Berlin - „Rettet unsere Spätis und Berlins einmalige Kiez-Kultur. Für ein freies Verkaufsrecht aller Spätis an Sonntagen!“ Das fordert derzeit eine Petition auf change.org. Sie will Berlins einmalige Späti-Landschaft vor dem Niedergang bewahren. Inzwischen haben schon über 30.000 Menschen die Initiative mit ihrer digitalen Unterschrift unterstützt.

Der Aufruf stammt von der Berlinerin Christina Jurgeit und richtet sich an Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller, die Neuköllner Bezirksbürgermeistern Franziska Giffey (beide SPD) sowie das Ordnungsamt Berlin.

Die Petition fordert, das Berliner Ladenschlussgesetz zu liberalisieren. Demnach ist sonn- und feiertags zwischen 7 Uhr und 16 Uhr lediglich der Verkauf von Blumen, Printmedien, Backwaren und Milchprodukten erlaubt. Touristische Artikel und Getränke dürfen an diesen Tagen nur in der Zeit zwischen 13 Uhr und 20 Uhr über die Spätitheke gehen. Gegenüber Tankstellen/Imbissen und Bahnhofsläden sind Spätis grundsätzlich benachteiligt.

Nicht alle Spätibesitzer aber halten sich an die Regelung, was wiederum die Ordnungsämter alarmiert. Immer mal wieder patrouillieren Beamte durch die Kieze und kontrollieren stichprobenartig Spätkäufe, ob sie zu unerlaubter Zeit Alkohol verkaufen. Wer erwischt wird, muss zahlen. Bußgelder zwischen 150 und 2500 Euro sind möglich.

Zwei Mitunterstützerinnen der Petition, Isabel Härdtle und Hanna Thiesing, ebenfalls aus Neukölln, haben jetzt ein Video gedreht, das den Kampf für die Erhaltung der Späti-Kultur dokumentiert. Sie lassen in dem vierminütigen Clip vor allem Spätibesitzer zu Wort kommen, die sich Sorgen über die Wirtschaftlichkeit ihrer Geschäfte machen.

Bloß, was ist der Anlass für diese Petition? Droht den Spätis Ungemach? Reflexartig drängt sich ein erster Verdacht auf: Schießt uns aus der Geschenkekiste der Berliner CDU einmal mehr der Verbots-Springteufel entgegen? Will sie mit einer neuen Verordnung den Spätis in Berlin an den Kragen, damit es im hauptstädtischen Feiermoloch wieder gesitteter zugeht?

Neu wäre das nicht: Erst im vergangenen Februar nämlich hatte der innenpolitische Sprecher der CDU-Fraktion Peter Trapp angeregt, man solle doch in Berliner Spätis sowie an Imbissen und Tankstellen nach 22 Uhr keinen Alkohol an Erwachsene mehr verkaufen dürfen. Vor Augen hatte er nächtliche Straftaten und Alkoholexzesse, die sich seiner Meinung nach nur durch entsprechende Verkaufsverbote eindämmen ließen.

Allerdings liegt Berlin zusammen mit München, Hamburg und Bremen am Ende des Länder-Rankings was die Zahl alkoholisierter Jugendliche betrifft. Mit anderen Worten: In Berlin ist man eher bekifft als besoffen. In der CDU hält man sich nach dem Trapp-Fiasko mit solchen Vorstößen inzwischen zurück.

Auch im grün-regierten und verbotserprobten Friedrichshain-Kreuzberg hat man sich nichts Neues zur Befriedung der Partymeilen ausgeheckt. Leider. Geeignetes Personal stünde ja durchaus parat.

Es wäre interessant zu sehen, wie die kürzlich vom Grün-regierten Bezirk als Sitten- und Ruhewächter engagierten Pantominen uns allen mit imaginären Glaswänden den Zugang zur Alkoholhölle Späti verwehren. Doch auch hier: Fehlanzeige.

Spätis wieder konkurrenzfähig machen

Und doch gibt es da diese Petition. Warum? Die Initiatorin versucht nicht etwa mögliche Verbote abzuwehren, sondern sie ruft nach mehr Freiheit. Quasi proaktiv. Jurgeit möchte den Spätis mehr Rechte einräumen lassen. Unter ihrem Aufruf schreibt sie:

„Es soll eine Debatte über die Sonntagsöffnung in Gang gesetzt werden, um alle Berliner Spätis zu unterstützen. Diese sollen mit Tankstellen/Bahnhofsläden gleichgestellt werden, um so auch am Sonntag alle Waren frei verkaufen (Tabak + Alkohol) zu dürfen.“

Der Grund: Sonn- und Feiertage sind die einkommensstärksten Tage vieler Spätis. Zumindest relativ gesehen. Denn an diesen Tagen konkurrieren Spätis nicht mit den Supermarktketten. Vor allem Feiertage wie Silvester sind wahre Umsatzbomben für Berliner Spätis.

Wichtig für die Kiez-Kultur

Der wirtschaftliche Überlebenskampf ist die eine Seite. Aber Spätis bieten mehr als nur den Rohstoff für Feierfreudige, damit diese sich auf den Straßen Berlins mit Hochprozentigem druckbetanken können:

„Die über 1000 Spätis haben eine unverzichtbare, soziale Funktion in Berlin und schon Kult-Status. Sie sind ein fester Ankerpunkt in jedem Kiez und eine willkommene Anlaufstelle für Einheimische, Zugezogene und Touristen.“

Stimmt. Spätis schaffen nicht nur Jobs, sondern sind, vom praktischen Nutzen für Spontankäufe zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten einmal abgesehen, auch Treffpunkt, Inspiration und Kulisse zum Beispiel für...

...balzfreudige Pärchen:

...denkfreudige Philosophen:

...trinkfreudige Fußball-Fans:

...oder experimentierfreudige Fernsehmacher:

Lauwarme Aussichten auf Erfolg

Spätis sind im Idealfall so, wie der Berliner sich und seine Stadt selbst gern sieht: Kuschelig, ungeschminkt, direkt, laut und randvoll mit Alkohol. Eine Projektionsfläche und kulturelle Klammerfunktion. Deswegen sind Spätis bei Berlinern und Nicht-Berlinern gleichermaßen hochbeliebt. Und auch deswegen macht die Petition derzeit auf Facebook und Twitter eilig die Runde, die Resonanz ist groß.

Mindestens ein Berliner wird diesen Aufruf weniger gut finden: Der als „Späti-Hasser“ bekannt gewordene Bernhard Görs.Er hatte im Jahr 2012 satte 48 Spätverkaufsläden in Prenzlauer Berg angezeigt, weil sie sonntags geöffnet hatten und Alkohol verkauften.

Ob der Debatte dann tatsächlich die Aufhebung des Alkoholverkaufsverbots an Sonn- und Feiertagen folgt, hängt selbstredend vom Willen des Berliner Senats ab. Mit der CDU als Koalitionspartner scheint das nicht sehr realistisch: Gleichstellungsregelungen sind dort reichlich unpopulär (siehe: #ehefüralle). Aber wir lassen uns gerne freudig überraschen, denn: