In der Diskussion über den möglichen Umbau des Olympiastadions hat sich am Montag Gerhard Janetzky, 67, zu Wort gemeldet. Als Präsident des Berliner Leichtathletik-Verbandes sei er verärgert, als Berliner entsetzt, dass der Senat eine „Beerdigung“ der blauen Leichtathletik-Bahn plane. Schließlich sei der Grund dafür einzig der Wunsch der Firma Hertha BSC, ein aus ihrer Sicht „besseres“ Stadion zu bekommen.

Herr Janetzky, was ärgert Sie am meisten in der aktuellen Stadiondiskussion?

Wir haben die blaue Bahn erst 2004 in das Stadion reingebracht. Seither haben wir darauf Usain Bolt bei der Weltmeisterschaft Weltrekord laufen sehen. Es gab viele weitere Rekorde und großartige Istaf-Veranstaltungen. Berlin ist das Wohnzimmer der deutschen Leichtathletik. Das durfte ich als Meetingdirektor jahrelang verkünden. Es ist das einzige deutsche Class-I-Stadion, in dem überhaupt noch Europa- oder Weltmeisterschaften stattfinden können. All das ist mit den Umbauplänen bedroht. Berlin setzt seinen Weg in die sportliche Monokultur fort und mit allem Risiko auf die Hertha-Karte.

Der Leichtathletik wurde dafür ein Umzug in den Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Aussicht gestellt.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das Stadion absolut marode. Als sich Berlin für Olympia bewerben wollte, waren Umbaukosten von 120 bis 130 Millionen Euro für den Jahnsportpark vorgesehen. Nach der missglückten Bewerbung wurden keine nennenswerten Gelder mehr eingestellt. Das ist eine Mogelpackung. Die internationale Leichtathletik würde sich für immer aus Berlin verabschieden.

Eine Kommunikation zwischen Senat und Leichtathletik-Verband fand offenbar, ähnlich wie bei der Belegung der Turnhallen mit Flüchtlingen, nicht statt.

Das hat mich sehr geärgert. Wir hatten am Freitag noch eine Sitzung des Organisationskomitees für die Leichtathletik-EM 2018 mit Michael Müller und Staatssekretär Christian Gaebler. Kaum waren wir auseinander gegangen, kam die Pressemitteilung von Hertha BSC und Sportsenator Geisel zu den Umbauplänen. Das hat uns völlig kalt erwischt.

Sehen Sie die blaue Bahn wirklich schon beerdigt?

Es ist ja auch ein Finanzthema. Jemand muss den Umbau ja bezahlen. Wir hatten das Thema mit der rein- und rausfahrbaren Bahn ja schon einmal. Das ist damals an den Kosten gescheitert. Der Umbau geschieht ja auf Wunsch eines kommerziellen Vereins. Wir reden von Hertha als einer Kommanditgesellschaft auf Aktien, nicht von einem Turnverein. Die Zuschüsse der Bundesregierung von 2004 waren die Vorfinanzierung für einen kommerziellen Verein. Ich kann mir vorstellen, die Bundesregierung könnte von den 260 Millionen Euro einiges zurückfordern.

Können Sie verstehen, dass Hertha ein modernes Stadion will?

Ich kann Hertha verstehen. Ich fand die Atmosphäre bei vielen Hertha-Spielen allerdings gar nicht so schlecht. Ich glaube nicht, dass die Stimmung mit dem Stadion zu tun hat, sondern eher damit, wie Hertha spielt. Ich gönne Hertha BSC und seinem Präsidenten Werner Gegenbauer, der früher Miteigentümer des Istaf war, gerne ein besseres Stadion, aber es darf kein Zerstören der Leichtathletik in Berlin bedeuten.

Als Berliner, der im Wedding aufgewachsen ist, sagen Sie, sind Sie entsetzt. Weshalb?

Das Olympiastadion ist für mich ein Symbol. Ein Stück Berliner Geschichte. Ich erinnere mich an Polizeisportfeste und viele andere Veranstaltungen. Es ist für mich wie das Brandenburger Tor, der Funkturm oder der Rote Rathaus ein Stück Berliner oder gar deutsche Geschichte. Es widerstrebt mir, dass es künftig eine Kommerzarena sein soll.