Besucher gehen über das Gelände der Gedenkstätte Sachsenhausen.
Foto: dpa/Soeren Stache

OranienburgDarf Gisela Gneist, eine Frau, die Taten im Konzentrationslager Sachsenhausen verharmloste und die Existenz von Gaskammern leugnete, mit einem Straßennamen an der Stelle geehrt werden, wo einst das Außenkommando Zeppelin des KZ stand? Die Frage stellt José Trauffler, Tochter des im KZ inhaftierten René Trauffler und Mitglied des Internationalen Sachsenhausen Komitees (ISK), in einem Brief an den Oranienburger Bürgermeister Alexander Laesicke, den sie auch der Märkischen Oderzeitung (MOZ) zuleitete. In ihrem Schreiben äußert José Trauffler laut MOZ Entsetzen: Es sei ihr unbegreiflich, dass eine Straße nach Gisela Gneist benannt werden solle.

Gisela Gneist war 1946 als Sechzehnjährige von einem Sowjetischen Militärtribunal unter dem Vorwurf „Bildung einer konterrevolutionären Gruppe“ zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt worden. Von September 1949 bis zu ihrer Entlassung im Januar 1950 saß sie im Speziallager 7 im früheren KZ Sachsenhausen ein. Ab 1994 war sie Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-50“. Die Bundesrepublik verlieh ihr das Bundesverdienstkreuz. Sie starb 2007.

Der Stein war ins Rollen gekommen, als Anfang vergangener Woche die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und das ISK nachdrücklich an die Oranienburger Stadtverordneten appellierten, dem von der Straßenbenennungskommission erarbeiteten Konzept für das Neubaugebiet Aderluch nicht zu folgen. Das Konzept war der Stadtverordnetenversammlung zur Entscheidung weitergeleitet worden. Laut Konzept sollen acht Oranienburgerinnen aus unterschiedlichen Kontexten gewürdigt werden, darunter die ehemalige Bürgermeisterin Hildegard Busse, die erste weibliche Stadtverordnete (ab 1919) Ida Ihle sowie zwei im Nationalsozialismus verfolgte Frauen.

Die Stiftung und das ISK kritisieren, dass lediglich eine der Straßen nach einer Inhaftierten des KZ Sachsenhausen benannt werden soll, eine weitere nach einer NS-Verfolgten. Stiftungsdirektor Axel Drecoll schrieb in dem Appell: „Uns irritiert, dass es trotz mehrfacher Interventionen der Gedenkstätte und des ISK bisher nicht möglich war, die Straßen im Neubaugebiet Aderluch nach Häftlingen des KZ Sachsenhausen zu benennen.“ Im Außenkommando Zeppelin hätten täglich Hunderte KZ-Häftlinge in einem privaten Unternehmen unter furchtbaren Bedingungen Zwangsarbeit leisten müssen. Für die Überlebenden und die Angehörigen der etwa 200.000 im Konzentrationslager Verfolgten sei die Modifizierung der Namenliste „ein ausgesprochen wichtiges Signal.“

Andreas Meyer, Vizepräsident des ISK, forderte die Stadtverordneten auf, „die Chance zu nutzen, den Verfolgten im Konzentrationslager, deren Individualität die Nationalsozialisten auslöschen wollten, durch einen Straßennamen wieder ein Gesicht zu geben.“

In einer Pressemitteilung betonen sowohl die Gedenkstättenstiftung als auch das ISK, ihre Arbeit richte sich entschieden gegen die Gleichsetzung und Vermischung der zweifachen Geschichte von Sachsenhausen als Konzentrationslager und sowjetisches Speziallager, ohne dass dabei Unrechtskontexte bagatellisiert werden sollen. Besonders die Einbeziehung einer im Speziallager Inhaftierten drohe diese Differenzierung zu konterkarieren. Durch die Benennungsvorschläge würden die Einmaligkeit des historischen Ortes und das Leiden der Opfer stark in den Hintergrund treten.

Am Freitag rief die Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft Bürgermeister Laesicke und den Stadtverordnetenvorsteher Dirk Blettermann dazu auf, an den Vorschlägen festzuhalten. Laut MOZ rief Dieter Dombrowski, CDU-Kreisvorsitzender Havelland, die Volksvertreter auf: „Lassen Sie sich nicht beirren. Führen Sie Ihr Anliegen, mehrere Straßen nach Frauen zu benennen, die in der jüngeren Geschichte Ihrer Stadt eine wichtige Rolle gespielt haben, weiter fort.“