Ein Mitarbeiter des Ordnungsamts, erkennbar durch eine grellgelb leuchtende Weste mit rückseitigem Aufdruck, steigt auf der Straße von seinem Fahrrad ab und schiebt es auf den Gehweg. „Zugriff“, würde es jetzt in einem Krimi heißen, denn er steuert auf einen jungen Mann zu, der mit seinem eigenen Rad gerade vor einer Haustür ankommt und den Schlüssel aus der Tasche zieht. Der Mann vom Ordnungsamt bittet um die Papiere des anderen, denn der sei auf dem Gehweg gefahren.

Eine Fahrradstreife des Ordnungsamts? Das ist mal was Neues. Nun wird es einige Menschen geben, die das für einen mittleren Skandal halten, weil doch erst mal die Autofahrer kontrolliert werden müssten. Richtig, einerseits. Aber rücksichtslose Knallchargen sollten schon generell aus dem Verkehr gezogen werden. Wer hemmungslos und eigensüchtig unterwegs ist, kann Schaden anrichten, unabhängig vom Verkehrsmittel.

Der gestellte Radfahrer ist aber wohl weniger ein Rowdy als ein eher unglücklich ausgewählter Mitmensch. Der junge Mann streitet die Anschuldigung gar nicht ab, beschwört aber, dass es nur die wenigen Meter von der benachbarten Einfahrt waren, wo er von der Straße hochgefahren sei. Als Außenstehender ist der Fall klar, hier kann man es – wenn überhaupt – locker bei einer Ermahnung belassen. Doch der Ordnungshüter bleibt hart. In seinen Einsatz mischt sich eine unangenehme Paarung von Willkür und mangelndem Fingerspitzengefühl.

Hinter seinem Rücken fährt nämlich ein dritter Mann über den Gehweg, vorbei an der Szene, als beträfe sie ihn nicht. Als der Mann vom Ordnungsamt ihn bemerkt, ruft er ihm hinterher, „der Herr“ möge doch absteigen. Der tut wie befohlen, ohne sich umzudrehen. Derjenige also, der zweifellos über den Gehweg gefahren ist, darf unbehelligt weiterziehen. Der andere, der sehr glaubhaft versichert, nur ein paar Meter ausgerollt zu sein, wird zur Kasse gebeten.

Für die Staatskasse ist halt unerheblich, wie das Geld reinkommt und ob das Einschreiten nachhaltig die Sicherheit erhöht hat. Sonst müssten Ordnungshüter ihre Sünder sorgfältiger auswählen. Aber den E-Roller-Fahrer, der ein paar Minuten später in Höchstgeschwindigkeit über den Gehweg brettert, hätte der Mann vom Ordnungsamt wohl ohnehin nicht eingefangen.