Am Ende war Steve Wolff doch überrascht. Mit 250 Euro hatte er gerechnet, aber dass jemand mehr als 400 Euro bezahlt, ohne zu wissen, was er dafür bekommt, das hatte er nicht erwartet. Steve Wolff, 38 Jahre alt und gelernter Bürokaufmann, führt in Charlottenburg eine Firma, die sich auf die Entrümpelung von Wohnungen und auf die Verwertung von Nachlässen spezialisiert hat. Die Aufträge bekommt er von den Erben Verstorbener, die die Wohnungen schnell leer und besenrein haben wollen. Auch am Sonnabend ging es um eine solche verlassene Wohnung: 80 Quadratmeter Eigentum in gutbürgerlicher Wilmersdorfer Lage.

Doch diesmal wollte Steve Wolff, der seit drei Monaten auch als Auktionator zugelassen ist, etwas Neues testen: Er versteigerte den kompletten Inhalt der Wohnung. Möbel, Teppiche, Elektrogeräte und Bilder, dazu alles, was sich in Schränken, Kommoden und Regalen befindet. „Es ist eine richtige Schatzsuche, weil niemand, weiß, was er wirklich findet“, sagte Auktionator Wolff um die Mittagszeit in einer Spandauer Kneipe vor etwa 20 Interessierten. Mehrere Trödelhändler waren gekommen, auch ein Architekt auf der Suche nach antiken Schätzen sowie Neugierige, die einfache nur sehen wollten, wie so etwas abläuft. Steve Wolff versicherte ihnen mehrfach, dass auch er den Inhalt der Wohnung nicht kenne.

Versteigerungen haben ja etwas Faszinierendes. Gelockt wird mit dem Versprechen auf etwas Besonderes. Vor allem dann, wenn man nicht weiß, was man bekommt. Etwa in ungeöffneten Koffern, die von Fluggesellschaften regelmäßig angeboten werden. Jeder, der mitmacht, hofft dort auf etwas Wertvolles. So wie auch in der US-Dokureihe „Storage Hunters“. Dort versammeln sich regelmäßig Menschen vor Garagen und Containern und bieten nach kurzem Blick auf den (abgedeckten) Inhalt um die Wette. Alle hoffen auf den Hauptgewinn zum Spottpreis.

So ähnlich war es auch im Fall der Wilmersdorfer Wohnung. Am Kneipentisch machte schnell die Rede vom versteckten Goldgeschmeide im Wäscheschrank die Runde, ebenso vom original Orientteppich. Es war scherzhaft gemeint, drückte aber auch eine Hoffnung vieler Neugieriger aus. Nur ein paar Fotos vermittelten vorab einen klitzekleinen Eindruck dessen, was sich in der Wohnung befinden könnte. Zu sehen waren eine teakholzfarbene Anbauwand, eine Flurkommode und ein mit Leder gepolsterter Schaukelstuhl sowie diverse Holzpüppchen, die russischen Matroschkas ähnelten, aber asiatische Gesichter trugen.

Spende an Hilfsverein für Messies

Bei zehn Euro begann Wolff mit der Versteigerung, an der dann fünf Besucher teilnahmen. In Zehnerschritten ging es flugs voran. Bis 200 Euro flogen alle Hände schnell nach oben. Der Erste, ein Händler für Gebrauchtmöbel, stieg bei 250 Euro aus. „Alte Möbel bringen nicht viel“, meinte er bedauernd. Der Architekt beendete sein Gebot bei 300 Euro. Als dann bei 410 Euro Wolff seinen Auktions-Hammer auf dem Kneipentisch knallte, lächelte der Sieger zufrieden und erwartungsfroh.

Es ist Achmed S., ein Händler mit Ständen auf mehreren Berliner Flohmärkten. Er hatte sich offensichtlich gut vorbereitet. In seinem Transporter lagen ein Dutzend Obstkartons. Diese brachten er und Steve Wolff anschließend in die Wohnung, die der Auktionssieger jetzt ausräumen darf. Für ihn geht es um ein Geschäft, auch wenn der Wert von Dingen nicht immer Gewinn verspricht. „Durchschnittlich“, meinte Achmed S. nach wenigen Minuten zurückhaltend. Antikes war nicht sichtbar, und mögliche Schätze sind gut verborgen.

Die Brockhaus-Gesamtausgabe? „Bringt nichts.“ Ebenso wie das betagte Röhrenfernsehgerät, der alte Laptop und die vielen englischsprachigen Bücher. Und die Vasen aus Rosenthal-Porzellan? „Vielleicht 25 Euro das Stück.“ Die Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Familienalbum? „Manche Leute suchen ja so etwas.“

Achmed S. will an diesem Montag wiederkommen und gründlich stöbern. Dann wird er sicher auch die zahlreichen Seidentücher von Christian Dior, Bulgari und Luis Vitton aus der Flurkommode einpacken. Was er nicht mitnimmt, holt Steve Wolff ab. Es werden vor allem die oft sperrigen Möbel sowie die Bekleidung der alten Dame sein.

Den Erlös seiner ersten Auktion hat Steve Wolff dem Verein Nestbau Berlin gespendet. Dieser kümmert sich um sogenannte Messies, die – meist wegen einer psychischen Störung – ihr Leben nicht in den Griff bekommen. Und er plant schon die nächste Auktion; als neue Geschäftsidee will er so die Neugier auf mögliche Schätze weiter schüren.