Morgens, 9 Uhr, in der Universitätsbibliothek der Technischen Universität (TU) Berlin, Fasanenstraße. Studenten sammeln sich vor der Tür zum Lesesaal. Sie haben ihre Sachen in Fächer eingeschlossen und tragen Körbe mit den nötigen Utensilien. Über ihnen öffnet sich der hohe Raum des Gebäudes mit vier Galerien – Etagen voller Bücher und anderer Medien. Insgesamt sind es etwa drei Millionen. Alles wirkt noch so wie vor gut zwölf Jahren, als die neue gemeinsame Bibliothek der TU und der Universität der Künste (UdK) eröffnet wurde. Doch seitdem hat sich viel geändert.

Jürgen Christof, der Direktor der Universitätsbibliothek der TU, ist ein großer schlanker Mann, 1967 geboren. Vor drei Jahren hat er das Amt übernommen. Von Anfang an verfolgte er das Ziel, die Bibliothek für das digitale Zeitalter umzurüsten. Das Stichwort lautet: Open Access. Alles, was Wissenschaftler produzieren, soll offen für jedermann im Internet verfügbar und nutzbar gemacht werden.

„Wir verstehen uns als Motor dieser Entwicklung an unserer Universität“, sagt Christof. Mit der TU Berlin geht nun auch die letzte der drei großen Berliner Universitäten den Weg, „Wissen für alle“ zu schaffen. Das entspricht genau der Strategie Berlins, denn laut Senatsbeschluss sollen 60 Prozent der wissenschaftlichen Zeitschriftenartikel aus Berlin bis 2020 Open Access vorliegen.

Keine Umsonstkultur

„Open Access ist kein Modell, um Geld zu sparen, keine Umsonstkultur“, sagt Jürgen Christof. „Es ist eine Form, wie seriöse, geprüfte wissenschaftliche Ergebnisse dank des technologischen Fortschritts weltweit zur Verfügung gestellt werden können.“ Die vergangenen Präsidenten der TU Berlin hätten diesem Thema eher verhalten gegenübergestanden. Erst unter der Präsidentschaft von Christian Thomsen, der 2014 sein Amt antrat, sei es gelungen, zu einer veränderten Position der TU zu gelangen. Gleichwohl muss ein Entwurf für eine sogenannte Open-Access-Policy der TU erst noch durch die Uni-Gremien.

Wie andere Universitäten auch, hat die TU eine Open-Access-Beauftragte eingesetzt. Es ist die Professorin Vera Meyer, die das Fachgebiet Angewandte und Molekulare Mikrobiologie leitet. Sie erinnert sich noch gut an ihre Zeit als TU-Doktorandin, als sie „keinen Zugang zu den meisten der Journale hatte und regelmäßig zu besser ausgestatteten Berliner Wissenschaftseinrichtungen pilgern musste oder Bittstellerbriefe an Autoren schrieb“.

Inzwischen ist vieles anders geworden. Auch an der TU gibt es einen Server, Repositorium genannt, auf den Wissenschaftler ihre Forschungsergebnisse stellen können. Und zwar als Zweitveröffentlichung von Artikeln aus Fachzeitschriften, als weltweit einsehbare Datensammlung oder in anderer Form. Sehr stark genutzt wird die Möglichkeit vom wissenschaftlichen Nachwuchs, etwa bei Doktorarbeiten. An der TU Berlin werden jährlich rund 500 Doktorarbeiten veröffentlicht, etwa 70 Prozent davon online. „Die Promovenden wissen mittlerweile, dass die Sichtbarkeit ihrer Doktorarbeit deutlich steigt, wenn sie diese online stellen“, sagt Christof. Ein Open-Access-Team der TU-Bibliothek hilft den TU-Angehörigen dabei, ihre Arbeiten öffentlich zu machen. „Wir fordern Forschende auf: Gebt uns doch bitte eure Literaturliste! Wir arbeiten das für euch auf“, sagt Christof.

Seine Begründung für dieses Vorgehen lautet: „Mit öffentlichen Geldern produzierte wissenschaftliche Ergebnisse sollten auch öffentlich zugänglich sein.“ Das betreffe 99 Prozent aller wissenschaftlichen Ergebnisse in Deutschland. Außerdem würden Open-Access-Publikationen viel eher wahrgenommen und deutlich häufiger zitiert. „Studien belegen das.“

Gleichwohl gibt es Vorbehalte unter Wissenschaftlern. Vera Meyer nennt es Dogmen, die es zu hinterfragen gelte. So heiße es beispielsweise, Open-Access-Journale seien qualitativ weniger wert, sie hätten kein „Peer Reviewing“, würden also von unabhängigen Gutachtern aus dem Fachgebiet nicht gegengecheckt. Um vor diesen zu bestehen, müsse man in etablierten, hochrangigen, „Closed-Access“-Journalen veröffentlichen. Man findet diese Haltung häufig in den Geisteswissenschaften, aber auch bei Juristen, Naturwissenschaftlern, Ingenieuren.

Viele Wissenschaftler an der TU wenden sich gegen diese Vorbehalte. „Mein Fachgebiet ist scharf auf Open Access“, sagt zum Beispiel die Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy etwa salopp. „Ich wünsche mir, dass alle Publikationen, die in meinem Fachgebiet entstehen, frei zu lesen sind.“ Der Informatiker Alexander von Lühmann sagt: „Insbesondere für die Forschung in Ländern mit kleinerer Industrie und Wirtschaft ist Open Access oft unerlässlich, weil kleinere Institute und Universitäten nicht ,per se’ alle relevanten Journals abonnieren können.“ Aber auch für große Unis ist dies schwer, weil einige wenige wissenschaftliche Großverlage immer höhere Preise für Zugänge zu ihren Fachjournalen verlangen. Die Gebühren fressen bis zu 60 Prozent der Bibliotheksetats auf.

Reform des Urheberrechts

Dennoch müssen nicht wenige Wissenschaftler überzeugt werden, dass auch Online-Plattformen wissenschaftliche Seriosität garantieren. Jürgen Christof ist der Meinung, dass dies erreicht werden kann. „Open Access ist nicht gleichbedeutend mit minderer wissenschaftlicher Qualität“, sagt er. Begutachtung und Qualitätssicherung müssten selbstverständlich auch hier eingehalten werden. Bei Zweitveröffentlichungen und Doktorarbeiten sei dies ohnehin garantiert. Und wer ganze Datensätze online veröffentliche, stelle sich ja gerade der Kritik und Überprüfung durch andere – und zwar weltweit.

Die Berliner Rektoren und Präsidenten begrüßten gerade erst den Entwurf des Bundesjustizministeriums zur Reform des Urheberrechts. Diese soll künftig die offene und digitale Verbreitung und Nutzung von Arbeiten in Lehre und Forschung erleichtern und zugleich die Vergütung der Autoren sichern. „Wir befinden uns meiner Meinung nach in einer Zeitenwende“, sagt der TU-Bibliotheksdirektor. „Auch große bedeutende Zeitschriften werden sich in Open Access wandeln. Auch Flaggschiffe wie Nature oder Science. Aber das ist ein Blick in die Glaskugel.“