Oper Carmen: Ein ganz schön großer Kamerad

Berlin - Cigares liegt noch in Einzelteilen auf Holzböcken. Es ist der Schriftzug über dem neuen Bühnenbild für die Seefestspiele Wannsee. Cigares ist spanisch und weist auf eine Zigarettenfabrik in Sevilla hin, Arbeitsplatz der begehrenswerten Carmen. Vom 16. August bis 2. September, immer donnerstags bis sonntags, wird die Oper "Carmen" von Georges Bizet im Strandbad Wannsee aufgeführt. Die Bühne dafür wurde nur ein paar Kilometer südwestlich in den Filmstudios Babelsberg gefertigt. Am 9. Juli hat der Aufbau am Wannsee begonnen.

"Ein ganz schön großer Kamerad." So nennt Gert-Michael Henning sein Werk. Der Mann ist Leiter des Projekts, das die Studio-Werkstätten vor einige Herausforderungen stellt. Der "große Kamerad" ist der Fächer, der die Bühne von "Carmen" dominieren wird. Allein das aufschiebbare Fächertor hat 18 Elemente und wird acht Meter breit und vier Meter hoch – die komplette Fächerkonstruktion wird 22 Meter breit und elf Meter hoch. Insgesamt 5,2 Tonnen Stahl werden dafür verbaut. Die gesamte Bühnenkon-struktion ist sogar 38 Tonnen schwer. 35 Schlosser, Schweißer, Tischler, Maler und so weiter sind beteiligt, insgesamt acht Gewerke der Babelsberger Werkstätten, die sich offiziell Art Departments nennen, werden gebraucht.

Studio hat Maßstäbe gesetzt

Doch es sind nicht die schieren Maße, die für Henning und seine Leute so speziell sind. In Sachen Filmausstattung haben die Babelsberger nicht zuletzt 1999 durch den Bau der seitdem vielfach genutzten "Berliner Straße" für den Film "Sonnenallee" Maßstäbe gesetzt. Hollywood-Produktionen wie Quentin Tarrantinos "Inglourious Basterds", der Krimi "Die Bourne Verschwörung" mit Matt Damon oder der umstrittene Naziwiderstandsschinken "Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat" mit Tom Cruise haben dazu beigetragen, dass das Filmstudio heute zu den umsatzstärksten Großatelierstudios für Kinofilme in Europa zählt.

Doch das war alles Film, zweidimensionale Illusion, gebaut oft nur für eine Einstellung, für ein paar Tage. "Carmen" ist zwar wie jede Oper auch eine große Show, doch für die vielen Zuschauer, die dicht an die Bühne herankommen und sogar anfassen können, doch auch Realität. Mit reinen Fassadenbauten in Potemkin’schen Dörfern darf es da nicht getan sein.

Außerdem sind schließlich immerhin zwölf Aufführungen im Berliner Spätsommer geplant. "Schon deshalb müssen wir hier viel werthaltiger bauen als beim Film", erzählt Projektleiter Henning. Die Aufbauten müssen robuster sein, sagt er. Da darf nichts rosten, wackeln oder bröckeln.

Besondere Aufmerksamkeit benötigt auch der Aufführungsort Strandbad Wannsee, ein sensibles Trinkwasserschutzgebiet. "Das bedeutet für uns, dass wir zum Beispiel ausschließlich mit lösungsmittelfreien Farben arbeiten", sagt Henning. Und auch die Logistik sei kompliziert. So wolle man auf dem Gelände möglichst viel mit gas-betriebenen Fahrzeugen rangieren. "Aber einen Teleskop-Gabelstapler, wie wir ihn brauchen, gibt es nun mal leider nur mit Dieselantrieb."

Interessenten für den Fächer

In den kommenden Tagen muss alles ganz schnell gehen. Anfang August soll der Bau abgenommen werden, ein paar Tage später die ersten Proben für "Carmen" beginnen. Regie führt in diesem Jahr Volker Schlöndorff, langjähriger Manager der Babelsberger Filmstudios und einer der Initiatoren der Zusammenarbeit. Für den 16. August ist die Premiere angesetzt. Dann ist auch bereits die Sopranistin Viktorija Kaminskaite in der Hauptrolle der Micaela zu hören. Die anderen Solisten – Bariton Michael Bachtadze als Escamillo und Tenor Christian Schleicher als Don Josè – sind ab dem 17. August dabei.

Jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen. Im vergangenen Jahr hatten die Naturgewalten die Proben für die erste Seefestspiele-Oper "Die Zauberflöte" unter der Regie von Katharina Thalbach fast unmöglich gemacht, zu den Aufführungen selber hat das Wetter dann einigermaßen gehalten. An Gert-Michael Hennings "großen Kameraden" soll es jedenfalls definitiv nicht scheitern.

Schon eine Woche nach dem Finale wollen die Bauleute den Spielplatz auf der Wannsee-Düne quasi besenrein wieder den Berliner Bäderbetrieben übergeben. Und was wird mit dem riesigen Fächer? Da gebe es Interessenten, die ihn nachnutzen wollen, so Henning, "aber nicht als Bühne."

Carmen im Strandbad Wannsee:

Ab dem 16. August, Tickets zwischen 30 und 72 Euro. Alle Infos unter: www.seefestspiele-berlin.de