Polizisten sind an der deutsch-polnischen Grenze auf der Suche nach Autoschiebern.
dpa

BerlinDie Angeklagten, die sich derzeit vor der 11. Großen Strafkammer des Berliner Landgerichts wegen gewerbsmäßiger  Bandenhehlerei, Urkundenfälschung und Bandendiebstahls verantworten müssen, kommen aus ganz unterschiedlichen Ländern. Aus Polen, den baltischen Staaten, dem Libanon und Jordanien. Es handelt sich um eine mutmaßlich international agierende Autoschieber-Bande, die gestohlene Fahrzeuge bis nach Afrika gebracht haben sollen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen insgesamt 120 Straftaten vor. Auch ein Deutscher ist unter den Angeklagten: Rolf L., ein Beamter der Berliner Polizei. Er ist wegen Bestechlichkeit angeklagt.

Die Männer gehören zu den 767 Tatverdächtigen, die die Ermittler des Projektes Limes identifiziert haben. Im Fokus der Arbeit dieses seit Anfang 2017 durch die Europäische Union geförderten Projektes standen international agierende Autoschieberbanden und Mitglieder der sogenannten Russenmafia.

Ermittler der Landeskriminalämter Berlins, Brandenburgs, Sachsen-Anhalts, Sachsen und sechs osteuropäischer Länder sowie Europol waren daran beteiligt.

Berlin ist ein Hotspot

500 000 Euro steuerte die EU für das Polizeiprojekt Limes bei – das Geld wurde vor allem für Reisekosten der ermittelnden Beamten und die technische Ausstattung für die Ermittlungen – etwa für den Kauf von GPS-Sender – verwendet. Geld, das offenbar gut angelegt war.

Die Arbeit von Limes – dem europaweiten Polizeinetzwerk – habe auf beeindruckende Weise gezeigt, welche Erfolge es bei grenzüberschreitender Zusammenarbeit beim Kampf gegen die Organisierte Kriminalität geben könne, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Montag zu dem nun ausgelaufenen Projekt.

Der Trailer zum Limes-Projekt.

Polizei

Gegründet wurden unter anderem gemeinsame Ermittlungsteams, der kurze Dienstweg machte Schule. Deutsche Polizeibeamte und Staatsanwälte waren bei Durchsuchungen in osteuropäischen Ländern dabei. Seit Anfang 2017 bis zum Ende des Projekts Ende September dieses Jahres wurden 2 255 Ermittlungsverfahren eingeleitet, gegen 243 der insgesamt 354 festgenommenen Personen Haftbefehle erlassen. Zudem wurden 425 Wohnungen, Lagerhallen und andere Räumlichkeiten durchsucht. Die Schadenshöhe wird auf fast 60 Millionen Euro beziffert.

Berlin ist noch immer ein Hotspot für Autodiebe. 3 813 Pkw verschwanden im vergangenen Jahr auf Nimmerwiedersehen. Zwar sind das laut Statistik des Bundeskriminalamtes 17,5 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Für den Rückgang machen die Ermittler vor allem das Projekt Limes, die grenzübergreifende schnelle Zusammenarbeit, verantwortlich. Doch noch immer schlagen Diebesbanden nirgendwo sonst in Deutschland so häufig zu wie in der Hauptstadt.

In Einzelteile zerlegt

Vor allem Mercedes-Fahrzeuge stehen hoch im Kurs. Im kommen seien derzeit auch japanische Autos. „In Berlin haben wir eine große Auswahl von Autos jedweder Art auf der Straße stehen – wie in einer Auslage“, sagte  Thomas Susebach, Kommissariatsleiter für organisierte internationale Autoverschiebung und Leiter des Limes-Projektes.  Zu beachten sei zudem die Nähe zu Polen, die offenen Grenzen. Noch bevor der „typische Berliner Geschädigte“ überhaupt wisse, dass sein Auto entwendet worden sei, werde es im Ausland bereits in seine Einzelteile zerlegt.

Die Waffen wurden bei den Autoschiebern gefunden.
Foto: dpa/Paul Zinken

Die meist aus osteuropäischen Ländern stammenden Täter sind laut Susebach hochprofessionell in Banden organisiert, und gerade das habe eine grenzübergreifende Zusammenarbeit mit den Kollegen dort notwendig gemacht.

Demnach reisen die Täter immer nur für kurze Zeit nach Berlin. Sie bevorzugen Fahrzeuge der Marke Mercedes mit Keyless-Go-System und benutzen zum Öffnen und Starten der Wagen sogenannte Funkstreckenverlängerer. In einer Nacht klauen sie so bis zu zehn hochwertige Limousinen. Die Autos werden meist irgendwo in Berlin abgestellt und von Kurierfahrern abgeholt. Dann fahren die Kuriere mit den gestohlenen Pkw Pilotfahrzeugen hinterher, deren Fahrer vor Polizeikontrollen warnt.  

Waffen sichergestellt

Durch die gemeinsame Ermittlungsarbeit bei Limes stießen die Fahnder auf insgesamt 88 Gruppierungen der Organisierten Kriminalität. Dabei wurden 182 Hintermänner ermittelt, 94 davon verhaftet. Bisher gab es 47 Verurteilungen, weitere sollen folgen.

Bei den Festnahmen wurden vielfach auch Drogen sichergestellt – häufig im zweistelligen Kilo-Bereich. Zudem stellten die Fahnder 33 Waffen, darunter Maschinenpistolen und Handgranaten, bei den Autodieben oder deren Hintermännern sicher.

uch aus europäischer Sicht sei der Erfolg der Limes-Ermittlungen beeindruckend, sagte Michael Will von Europol. Von der Organisierten Kriminalität sei jedes europäische Land betroffen. Nach seinen Worten gehe es bei dieser Art der Verbrechen um Milliardengewinnen. Jedoch werde nur ein Prozent dieser Gewinne konfisziert. Das Instrument der Vermögensabschöpfung sei nicht scharf genug oder werde zu selten angewandt, sagte Will. Die Arbeit, die mit Limes begonnen hat, soll weitergehen. Sie werde jedoch erschwert, falls das Projekt nicht auf andere Weise finanziert werde, sagte Thomas Susebach. Man habe sich damals nach einer Förderung durch die EU bewusst und gewollt umgeschaut, weil man bei den Ermittlungen zur Organisierten Kriminalität Defizite erkannt habe.