Berlin - Mal stecke ich die Hände in die Hosentaschen, was beim Tanzen immer etwas verklemmt daherkommt, oder ich reibe sie heftig aneinander, was wiederum extrem nach indischem Ausdruckstanz aussieht. Handschuhe, Wollmütze und Kapuzenpulli wären jetzt nicht schlecht bei dieser Open-Air-Party in der Tentstation in Moabit, einem der letzten abenteuerlichen Orte der Innenstadt. Wo Tanzmusik nachts keinen stört.

Doch der Grund der Party ist ein trauriger. Sechs Jahre lang konnten Touristen und Einheimische in der Tentstation, nahe dem Hauptbahnhof, billig zelten. Manche gingen auch nur so mal dorthin, es gab Partys und gemütliche Abende an der Bar. Der Campingplatz befand sich auf dem Gelände des früheren Sommerbades Moabit. Alles blieb erhalten: Schwimmbecken, Sprungtürme, das Häuschen des Bademeisters, Toiletten. Doch mit Zelten ist nun Schluss. Investoren bauen für 20 Millionen Euro eine Wellnesslandschaft. Die Tentstation ist vorbei. Jedenfalls an diesem Ort.

Goodbye, Tentstation!

Und so haben die Betreiber zur letzten Party eingeladen. Schon am Nachmittag kommen die Gäste, gestandenes Partyvolk im Schlabberlook, entspannt und gut gelaunt, Familien, deren Kinder mutig vom Rand in das mit Sand gefüllte Becken springen. Der Sand ist nass, die Tanzenden treten ihn fest. Komisch, es riecht nach Ostsee und Fisch. Heringsdorf? Jemand steckt brennende Fackeln in den Sand. Es ist dunkel. Der DJ spielt Elektrobeat, alle haben Platz zum Tanzen. Wer friert, wärmt sich am Lagerfeuer.

Die Discokugel am Zehn-Meter-Turm wirft geheimnisvolle Lichtsignale an die hellblauen Beckenfliesen. Der Himmel ist sternenklar. Zauberhaft. Ein paar Aufgedrehte hasten mit ausgebreiteten Armen durch die Menge. Hin und her, immer wieder. Wie sind die denn drauf? Doch hier kriegt jeder seinen Catwalk.

Auf dem Herrenklo fotografiert sich jemand im Spiegel. Das letzte Foto, sagt er. Nach Mitternacht sind die Würste alle, Grillkohle glüht noch, der Mann mit den chinesischen Dumplings im Imbisswagen verschenkt jetzt trockenes Brot. An der Bar gibt es nur noch Hefeweizen. Es wird kälter. Zeit zu gehen. Goodbye, Tentstation! Bis bald, an einem anderen Ort.