An einer Hauswand ganz in unserer Nähe hängt ein großes Plakat. Es wirbt für die Kammeroper „Schattenlos“ im Köpenicker Schlossplatztheater, „die den Horror unserer von Gier zerfressenen Gegenwart mit neuen Tönen zum Klingen bringt“.
„Wat is’n dit für ne Werbung?“, fragt mein alter Schulkumpel, der sie auch gesehen hat. „Würdest du in so ’ne Oper jehn?“ – „Weiß nich“, sage ich. – „Na, stell dir ma vor: klingender Horror ’n janzen Ahmt lang. So formuliert man doch keene Einladung. Davon ham’ die Leute doch schon am Taare jenuch!“ 

– „Stimmt“, sage ich: „Aber manche brauchen’s eben auch am Abend.“ – „Und denn: von wejen neue Töne. Ick gloobe, inne Musik hat et schon alle Töne jejeben. Jibt et nich schon ’ne Oper, wo se Katzen am Schwanz uffhängen? Und die müssen dann zu im Takt klappernden Mülltonnen jaul’n?“ – „Ich glaube, so was gibt’s nicht“, sage ich. „Wegen Tierschutz und so.“ Bin aber jetzt neugierig geworden, was es wirklich so alles gibt.

Neuerzählung von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“

Zu Hause schaue ich im Internet nach und finde tatsächlich eine Liste von Musikstücken, in denen Laptop, Kaffeekocher, Skateboard, Betonmischer und Staubsauger zum Einsatz kommen. Manche Stücke tragen Titel wie: „In großer Angst geschrieben“ oder „ …aus der Disco rasen und entsetzte Passanten fragen, ob sie Deutsche sind“.
Ich frage mich, welche Geräte am besten geeignet wären, „den Horror unserer von Gier zerfressenen Gegenwart“ zum Klingen zu bringen.

Gier und Gegenwart – da fallen mir erst einmal Auto- und Bankmanager ein. Man könnte also Hupen, Motorengeheul, Blechcrash-Geräusche und das Klicker-Pling-Geratter einer Registrierkasse zusammenwerfen. Darauf könnte man Hohn-Gelächter mit Hyänengeheul legen. Das wäre zwar nicht neu, würde aber schöne Ohrenschmerzen erzeugen.
In der Oper „Schattenlos“ soll es, wie ich lese, um eine an heutige Zeiten angepasste Neuerzählung von „Peter Schlemihls wundersamer Geschichte“ gehen, in der Schlemihl seinen Schatten verkauft – gegen ein Säckchen voller Gold, das nie versiegt.

Starke Worte für Produkte

Adelbert von Chamisso hat das vor 200 Jahren geschrieben. Gold kann man schön klimpern lassen. Das ist bekannt. Wie aber stellt man einen Schatten musikalisch dar? Vor allem, wenn er weg ist? Naja, ich habe mir jetzt eine Opernkarte gekauft, um mir das Ganze mal anzusehen. In Bälde folgt die Auflösung. Apropos Werbung: Nicht nur Theaterleute, auch andere werben mit starken Worten für ihre Produkte.

Manche aber leider in grausam schlechtem Deutsch, wie ich gerade erleben musste. Da will mich jemand im Internet für ein Computerspiel begeistern, und zwar mit dem Spruch, dies sei „das am süchtig machendste Strategie-Spiel 2017“.

Am süchtig machendst? Das ist ja gruselig stimmendst! Da könnte man ja auch sagen: Der Sportler xy sei der am schnell rennendste Mann der Welt. Oder, auf unser Plakat angewendet: „Die Kammeroper bringt den Horror unserer am schlimm von Gier zerfressensten Gegenwart mit am neu klingendsten Tönen zu Gehör.“ Und zwar haarsträubendst.