Berlin - Ein Kabel fehlt. So ein Cinch-Kabel, das den Computer mit den Boxen verbindet. Das ist ärgerlich, denn ohne Kabel gibt es keine Musik und ohne Musik keine Oper. Dabei läuft sonst alles perfekt. Das Boot liegt vor Anker, goldene Folie flattert im Wind, die Sängerin stimmt sich ein. „So ein Kabel hätte ich da“, ruft da einer am Ufer. Er wird Rudi genannt, er sitzt auf einem Plastikstuhl am Landwehrkanal, zusammen mit Siggi, Gunnar, Erik und Enten-Mike. Die Männer haben ihre kleinen Boote am Ufer festgemacht, sie trinken dort jeden Tag Bier oder Wein. Rudi hat soeben die Generalprobe gerettet.

Am heutigen Donnerstagabend soll es nämlich eine Oper geben auf dem Landwehrkanal, im „Lohmühlendreieck“, wo Kreuzberg, Neukölln und Treptow aufeinandertreffen. Eine einmalig aufgeführte Oper fürs Volk soll es sein, nur mit Arien, aus Puccinis „La Bohème“, aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“, aus Verdis „La Traviata“ – und mit freiem Eintritt für alle. Eine „Oper to go“, würde Dominique Wolf sagen, sie hat sie „Nospreenovela“ genannt.

Eine besessene Visionärin

Dominique Wolf ist 35 Jahre alt und eigentlich Schauspielerin, aber sie schreibt inzwischen lieber Stücke für ihre „Wolfsbühne“, ein kleines Alternativ-Theater. Ihre Stücke handeln von Hunger und Überfluss, von Gott und Facebook, sie führt sie noch an verschiedenen Orten auf, aber sie träumt von einer festen Theaterstätte.

Wolf sagt, dass sie „Visionärin“ sei. Sie denkt sich etwas aus und sei dann so besessen davon, dass sie alles dafür tut. So ist es auch mit der Oper auf dem Wasser. Um ihre Idee finanzieren zu können, hat sie Wohnungen tapeziert und bei Freunden Geld gesammelt. Einige Mitstreiter helfen umsonst, andere machen Sonderpreise. Ihre Mutter, die ein Geschäft für Braut- und Festmoden betreibt, unterstützt sie bei den Kostümen. Ein Laden in Neukölln hat bunte Tücher gesponsert.

Die Oper auf dem Wasser hat auch etwas mit dem Hobby der 35-Jährigen zu tun. Dominique Wolf stammt aus Schwerin und fährt gern Boot. Sie hat selbst ein kleines, das an der Rummelsburger Bucht vor Anker liegt. Ihr Boot würde zwar für eine Opernaufführung nicht taugen, aber der Nachbar vom Liegeplatz hilft gerne aus.

Der nennt sich Bommel, kommt aus Schöneberg und ist ein pensionierter Beamter im Alter von 70 Jahren. Er trägt Schnauzer und Basecap und hat sein großes Kajütboot gern als Bühne zur Verfügung gestellt. Er hat auch Mineralwasser für die Sängerin zu Hand und wenn es sein muss, hilft er auch mal mit ein paar Stecknadeln bei der Anprobe aus. Bommel sagt, „die Hauptsache ist, hinterher sieht mein Boot wieder genauso aus wie es vorher war“.

Das dürfte kein großes Problem sein, denn seine „Libelle II“ wird nur mit Goldfolie verhangen. 40 „Comfort-Rettungsdecken“ in Gold/Silber-Ausführung hat Bühnenbilder Christian Wilde dafür im Internet bestellt. Strom für die Boxen und das Licht liefert der Biergarten an der Ratiborstraße, und als Requisiten werden allenfalls ein verschnörkelter Tisch und ein roter Samtstuhl gebraucht. Beides, Jugendstil und schon ziemlich angeschrammt, hat Dominique Wolf aus ihrer Kreuzberger Wohnung mitgebracht.

Schippern während der Aufführung

Bommel ist ein bisschen aufgeregt. Weil die Aufführung direkt dort geplant ist, wo Landwehrkanal und Neuköllner Schifffahrtskanal aufeinandertreffen und er in dem Dreieck nicht ankern darf. Also wird er während der gut einstündigen Oper immer ein bisschen hin- und herschippern müssen. Nicht zu dicht am Ufer, damit das Boot keine Schrammen bekommt, aber auch nicht zu weit entfernt, damit das Publikum, das an Land auf der Wiese sitzt, noch gut hört. Dumm auch, wenn große Touristen-Dampfer um die Ecke biegen und dabei Wellen schlagen, die alles zum Wackeln bringen. Aber große Schiffe sind abends kaum noch unterwegs.

Jetzt liegt die „Libelle“ direkt im Landwehrkanal vor Anker, wo man parken darf. Den Platz haben die Männer mit dem Bier extra für Bommel freigehalten. Die Arien verfolgen sie mit ernsten Gesichtern. Er höre sonst beim Kochen auch immer klassische Musik, erzählt Gunnar. Erik, ein Mann mit vielen Tätowierungen auf Körper und Gesicht, hat irgendwo einen Zettel aufgetrieben und bittet die Sängerin, für ihn „da was draufzuschreiben“.

Die Sängerin heißt Moon Suk. Sie ist Südkoreanerin und hat sich bereits einen Ruf als skurriles Mädchen für alles erworben. Sie tritt als Sopranistin in der Philharmonie auf, als Model, Poetin und Performance-Künstlerin. „Lieber Erik, Du warst meine Freude“, schreibt Moon Suk auf den Zettel, den der Tätowierte dann vorsichtig in die Hemdtasche schiebt. Es mache ihr Spaß, auch mal solche Jungs zu begeistern, sagt Moon Suk, deshalb unterstütze sie das Opern-Projekt.

Nach der Generalprobe muss sich Bommel beeilen, sonst werden die Schleusen geschlossen, und er schafft es mit dem Boot nicht mehr bis zur Rummelsburger Bucht. Dominique Wolf fährt mit ihm mit, um beim Schleusen zu helfen. Am Donnerstag, wenn die Oper erst in der Dämmerung beginnt, wird es wohl mit der Heimfahrt nichts. Und Bommel muss dann irgendwo am Landwehrkanal übernachten.