Berlin - Wolfgang Albers stellt eine Frage, die Antwort liefert er zwischen den Zeilen gleich mit: „Dürfen wir uns künftig auch beim Arzt die Pillen selbst aussuchen, die wir gerne schlucken würden?“ Albers ist der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus, das „Nein“, das in seiner Frage mitschwingt, bezieht er auf Dilek Kalayci (SPD). Die Gesundheitssenatorin hatte am Sonnabend in Aussicht gestellt, die Berliner könnten zwischen den vorhandenen Impfstoffen gegen das Coronavirus frei wählen.

Bei einem Probelauf im Velodrom an der Landsberger Allee hatte Kalayci gesagt: „Wir haben zurzeit eine Sortierung der Impfzentren nach Impfstoff.“ Über die Anmeldung für eines dieser Zentren würde die Wahl des Medikaments getroffen. Oppositionspolitiker kritisieren diesen Vorstoß. Die Reaktionen reichen von „fehlplatziert“ bis „Quatsch“.

Bisher hat von den sechs geplanten Impfzentren die Arena in Treptow den Betrieb aufgenommen. Dort wird das Vakzin der Firmen Biontech und Pfizer verabreicht. An diesem Donnerstag wird voraussichtlich das Erika-Heß-Stadion im Wedding folgen, wo der Impfstoff der Firma Moderna zum Einsatz kommen soll. Biontech könnte auch in den Messehallen am Funkturm das Mittel der Wahl sein. Das Velodrom geht voraussichtlich Ende Februar ans Netz.

„Die Senatorin hat eine grundsätzlich falsche Vorstellung vom Impfen“, sagt Mediziner Albers. „Erstens gibt es keinen Grund, zwischen Impfstoffen zu wählen, solang nicht klar ist, ob sie bei bestimmten Personengruppen besser oder schlechter wirken.“ Bislang gehen Experten lediglich davon aus, dass sich die Nebenwirkungen aller zugelassenen Impfstoffe im üblichen, vertretbaren Rahmen bewegen.

„Zweitens“, fährt Vorsitzende des Berliner Gesundheitsausschusses fort, „haben wir im Moment gar nicht genug Impfstoff, um Wahlmöglichkeiten anzubieten.“ Im diesem Sinne hat sich auch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Wochenende in einer digitalen Diskussionsrunde geäußert. „Im Moment und auch absehbar“ seien die Ressourcen für eine solche Entscheidungsfreiheit zu knapp.

Impfung beim Hausarzt

Linke-Politiker Albers stellt die Berliner Strategie infrage, die Menschen vor allem über große Zentren zu impfen. Er favorisiert eine Immunisierung der Bevölkerung über die niedergelassenen Ärzte. Seine Fraktion hat jetzt eine Anfrage an den Senat gestellt, welche Kosten die großen Zentren verursachen. Abgesehen vom finanziellen Aspekt sieht der Mediziner weitere Vorteile.

„Die niedergelassenen Ärzte kennen ihre Patienten“, sagt Albers. Vor allem: „Eine weite Anfahrt bleibt den Menschen erspart. Wir können daher deutlich mehr Menschen in kürzerer Zeit impfen.“ Den Einwand, das Biontech-Präparat sei zu empfindlich, um in Praxen gespritzt zu werden, weil es bei minus 70 Grad gelagert werden müsse, lässt er nicht gelten. „Nach dem Auftauen ist es noch fünf Tage haltbar.“

Ein kurzfristiger Besuch beim Hausarzt statt schriftlicher Benachrichtigung und anschließender fernmündlicher Terminabsprache? Tim-Christopher Zeelen hat zwar „viel Gutes vor Ort in Treptow gehört“, allerdings findet auch der gesundheitspolitischer Sprecher der CDU die Lage der Arena „sehr dezentral“. Zeelen sagt: „Die entscheidende Aufgabe von Senatorin Kalayci und des Landes ist jetzt, dass die Impfzentren vernünftig arbeiten. Und nicht, Wahlmöglichkeiten anzubieten, die es im Moment gar nicht geben kann.“

Der Vorschlag der Senatorin vergrößere nur die Unsicherheit in der Bevölkerung, sagt Zeelen. In Reinickendorf, seinem Wahlkreis, werde er schon jetzt sehr oft auf das Prozedere angesprochen, überwiegend von den über 90-Jährigen, der Alterskohorte also, mit der die Impfkampagne startet. Derzeit Thema Nummer eins bei den betagten Impflingen laut Zeelen: „Wie komme ich nach Treptow?“

Er beklagt, dass die Senatsverwaltung die Gesundheitspolitiker der Parteien „wenig eingebunden hat“. Zeelen sagt: „Hätte ich den Brief gesehen, mit dem die Berliner zur Impfung eingeladen werden, hätte ich zum Beispiel gefragt, warum er keinen gut sichtbaren Hinweis auf einen Taxi-Gutschein enthält.“

Der Transport zu den Impfzentren sei ein großes Problem, dass Gesundheitssenatorin Kalayci dringend lösen müsse. „Bei allem Verständnis für die darbende Taxi-Branche“, sagt Zeelen: „Die Transportkapazitäten für ältere Menschen, die auf einen Rollator oder Rollstuhl angewiesen sind, reichen bei Weitem nicht aus.“ Der CDU-Politiker hat sich mit dem größten privaten Anbieter von Krankentransporten in Verbindung gesetzt, der Hinz GmbH. „Denen rennen die älteren Menschen gerade die Bude ein“, sagt Zeelen. „Es gibt aber keinen Rahmenvertrag.“

Die niedrige Auslastung der Arena Treptow, sagt auch Wolfgang Albers von den Linken, „zeigt, dass das jetzige System Schwächen hat“. Und dann stellt er noch mal eine Frage, in der die Antwort bereits zu stecken scheint: „Lassen Sie sich denn impfen?“ Für Albers selbst gibt es da nur ein „Ja“. Er ist dabei, wenn die Einladung kommt, irgendwann.