Ja, wie denn nun? Seit mehr als einem Jahr wird über die Zukunft des Olympiastadions verhandelt: Wird es zu einem reinen Fußballstadion? Entsteht eine Multifunktionsarena? Oder bleibt alles wie gehabt, mit blauer Laufbahn und sanft ansteigenden Rängen – was dazu führt, dass die Zuschauer weit weg vom Geschehen sitzen und bei Fußballspielen oft keine rechte Stimmung aufkommt? Dann allerdings ohne Hauptmieter Hertha BSC, der sich ein reines Fußballstadion nach dem Motto „steil, nah, laut“ wünscht. Nun hat sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) dazu geäußert. Es gebe eine „Offenheit im Senat“, „dem nachvollziehbaren Wunsch von Hertha gerecht zu werden, in der Nähe des Olympiastadion eine Fußballarena zu bauen, wenn die Anforderungen erfüllt sind, die sich aus dem Ort ergeben“.

Wenn man es gut mit Müller meint, nimmt man die Äußerung als Beitrag zur Stadiondebatte. Tatsächlich aber hat der Regierungschef nichts wirklich Neues gesagt. Eine „Offenheit im Senat“? Na und! Wieso sollte sich der Senat Gesprächen mit dem Bundesligisten verschließen, der seit Jahrzehnten im Stadion spielt. „Nachvollziehbarer Wunsch“? Viele Wünsche sind nachvollziehbar, das heißt noch lange nicht, dass man sie auch erfüllen will.

Neues Futter hatte die Debatte durch die jüngst zu Ende gegangene Leichtathletik-Europameisterschaft erhalten. Es gab schwarz-rot-goldene Medaillen in Serie, auf den Rängen machte La Ola, die Welle, die Runde. Dass das Stadion dabei an keinem Tag auch nur annähernd ausverkauft war, wurde geflissentlich übersehen.

„Das halte ich für ausgeschlossen“

Dennoch wollen nun viele das traditionsreiche Stadion – erbaut für Olympia 1936, umgebaut zur Fußball-WM 2006 – als Leichtathletik-Stätte erhalten. Clemens Prokop, langjähriger Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), hatte gleich nach der EM einen Umbau in eine Fußball-Arena ausgeschlossen. „Ich bin sicher, dass nach diesen Europameisterschaften die Frage mit der blauen Laufbahn geklärt ist. Sie wird bleiben.“

Tatsächlich ist von einem Umbau zu einem reinen Fußballstadion überhaupt nicht die Rede. Vielmehr hatte der Senat eine Machbarkeitsstudie bestellt, die einen Umbau zur Multifunktionsarena diskutieren sollte. Gewünscht war eine Art Mercedes Benz Arena – nur viel größer, unter freiem Himmel und im historischen Ambiente.

Ergebnis der Studie war, dass ein Umbau, der zudem möglichst wenig an der denkmalgeschützten Substanz verändern soll, wohl 200 Millionen Euro kosten würde. „200 Millionen Euro Steuergelder einzusetzen, und Hauptnutzer Hertha BSC sagt hinterher, so wolle er es nicht, ist ganz schön viel Geld. Das halte ich für ausgeschlossen“, sagt dazu Sportsenator Andreas Geisel (SPD).

Fragen des Lärmschutzes

Hertha BSC hat nämlich bereits deutlich gemacht, dass ein solcher Umbau nicht seinen Ansprüchen „steil, nah, laut“ an die künftige Spielstätte entsprechen würde. Deswegen will man lieber einen selbstfinanzierten Neubau direkt neben das Olympiastadion in den landeseigenen Olympiapark setzen (siehe Grafik), mit steileren Rängen und 55.000 Sitzplätzen – statt 75.000 wie bisher.

Angesichts des auf gut 45.000 gesunkenen Zuschauerdurchschnitts bei Hertha-Spielen im Olympiastadion ist das nachvollziehbar, wie nun auch Müller erkannt hat. Häufig ist die Stimmung im halbleeren Rund eher mau. Vorige Saison waren nicht einmal die Kracher gegen Bayern München und Borussia Dortmund ausverkauft. Einziges immer ausverkauftes Fußballspiel ist das DFB-Pokalfinale – und da sind die Hertha-Profis seit Ewigkeiten Zaungäste.

Allerdings ist fraglich, ob das Land dem Verein das Grundstück im Olympiapark verpachtet. Darüber muss das Abgeordnetenhaus entscheiden – und dort seien „noch viele Gespräche nötig und viele Fragen zu klären“, sagt die Vorsitzende des Sportausschusses, Karin Halsch (SPD). Ungeklärt seien etwa Fragen des Lärmschutzes. Bis Oktober soll sich der Ausschuss erneut mit dem Thema befassen.

„Am Ende bleibt ein Millionengrab Olympiastadion“

Reinhard Naumann, Bürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, hat schon mal einen Vorschlag gemacht: Wie wär’s mit einem Hertha-Stadion weit weg auf dem Tempelhofer Feld? Dass es dafür einer Gesetzesänderung bedürfte, hat der SPD-Politiker unterschlagen.

Mittlerweile drängt die Zeit. Der Mietvertrag läuft 2025 aus. Land und Verein verhandeln seit Juli 2017.

Dennoch ist dem Land im Falle eines Neubaus ein tragfähiges Nachnutzungskonzept für das Olympiastadion wichtig. Nach Worten von Geisels Sprecher Martin Pallgen könne es nämlich nicht sein, „dass wir alles möglich machen – und am Ende bleibt ein Millionengrab Olympiastadion“. Im Falle eines Auszugs von Hertha BSC müsste man zum Beispiel auf Konkurrenzschutzklauseln dringen. Das bedeutet, Hertha dürfte das eigene Stadion etwa nicht für Konzerte vermieten. Auch Veranstaltungen wie Kirchentag oder Papstbesuch sollten dort nicht möglich sein, sondern wie bisher im Olympiastadion stattfinden.

Wie verlässlich ist der Senat?

Und nun? Kriegt Hertha den Platz für das neue Stadion, wenn auch mit strengen Klauseln? Alles ist offen.

Eines ist aber sicher: Vor der größten Oppositionspartei muss sich der Senat nicht fürchten – und seien die Aussagen des Regierenden noch so vage. Bei der CDU habe man sich über Müllers Aussagen zum Stadion „sehr gewundert“, sagte Fraktionssprecher Olaf Wedekind. Die Äußerungen seien „schon erstaunlich“.

Sich über die Aussagen eines Regierungschefs zu wundern und darüber zu staunen ist aber noch keine eigene Haltung. Man habe noch keine eigene abschließende Meinung zur Stadionfrage, sagt Wedekind und verweist auf eine mehr als eine Woche alte Stellungnahme des sportpolitischen Sprechers der Fraktion, Stephan Standfuß. Der Senat habe „mit Hertha BSC falsch gespielt“, schreibt Standfuß. „Nach zweieinhalb Jahren meint Sportsenator Geisel plötzlich, dass er einen Umbau aus Kostengründen ablehnt, den er selbst vorgeschlagen hatte. Das hätte ihm auch früher einfallen können. Wir fragen uns, wie verlässlich und glaubwürdig dieser Senat gerade bei so wichtigen sportpolitischen Fragen noch ist.“