Berlin - Reibungslos verläuft die Fahrt in die Zukunft noch nicht. Anfangs geht es flott voran, aber dann gibt es einen abrupten Stopp – bis ein Knopfdruck die Zwangspause beendet und die Reise fortgesetzt wird. Trotzdem ist das, was auf dem Euref-Campus am Schöneberger Gasometer geschieht, eine Sensation. Heimlich, still und leise hat dort Olli den Testbetrieb aufgenommen. Olli – so heißt der Elektrobus, der keinen Fahrer braucht. Er befördert im Stundentakt Fahrgäste auf dem Privatgelände. Damit ist in Berlin erstmals ein autonom fahrender Bus im Linienbetrieb unterwegs.

„Bitte festhalten!“ sagt der junge Mann, der zur Sicherheit mit an Bord ist. Und dann ist es auch schon so weit: Die Rückstrahler einer Bodenschwelle, die den Verkehr verlangsamen soll, verwirren die Sensoren des kleinen Olli. Er glaubt, dass vor ihm jemand auf der Straße liegt. Sicherheitshalber ordnet sein Computer eine Gefahrenbremsung an – und die Fahrgäste sind heilfroh, dass sie sich festgehalten haben.

Brotkasten oder Gefrierbox?

„Wir hatten die Reflektoren abgeklebt, aber bei feuchtem Wetter gehen sie leicht ab“, erklärt der Fahrtbegleiter. Abgesehen von solchen Zwischenfällen mache sich Olli aber ganz gut. Mit Hilfe seiner Kameras hat er das Gelände, auf dem sich viele Firmen aus den Bereichen Energie, Nachhaltigkeit und Mobilität niedergelassen haben, erkundet. „Er hat gelernt“, so der junge Mann.

Der Computer weiß nun, wo der Bus um die Ecke fahren muss und wo die Wendeschleifen sind. Radarsysteme und Laserscanner, insgesamt 30 Sensoren, sollen dafür sorgen, dass das Fahrzeug des US-Herstellers Local Motors Hindernisse umfährt oder rechtzeitig bremst.

Olli ist nicht einmal vier Meter lang, mehr als acht Fahrgäste haben nicht Platz. Die kleinen Räder sind nicht viel größer als bei Schubkarren. Seine Proportionen sind ungewöhnlich, von außen sieht der Bus wie ein Brotkasten oder eine Gefrierbox aus. Pulsierendes LED-Licht in wechselnden Farben sorgt für zusätzliche Aufmerksamkeit.

Aufkleber zeigen, welches Unternehmen das Pilotprojekt unterstützt: die Deutsche Bahn. Bislang hat es den Testbetrieb aber nicht bekannt gegeben. So fühlt man sich wie jemand, der in einem entlegenen Teil Europas einem „Erlkönig“ begegnet – einem neuen Auto, das noch geheim gehalten werden soll.

„Das spannendste Projekt“

Montags bis freitags zieht der autonom fahrende Bus zwischen 9 und 17 Uhr seine Runden – mit Tempo 6 bis 9. Jeweils zur vollen Stunde startet Olli vor dem Backsteingebäude des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel, um zum Wasserturm und zum Campus-Eingang zu fahren. Die Fahrgäste warten an Bushaltestellen, die mit der Bezeichnung „autonomes Fahrzeug“ gekennzeichnet sind. Die Fahrt ist kostenlos, laut Plan dauert sie sieben Minuten.

In Treptow möchte Local Motors viele weitere Ollis herstellen. Doch derzeit hat der autonome Kleinbus-Shuttle von Berlin nur ein Pendant – in den USA. Künftig werden selbst fahrende Busse auch im Berliner Verkehr eine Rolle spielen, sagt Gernot Lobenberg von der landeseigenen Agentur für Elektromobilität voraus. „Auf dem heutigen Tegeler Flughafengelände, im Klinikum Buch, in der City West – viele Einsatzgebiete sind denkbar.“ Lobenberg erwartet viel von Olli. Der Test in Schöneberg, der am 28. November begonnen hat, ist „das spannendste Projekt in diesem Bereich“.