Berlin - Sie sind dabei, wenn es laut wird. Die Omas gegen Rechts gehen gegen die AfD auf die Straße, für die Aufnahme von geflüchteten Menschen aus den griechischen Lagern. Sie sind bei den Protesten gegen die von Corona-Skeptikern bis hin zu Neonazis und Reichsbürgern durchzogenen Aufmärsche dabei gewesen, sie forderten Klimagerechtigkeit mit Fridays for Future. Die Omas gegen Rechts sind aber auch da, wo es leise ist: zum Beispiel bei den Kundgebungen zum Erhalt der koreanischen Friedensstatue in Moabit.

Seit gut zwei Jahren sind sie aktiv, die Omas. Angst aufzufallen haben sie nicht. Auf Demonstrationen tragen sie manchmal bunte Strickmützen, meist haben sie Schilder mit deutlichen Forderungen in schwarzer Schrift auf weißem Grund dabei, immer steckt an ihren Jacken und Westen ein Button mit der Aufschrift: „Omas gegen Rechts“.

Ihre weißen Buttons tragen die Berliner „Omas“ Betina Kern, 73, und Annette Gardemann*, 59, auch, als sie an einem bewölkten Dezembertag an der Weltzeituhr am Alexanderplatz warten. Auf einem Spaziergang durch Berlins Mitte wollen sie von der Geschichte der noch jungen Initiative erzählen, die in den vergangenen Monaten durch ihren besonderen Einsatz aufgefallen ist. Vom Alex soll es bis zum Koppenplatz gehen.

Manchmal gibt es kein Für, nur ein Wider

Hier an der Weltzeituhr stehen Vertreterinnen der Omas gegen Rechts regelmäßig an jedem ersten Freitag im Monat – wenn nicht gerade Kontaktbeschränkungen verordnet sind – und machen auf ihr Anliegen aufmerksam. „Es ist eher ein Dafür als ein Dagegen“, sagt Annette Gardemann. Und wofür genau? Für eine demokratische Gesellschaft, für Frauenrechte, Diversität und den Erhalt der ökologischen Vielfalt, für die Aufnahme geflüchteter Menschen und für generationenübergreifende Verantwortung.

Das Engagement der Omas ist jüngst gewürdigt worden. Im November verlieh der Zentralrat der Juden den Omas gegen Rechts den Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage. Eine Auszeichnung, die der Zentralrat an Personen und Gruppen vergibt, die sich gegen Antisemitismus und Rassismus einsetzen. Denn es gibt auch Themen und Tendenzen, bei denen die Omas keine Wahl haben. Dann gibt es kein Für, nur ein Wider. Der Name ist schließlich kein Zufall.

Alles begann im Jahr 2017. Die erste Omas-gegen-Rechts-Gruppe gründete die Wienerin Monika Salzer, als die neu gewählte konservative Regierung von Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) in Österreich mit der rechtsnationalen FPÖ koalierte. „Da konnte man ja nur dagegen sein“, sagt die Wahl-Berlinerin Kern. Sie lacht kurz, es ist ein Lachen, das ihre Überzeugung unterstreicht. Vor ihrer Pension war sie im diplomatischen Dienst tätig. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht.

Die Omas sorgen sich um die Demokratie

Im Frühjahr 2018 schwappte die Oma-Bewegung über die Landesgrenze auch nach Deutschland, zuerst als Facebook-Gruppe. Heute gibt es bundesweit etwa hundert Regionalgruppen. Die Aktivistinnen, die sich selbst Omas nennen, sind vor allem Frauen, sie sind vor dem oder im Rentenalter, manche haben Enkel, manche nicht. Oma gegen Rechts zu sein – das  ist eher eine Haltung denn eine Definition. Das Ziel: sich den rechten und faschistischen Entwicklungen entgegenstellen, die sie in Deutschland und den europäischen Ländern beobachten. Alter ist dabei Wissen. „Entweder durch direktes Erleben oder Erzählungen sind wir noch näher dran“, sagt Betina Kern. „Wir wissen, was die Nazizeit bedeutet hat. Und können nur sagen: Warnung.“

Die Biografien der Omas sind dabei sehr unterschiedlich. Annette Gardemann arbeitet noch als Pflegerin in Teilzeit. Sie kam Ende der 90er-Jahre als Alleinerziehende nach Ost-Berlin, weil dort die Betreuung für ihre drei Kinder leichter zu organisieren war als im Westen. Sie sei immer schon politisch interessiert gewesen, erzählt sie unterwegs. Mit Anfang 20, damals war sie in einer Klinik in Hessen angestellt, kam sie nicht umhin, sich mit der Aufarbeitung der Naziverbrechen in psychiatrischen Einrichtungen zu beschäftigen. Kurz zuvor, 1975, hatte die Bundesregierung die sogenannte Psychiatrie-Enquete abgeschlossen, die Rolle der Kliniken wurde auch an ihrem Arbeitsplatz diskutiert. „Als ich dann nach Berlin kam, habe ich gesehen, dass Politik kein elitäres Hobby ist“, sagt Gardemann. Sie begann, sich einzumischen.

