Berlin - Bevor Bruder Han-Yol über Versöhnung sprechen kann, über die große Gemeinschaft der Nationalitäten, über Hoffnung und Frieden, klingelt sein Handy. Es klingelt eigentlich ständig, seit er es an diesem Morgen angestellt hat. Er geht ran, spricht abwechselnd Deutsch und Französisch. 30 000 Jugendliche aus Europa werden bis Mittwoch nach Berlin kommen. Sie werden über ihren Glauben sprechen und wie man mit ihm kreativ leben kann; sie werden mit Mitgliedern des Bundestages diskutieren, über Solidarität in der Wirtschaft und über die Zukunft Europas. Sie werden mit Zeitzeugen an den Überresten der Berliner Mauer entlang gehen oder sich das Interkulturelle Zentrum in Neukölln ansehen. „Auf dem Weg zu einer neuen Solidarität“ heißt das Motto des 34. Europäischen Jugendtreffens, das von von der ökumenischen Ordensgemeinschaft Taizé organisiert wird. Bruder Han-Yols Wangen sind gerötet, er atmet tief durch und blickt durch das gläserne Dach der Berliner Messehallen in den verwaschen grauen Dezemberhimmel. Das Chaos aus Rollkoffern, Rucksäcken, Isomatten, Schlafsäcken, das sich schon jetzt vor ihm ausbreitet, ist erst der Anfang, die ersten paar Tausend Jugendlichen sind schon da, um bei der Organisation zu helfen. Das gemeinsame Essen muss vorbereitet, die Messehallen für die Gebete dekoriert werden, mit Tüchern, Kerzen und großen Bildern. „Wie eine Kathedrale“, sagt Bruder Han-Yol.

Premiere in Berlin

Er wird bei den Gebeten ein langes weißes Gewand tragen. Jetzt steckt er das Handy in die Tasche seiner ausgebeulten Cordhose. Mit dem weißen Kragen, der unter seinem blauen Strickpulli hervorlugt, sieht er eher aus wie ein Professor als wie der Bruder einer Ordensgemeinschaft. Es ist das erste Mal, dass das Europäische Jugendtreffen in Berlin stattfindet. Bereits 1986 reiste der damalige Prior Roger Schutz zwar nach Ostberlin, er brauchte eine offizielle Genehmigung, ehe er zusammen mit 6 000 katholischen und evangelischen Jugendlichen aus Ostdeutschland beten durfte. Die Bedingung war: Es durfte niemand aus dem Westen teilnehmen.

Auf dem Boden in Messehalle Eins sitzt Kasia aus Polen, ein paar Meter weiter spielt ein Mädchen Gitarre und singt dazu auf Italienisch. Lagerfeuerstimmung auf Beton. Kasia sagt: „Ich bin erst 21 Jahre alt, ich erinnere mich doch gar nicht an diese Vergangenheit.“ Sie war gerade geboren, als die Mauer fiel. Heute studiert sie Internationale Wirtschaft in Warschau. Aus Polen kommen bereits seit einigen Jahren die meisten Jugendlichen zu den Treffen, auch viele Ukrainer sind in diesem Jahr dabei, und Weißrussen.

Vor Kasia liegen in einer Plastiktüte Joghurts und Schrippen, für zwischendurch. Später wird sie sich auf den Weg nach Kreuzberg machen. Kasia fährt mit der Hand über den Stadtplan auf ihrem Schoß, ihre Finger sind pink lackiert: Kottbusser Damm, Planufer, die Melanchthon Kirche. Sie weiß noch nicht, wo sie heute schlafen wird. „Hoffentlich in einer deutschen Familie“, sagt Kasia. Viele Berliner haben sich noch gemeldet, um die Jugendlichen aufzunehmen. Es ist Kasias erstes Jugendtreffen. „Es passte gut, dass Berlin so nahe an Polen ist“, sagt sie. Sie würde bald gerne hier studieren, auch deswegen sei sie hier, sagt sie. Vor allem aber will sie andere junge Leute treffen, mit ihnen gemeinsam beten, zu sich kommen, bevor das neue Jahr beginnt.

Ein guter Start

„Die friedliche Atmosphäre, das ist einfach ein guter Start für mich.“ Auch Bruder Han-Yol suchte Frieden, als er in den 80er Jahren aus Südkorea nach Taizé kam. „Ich wollte raus, mir fehlte die Weite“, sagt er. Vom Jugendtreffen 1989 in Breslau erzählt er noch heute mit strahlenden Augen, erzählt von der Aufbruchstimmung, als junge Menschen aus Ost und West erstmals gemeinsam beteten.

Für Bruder Han-Yol hat das Treffen bis heute seine Symbolkraft behalten, es geht zwar nicht mehr um den Eisernen Vorhang, sagt er, aber es geht um Grenzen, die es noch immer in den Köpfen gibt. Und: „Europa ist Wirklichkeit, und zwar genau hier, nicht nur irgendwo in Brüssel oder Straßburg.“ Die Jugendlichen werden sich bis Neujahr auch in kleinen Gruppen zusammensetzen. In ihren Programmheften stehen Fragen in allen Sprachen, über die sie sprechen sollen: „Warum bin ich nach Berlin gekommen? Was bedeutet mir Berlin?“ Sie werden unterschiedliche Antworten finden. Für Kasia ist es die Stadt, in der sie vielleicht bald leben wird. Für Bruder Han-Yol wiederum ist Berlin ein Zeichen, dass Menschen eine Teilung überwinden können.