Das Interesse am Ehrenamt nimmt zu, der Staat fördert das. Ein Grund dafür, so eine These, soll die Individualisierung in der Gesellschaft sein, die auch zu Vereinsamung führen kann. Kann das Online-Volunteering, also das Ehrenamt übers Internet, da der richtige Weg sein? Am Bildschirm seines Smartphones ist man doch letztlich auch ziemlich allein.

Beim Ehrenamt geht es in der Tat vor allem um Gemeinschaft und um das vielbeschworene Sozialkapital. Wenn wir uns immer mehr ins Private zurückziehen, fängt der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält, bald an zu bröckeln. Die Individualisierungsthese sagt aber nicht, dass wir nun alle nur noch zu Hause sitzen. Individualisierung heißt, dass wir heute – auch Dank des Internets – viel eher als früher unseren ganz eigenen Interessen folgen.

Wir schließen uns daher Gemeinschaften an, wenn sie gerade zu unseren Interessen und Bedürfnissen passen – und wechseln. Für diese „Vergemeinschaftung“ sind wir aktuell noch sehr darauf angewiesen, uns im echten Leben gegenüber zustehen. Selbst in solchen Cyber-Gemeinschaften wie der Wikipedia gibt es unzählige Treffpunkte und Veranstaltungen in der physischen Welt – was aber nicht so bleiben muss. Was werden wir in 20 oder 30 Jahren noch in einem persönlichen Gespräch vermitteln können, was wir über das Internet nicht genauso gut sagen können? Das Internet ist mittlerweile ein alltäglicher Begleiter der meisten von uns. Und bisher steht das Online-Volunteering sozialen Kontakten nicht entgegen.

Wieso?

Ich engagiere mich zum Beispiel im Sport, mein Hobby ist Freestyle Slalom Skaten. Dafür bin ich ziemlich international unterwegs. Ich kenne Leute in fast ganz Europa und wir stellen gemeinsam einiges auf die Beine. Wir sehen uns zwar selten, halten aber vor allem über Facebook den Kontakt. Die jüngere Generation macht das ganz ähnlich, aber da kommt eher Snapchat und WhatsApp zum Einsatz.

Was ist das Neue am Engagement über das Internet, was ist der Vorteil?

Technisch neu und sehr vorteilhaft ist, dass ich mein Büro in der Hosentasche mit mir herumtragen und so sehr flexibel aktiv werden kann – zu Hause auf der Couch, im Zug oder, wenn es der Arbeitgeber erlaubt, auch vom Büro aus. Wenn ich zum Beispiel eine Kampagne unterstützen will und ich gut Texte schreiben oder Grafiken entwerfen kann, spielt es keine Rolle, wann und wo ich das tue. Ähnliches gilt für die Krisenberatung per E-Mail und Instant-Messenger. Hier ist natürlich eine zeitnahe Reaktion wichtig, ob ich beim Schreiben aber ein Jackett oder meinen Schlafanzug trage, ist relativ egal.

Ein Obdachloser braucht Essen und keine E-Mail. Und wollen Menschen in einer Krise nicht doch lieber eine Stimme hören?

Die freiwillige Feuerwehr kann auch keine Brände per Video-Telefonie löschen und allein mit Fußballspielen auf der Konsole wäre die deutsche Nationalelf nicht Weltmeister geworden. Es gibt natürlich Bereiche, in denen das Online-Volunteering nur ergänzend sinnvoll ist. Bei der Feuerwehr zum Beispiel bei der Brandschutzberatung, beim Fußball zur Organisation von Turnieren. Und Krisenberatung per E-Mail funktioniert durchaus ohne sonore Stimme am anderen Ende. Erst kürzlich wurde beim deutschen Engagementpreis ein solches Projekt in der Kategorie „Leben bewahren“ ausgezeichnet. Und auch die Berliner Caritas macht mit [u25], einer E-Mail-Krisenberatung für junge Menschen, sehr gute Erfahrungen.