Strategische Unterschiede

Ex-Botschafterin Betina Kern hat sich nie für eine Partei begeistern können. Das erzählt sie bei einer kurzen Spazierpause vor der Volksbühne, wo sich die Omas zuletzt mit einem Bündnis aus Initiativen gegen die sogenannten Hygiene-Demos zusammentaten, von denen inzwischen bekannt ist, dass sie auch ultra-rechte Ideologien versammeln. „Den rechten Rand gibt es so nicht“, sagt Kern. „Elemente dieser Einstellung sind überall in der Gesellschaft verbreitet.“ Die studierte Juristin sorgt sich um die Demokratie. Weil sie Enkel hat, um die sie sich kümmert, fühlt sich Kern bei den Omas gut aufgehoben, der Zusammenschluss erlaubt jeder, so mitzuarbeiten, wie es das eigene Leben hergibt.

Was nicht heißt, dass es immer einfach ist. Wie das in vielen politischen Bewegungen ist, so haben auch die Omas strategische Differenzen. So beschlossen einige von ihnen noch Ende 2018, einen Verein zu gründen – auch das nach österreichischem Vorbild. Etwa, um leichter an Spenden zu kommen. Aber auch, um sich vereinsrechtlich organisieren zu können. Andere Mitglieder wollen das nicht, sie legen Wert auf Basisdemokratie und ihre Autonomie als Gruppe – so wie die Berlinerinnen um Betina Kern und Annette Gardemann. Ihnen ist das Selbstverständnis als Bewegung wichtig.

Oma auf Reisen

Und so gibt es Gruppen, die sich dem bundesweit organisierten Verein zugehörig fühlen, und solche, die sich als Teil des „Deutschland-Bündnisses“ verstehen, liebevoll die „Nord-Omas“ genannt. Da finden sich eher die norddeutschen Regionalgruppen wieder, zur Vereinsstruktur neigen die Gruppen aus dem Süden der Republik. Und auch in der Hauptstadtgibt es die Omas gegen Rechts in doppelter Ausführung.

Manche ihrer Mitstreiterinnen haben sich erst mit dem Engagement bei den Omas politisiert, manche sind aktiv, seit sie 18 sind. So wie die Pädagogin Gertrud Graf, die wegen ihrer radikalen politischen Arbeit in jüngeren Jahren ein Berufsverbot bekam. Sie ist die, die man erreicht, wenn man die Berliner Vereins-Omas kontaktieren möchte.

Graf, „fast 70“, wie sie sagt, ist Oma der ersten Stunde. Sie hatte bereits früh Kontakt zu den Wiener Gründerinnen, sie organisierte das erste analoge Treffen in Berlin. Ende 2018 habe sie sich, erzählt sie am Telefon, in ihr Auto gesetzt und sei einen Monat lang an die Orte gefahren, an denen es schon Oma-Gruppen gab, wollte die bereits Aktiven kennenlernen oder bei der Gründung unterstützen. „Oma auf Reisen“, nannte sie das Format. Auch wenn Facebook nützlich in der Verbreitung und zur Mobilisierung ist, bevorzuge sie persönliche Treffen, sagt Graf.

Deswegen kann sie auch von den regionalen Unterschieden berichten, die sie zwischen ost- und westdeutschen Städtegruppen beobachtet hat. So seien in Freiburg fast 60 Omas zu einem ersten Treffen gekommen, sie reagierten auf eine Zeitungsanzeige. Anders sei das in Chemnitz gewesen, sagt Gertrud Graf: „Wir mussten die Gruppe vorsichtiger aufbauen. Da weht ein schärferer Wind von Rechtsaußen.“ Während es im schwäbischen Reutlingen oder im hessischen Hanau aktive Omas gibt, haben Bautzen und Görlitz bisher keine.

Dass die Omas nicht einheitlich organisiert sind, findet Graf nicht weiter problematisch. „Es ist Teil des politischen Agierens, dass es verschiedene Schwerpunkte gibt“, sagt Graf. Ein Grund für die „Zellteilung“, wie sie den Moment nennt, als die Idee zur Vereinsgründung aufkam, sei etwa die Frage gewesen, ob Männer willkommen seien. Und so gibt es heute Gruppen mit Opas und solche, bei denen sich der Aufruf an männliche Unterstützung nur auf die Protestaktionen beschränkt.

