schwierig sei, in Altersheimen Klimaanlagen aufzustellen.

Im Grunde geht es also um die Abwägung, ob man die Alten so lange nur noch Tofuwürstchen essen lässt, bis die Temperaturen wieder sinken, oder inwieweit man mit womöglich klimaschädlichen Mitteln dafür sorgt, dass sie den nächsten Sommer überleben. Mit diesem Zielkonflikt im Hinterkopf inspizierte ich Mutterns Kühlschrank: „Sülze. Salami. Schnitzel. Wenn ich das hier noch einmal sehe, kommst du ins Heim.“ Wir haben sehr gelacht.