Glauben Sie, dass der Staat das zivilgesellschaftliche Engagement ausnutzt, um Löcher im sozialen Netz zu stopfen?

Sicher ist der Staat an der positiven Wirkung ehrenamtlichen Engagements interessiert. Deshalb fördert er es ja. Dass das Ehrenamt aber ausgenutzt wird, um Löcher zu stopfen, halte ich für zu einseitig, denn es gibt noch eine andere Seite der Medaille: Ehrenamtliche Initiativen haben einige der Probleme erst aufgedeckt, um die sich der Staat jetzt zu kümmern hat. Ein Beispiel dafür ist die ehrenamtliche Hospizarbeit. Früher hat man sich wenig Gedanken um das Umfeld sterbender Menschen gemacht. Es war die Hospizbewegung, die zeigte, dass es da eine Lücke gab. Und es sind heute vor allem die Netzwerke ehrenamtlich Engagierter, die über Online-Kampagnen, Petitionen und Volksbegehren den Staat unter den Druck setzen.

Online-Volunteering ist schon seit einigen Jahren Ihr Thema. Was hat Sie bei dieser Entwicklung in den vergangenen Jahren besonders begeistert?

Da gibt es zum Beispiel die Berliner Sozialhelden, die seit 2010 wheelmap.org betreiben. Auf der Wheelmap werden rollstuhlgerechte Orte kartiert, was einerseits sehr hilfreich für Rollstuhlfahrer ist, andererseits aber auch für das Thema Barrierefreiheit im öffentlichen Raum sensibilisiert. Auch die Online-Plattform Mundraub.org finde ich toll. Die Community kartiert seit nunmehr sechs Jahren Orte, an denen man frei nutzbares Obst und Gemüse ernten kann, wenn man ein paar Regeln befolgt, also zum Beispiel keine Bäume beschädigt oder so. Und auch Youvo.org begeistert mich. Youvo wurde 2012 von ein paar Studies der UDK als eine Art Online-Freiwilligenagentur für junge Kreative aus der Taufe gehoben und ist längst nicht mehr auf Berlin beschränkt.

Wird das Online-Volunteering in der Gesellschaft akzeptiert?

Das Online-Volunteering tritt langsam aus der Nische der eher kleinen Vereine und Initiativen heraus. Wir brauchen mehr solcher etablierten Player wie die Berliner Caritas, die zeigen, dass Internet und Online-Volunteering nicht nur was für Nerds mit Brille ist.

Und wo geht es hin?

Das Ehrenamt wird sich weiter verändern und eigensinnige Lösungen für aktuelle Probleme finden. Der Eigensinn des Ehrenamtes ist seine große Stärke. Das Ehrenamt wird aber auch immer ein Spiegel der Gesellschaft bleiben. Sowie das Internet mit seinen sozialen Medien, seinen Tools und Plattformen in der Gesellschaft verbreitet ist, so wird es auch im Ehrenamt genutzt. Deshalb bin ich mir sicher, dass das Online-Volunteering über kurz oder lang ein selbstverständlicher Teil des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland wird. Verbunden damit wird auch das Verhältnis zwischen Zivilgesellschaft und Staat neu geregelt werden müssen.

Aktuell klagt das globalisierungskritische Kampagnen-Netzwerk Attac beim Hessischen Finanzgericht dagegen, dass ihm die Gemeinnützigkeit aberkannt worden ist – wegen seines politischen Engagements. Der Streit um die längst nicht mehr steuerrechtliche sondern hochpolitische Frage, in welchem Maße gemeinnützige Vereine politisch aktiv sein dürfen, wird sicher spannend. Betroffen ist davon ja nicht nur Attac sondern auch andere reichweitenstarke Kampagnen-Netzwerk wie Campact, die mehr Menschen erreichen als CDU/CSU und SPD zusammen Mitglieder haben.

Das Gespräch führte Martina Doering.