Der Name ist ein Spiel

Ihre Plena halten die Omas coronabedingt über Zoom. Doch das hindert nicht, auch politische Grundsatzfragen zu diskutieren. So sei zuletzt etwa das an Silvester und Neujahr bundesweit erlassene Versammlungsverbot der Regierung Thema gewesen, wie Gertrud Graf erzählt. Die einen finden es gut, dass der angekündigte Aufmarsch von „Querdenken“ so verhindert wird. Für die anderen ist das Demonstrationsrecht ein unantastbares Gut.

Der Kontakt zwischen den Gruppen sei wertschätzend, sagt Gertrud Graf. Sie versteht sich als „Brückenbauerin“, pflegt seit ihrer Reise mit unterschiedlichen Gruppen Kontakt. Die Frage, die sie interessierten Omas stellen möchte, ist: „Was brauchst du, damit du politisch aktiv sein kannst?“

Mit der Selbstbezeichnung Oma räumt die Initiative auf mit dem Stereotyp der älteren Frau, die gemeinhin zwar als sympathisch, aber vor allem als passiv gilt. Mehr noch als die heutige Generation junger Frauen hatten die Omas ihr Leben lang mit den alten Küchen-Klischees zu kämpfen.

Ihr Alter ist durchaus ihr Kapital, doch mit der Rente hat ihr Einsatz nur bedingt etwas zu tun. Gertrud Graf sagt: „Ich gehe doch nicht auf die Straße, weil mir langweilig ist. Ich will gesellschaftlichen Wandel.“ Von wegen Küche.

Twitter feiert sie als #Ehrenomas

Der Name „Omas gegen Rechts“ ist also ein Spiel, eine Aneignung ihrer gesellschaftlichen Position. So schreibt eine der Berliner Gruppen auf ihrer Homepage: „Die ältere Frau als öffentliche politische Kraft ist nicht in unserem kollektiven Bewusstsein gespeichert. Deshalb müssen Frauen öffentlich auftreten, nicht als Einzelperson und Ausnahme, nicht als Star, sondern als Gruppe, die auffällt.“

Während wir durch die Linienstraße gehen, erzählen Kern und Gardemann, wie das geht, wenn sich die ältere Generation auf den digitalen Plattformen einmischt. „Wir müssen uns zeigen, analog und digital“, sagt Gardemann, „das ist unser Auftrag. Immer das Fähnchen hoch.“ Die Omas, die fit sind in sozialen Medien und mit Video-Calls, helfen denen, die sich mit der Technik schwertun.

Die Twitter-Community jedenfalls feiert die Initiative. #Ehrenoma werden dort die besonders Mutigen unter ihnen genannt. So wie die Berlinerin Irmela Mensah-Schramm, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Nazi-Sticker von Laternenpfosten zu kratzen. Oder die Frau in Erkelenz, die auf einem Video, das im Netzwerk kursiert, einem Corona-Leugner in aller Seelenruhe Paroli bietet.

Doch es gibt auch die, denen das Engagement der Omas nicht passt. Es komme schon mal vor, dass sie bedrohliche E-Mails erhielten, besonders direkt nach Aktionen, sagt Kern. Und es gab sogar tätliche Angriffe auf einzelne Omas. Wie in Halle. Der bekannte Rechtsextremist Sven Liebich hatte dort mit seiner Entourage eine Gruppe von fünf Omas, die eine seiner Kundgebungen mit Protest begleiteten, umstellt, beleidigt und geschubst. „Davon fühlen wir uns alle angesprochen“, sagt Gardemann. Dass sie als ältere Frauen vor Angriffen gefeit sind, sei ein Trugschluss, sagt sie.

Ankunft am Koppenplatz. Hier stand Betina Kern mit anderen Omas am 9. November, dem Tag, an dem an die Reichspogromnacht von 1938 erinnert wurde. Sie verteilten Flyer. Auf dem weißen Papier stand: „Mit Scham stehen wir schweigend vor den Mahnmalen. Wir sind entsetzt über den zunehmenden Antisemitismus und die rechtsradikale Gewalt im ganzen Land. Wir versprechen, weiterhin alles in unserer Macht Stehende zu tun, um jeder Form antisemitischer und rechtsradikaler Angriffe entgegenzutreten.“

Jetzt steht Kern wieder hier, am Ziel unseres Spaziergangs, vor dem bronzenen Schreibtisch, der als Denkmal an das Wirken jüdischer Menschen in Berlin erinnert. Der sandige Kies ist noch feucht vom Regen. Betina Kern, Annette Gardemann und all die anderen Omas verstehen sich als Zeit-Wächterinnen. Sie sehen es als ihren Auftrag an, dafür zu sorgen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Und sie wollen wachsen, zeigen, dass sie viele sind. Da, wo es laut sein darf. Dort, wo es still sein soll.

*Name geändert.