Mitarbeiter des Ordnungsamts Reinickendorf überwachen den Verkehr vor der Märkischen Grundschule. 
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

BerlinVor der Märkischen Grundschule haben Verkehrsrowdys und rabiate Elterntaxi-Fahrer keine Chance. Bereits um 7.20 Uhr, 40 Minuten vor Unterrichtsbeginn, steht eine uniformierte Streife des Ordnungsamts Reinickendorf bereit. Das ist nötig, denn für viele Autofahrer sind absolutes Halteverbot und Zebrastreifen offenbar Fremdworte. Mit verschärften Kontrollen will der Bezirk dafür sorgen, dass alle Schüler nach den Ferien sicher zur Schule kommen.

Um 7.24 Uhr fährt Vater Carsten Drechsler, 55, mit Erstklässler Leo, 6, im Dannenwalder Weg vor. Er stellt sein Auto im Parkverbot ab, unmittelbar neben der Zone mit dem absoluten Halteverbot. „Darf ich eben meinen Sohn zur Schule bringen? Bin schnell wieder da“, sagt er den Ordnungsamtsmitarbeitern. Vielleicht könne es eine Minute länger dauern als erlaubt, die Schule sei noch geschlossen. Nun gut, ausnahmsweise. Die Straße ist noch leer.

„Der Vater war ja höflich, aber manche Eltern sind aggressiv und werden sogar körperlich“, sagt Ordnungsstadtrat Sebastian Maack (AfD), der auch zum Einsatzort gekommen ist. Im Vorjahr sei ein Pöbler zu einer Geldstrafe von 2000 Euro verurteilt worden, nachdem er gegenüber einem Ordnungsamtsmitarbeiter zudringlich geworden war. „Bei Beleidigungen wird sofort Anzeige erstattet“, sagt Maack. Für ihn habe der Schutz der Ordnungskräfte Priorität.

Die ersten Strafzettel werden fällig

Die ersten Knöllchen hinterlassen die Ordnungsamtsmitarbeiter an den Frontscheiben von Autos, die im absoluten Halteverbot vor der Schule stehen. Der Verkehr wird langsam dichter, immer mehr Kinder überqueren zu Fuß die Straße. „Es kann hier ganz schön gefährlich werden“, sagt Mutter Anke Weiland, 39. „Viele Autofahrer sind unachtsam, halten nicht am Zebrastreifen und parken alles zu.“ Deshalb begleite sie ihre Tochter Tammi, 8, jeden Morgen zur Schule, obwohl das Mädchen schon in die dritte Klasse gehe. Gut, dass das Ordnungsamt nun hier sei.

Schräg gegenüber der Schule hält ein schwarzes Auto in der Verbotszone. Der Fahrer will seine Tochter abliefern, mal eben schnell – eine typische Elterntaxi-Situation. Einer der beiden Ordnungsamtsmitarbeiter ist sofort zur Stelle. „Wir wohnen nicht hier, haben eine weite Anfahrt“, rechtfertigt sich der Fahrer. Seinen Namen will er nicht nennen, aber seinem Ärger Luft machen. „Wieso gibt es eigentlich keinen richtigen Schulparkplatz?“, sagt er. Das Ordnungsamt lässt es in vielen Fällen bei einer Ermahnung bewenden. Aufklärung und Abschreckung seien das Ziel.

Um 8 Uhr, wenn die meisten Schüler schon im Unterricht sitzen, beginnt für Stadtrat Maack die „spannende Phase“. Nun komme die Zeit, in der Eltern ihre Kinder noch auf den letzten Drücker abliefern – und dabei die Verkehrsregeln missachten. Mutter Nikola N. kennt das. „Ich habe schon drei Knöllchen bekommen“, sagt sie. Früh am Morgen zähle leider oft jede Minute. Zuletzt habe sie nur kurz am Zebrastreifen angehalten, um ihren Sohn aus dem Auto zu lassen – und gleich einen Strafzettel kassiert. Richtig so, findet Maack. „So etwas geht nicht im laufenden Verkehr“, sagt er.

Höhere Strafgebühren, mehr Personal

Wenn der Stadtrat allein über die Höhe der Strafgebühren für beratungsresistente Autofahrer entscheiden könnte, würde er gern noch einige Euro drauflegen. Er sagt: „Mit drei Ordnungsamtsstreifen können wir nicht überall sein, und wenn jemand erst beim 20. Verstoß erwischt wird, sind beispielsweise 35 Euro nicht viel.“ Angesichts der zahlreichen Aufgaben des Ordnungsamts, zu denen aktuell auch Corona-Kontrollen gehören, seien im Grunde 110 statt 44 Außendienstmitarbeiter nötig. Derzeit würden vor Schulen etwa 50 Verkehrswidrigkeiten pro Woche festgestellt.

Mit Blick auf das Problem der Elterntaxis empfiehlt Joachim Bühler, Geschäftsführer des Tüv-Verbands (VdTüv), Kinder nur in Ausnahmefällen mit dem Auto zur Schule zu bringen. „Der morgendliche Stau, das Rangieren und wilde Parken vor den Schulen erhöht die Gefahr von Unfällen“, sagt er. Eine Alternative seien „Elternhaltestellen“ in der näheren Umgebung, die von Schulen und Behörden eingerichtet werden könnten.

Auch die Senatsverwaltung für Schule rät Familien, auf Fahrten mit dem Elterntaxi möglichst zu verzichten und so einen Beitrag zur Verbesserung der Verkehrssituation vor den Schulen zu leisten. „Eltern sollten ihre Kinder im ersten Schuljahr noch begleiten, aber ab dem zweiten Schuljahr können sie in der Regel den Schulweg gemeinsam mit Klassenkameraden meistern“, sagt ein Behördensprecher. Dies fördere auch das Selbstvertrauen der Kinder.