BerlinOhne Ticket Bahn und Bus fahren: Das wird in diesem Jahr in Berlin möglich sein, zumindest 24 Stunden lang. Die Senatsverwaltung und der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) bereiten einen „fahrscheinlosen Tag“ vor. Das berichtet Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) in einer Beschlussvorlage, über die der Senat an diesem Dienstag als Tagesordnungspunkt 19 beraten will. Während des autofreien Tags, der in diesem Jahr am 22. September stattfindet, soll der Berliner Nahverkehr zum Nulltarif genutzt werden können, heißt es in der Drucksache, die der Berliner Zeitung vorliegt. Grundlage ist ein Beschluss des Abgeordnetenhauses vom September. Darin werden auch „autofreie Zonen“ angeregt – zum Beispiel auf dem Kurfürstendamm.

Ballspielen, Kreidemalen, Kuchenessen: Im vergangenen Jahr sah der internationale autofreie Tag in Berlin so aus, dass 24 Straßenabschnitte in acht Bezirken vorübergehend zu Spielstraßen wurden. In diesem und den kommenden Jahren soll nun der Nahverkehr im Fokus stehen – mit einem fahrscheinlosen Tag „als künftig jährlich wiederkehrende Maßnahme“, wie es hieß. Ein Nulltarif könne die Schwelle senken, Bahnen und Busse zu testen.

Der Linken-Verkehrspolitiker Kristian Ronneburg hatte die Idee zu dem fahrscheinlosen Tag. In diesem Jahr würde die Aktion an einem Mittwoch stattfinden. „An Arbeitstagen sind Bahnen und Busse morgens und nachmittags normalerweise gut frequentiert“, gibt der Abgeordnete zu bedenken. Damit neue Nutzer nicht enttäuscht werden, müsse der Verkehr verstärkt werden. Davon geht auch Senatorin Günther aus: Es sei „möglich, dass das reguläre Verkehrsangebot an diesem Tag nicht ausreichend ist“, heißt es in ihrer Beschlussvorlage für den Senat. Darum werde nun ermittelt, welches Fahrplanangebot notwendig sei. Auch Brandenburg sollte einbezogen werden.

Kosten: bis zu 700.000 Euro allein für Berlin

Danach könne der finanzielle Mehrbedarf ermittelt werden, so die Grünen-Politikerin weiter. Eine „erste grobe Rechnung“ gebe es schon: Mindererlöse und zusätzliche Verkehrsleistungen könnten sich in Berlin auf 570.000 bis 700.000 Euro summieren, teilte Günther mit. Da die Nulltarif-Aktion im Doppel- und Nachtragshaushalt nicht berücksichtigt wurde, könne die Aktion „gegebenenfalls zu Lasten anderer Aufgaben im öffentlichen Personennahverkehr gehen“, so die Senatorin. Davon geht Kristian Ronneburg aber nicht aus. Die Aufgaben in diesem Bereich seien „gut finanziert“.

Während des autofreien Tages sollen die Stärken umweltfreundlicher Fortbewegungsarten und die damit verbundenen Vorteile für die Bürger in den Vordergrund gestellt werden. Dazu gehöre auch, dass in Zusammenarbeit mit Bezirken und Bürgern Straßen zu autofreien Zonen erklärt werden, zum Beispiel in der Friedrichstraße oder am Kurfürstendamm, heißt es in dem Parlamentsbeschluss.

Doch der Berliner Fahrgastverband IGEB sieht den fahrscheinlosen Tag am 22. September kritisch. „Eine Symbolaktion mit falschem Datum“, sagte Sprecher Jens Wieseke am Montag auf Anfrage. „Wenn wir davon ausgehen, dass sich die Coronalage im Herbst wieder normalisiert hat und die Pandemie abklingt, sollte die Aktion nicht an einem Arbeitstag stattfinden.“ Selbst wenn das Fahrtenangebot da und dort aufgestockt werde, könnte es zu Überfüllungen kommen – was besonders fatal wäre, wenn die Pandemie noch andauern würde. Das wäre keine Werbung für den Nahverkehr.

Aus Angst vor Ansteckung gemieden

„Ich fände es besser, wenn es an einem Wochenende Nulltarif gäbe“, so Wieseke. Für ihn ist die von Rot-Rot-Grün initiierte Aktion „ein weiterer PR-Gag einer an PR-Gags reichen Koalition“.

Ob und wann sich die Coronalage entspannt, gilt aber derzeit als nicht absehbar. Viele Menschen meiden den Nahverkehr derzeit. Nicht weil er kostenpflichtig ist, sondern weil sie befürchten, dass sie sich dort mit dem Virus anstecken – obwohl Bahnen und Busse nicht als Hotspot gelten. Die Nutzung sei in der Coronakrise zurückgegangen, wie aus dem Mobilitätsreport des Wissenschaftszentrums Berlin hervorgeht. Wurden im Oktober 2017 bundesweit noch zehn Prozent aller Fahrten mit dem öffentlichen Verkehr zurückgelegt, waren es im vergangenen Oktober nur noch acht Prozent.