Derzeit werden in Berlin ungeheure Mengen Kokain sichergestellt.
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BerlinKokain wird zurzeit in so rauen Mengen in die Hauptstadt geliefert, dass sogar der nüchterne Abteilungsleiter für Organisierte Kriminalität im Landeskriminalamt (LKA), Sebastian Laudan, in Superlative verfällt: „Wir erleben gerade bundes- und europaweit eine Kokainschwemme ungeahnten Ausmaßes“, sagte er am Mittwoch bei der Vorstellung des ersten öffentlichen Lagebilds für Organisierte Kriminalität für das Jahr 2018 in Berlin. Mengen würden sichergestellt, so Laudan, „die man vor Jahren noch nicht hat glauben können“.

Ein neuer Schwerpunkt für Berliner Ermittler also – und einer, der viel Personal bindet. Dabei ist der Kokshandel nur ein Seiteneffekt in Laudans Ermittlungsstelle. Autodiebstahl, Wohnungseinbrüche, Menschenhandel, Zuhälterei, illegales Glücksspiel, Waffenhandel, Schmuggelei und seit Neuestem Cyberkriminalität – in all diesen Bereichen arbeitet und vernetzt sich die Organisierte Kriminalität. Experten vergleichen sie mit Wasser: Baust du eine Mauer auf, findet das Organisierte Verbrechen einen Weg, drumrumzufließen, sich dem Griff der Ermittler zu entwinden, an andrem Ort in andrer Form zuzuschlagen.

Organisierte Kriminalität: 59 Verfahren in Berlin 2018

Mit dem neuen Lagebild will die Senatsinnenverwaltung die Öffentlichkeit über die Ausmaße der Organisierten Kriminalität in Berlin informieren, hofft aber auch, „mittel- und langfristig noch besser Ziele und Strategien“ entwickeln und erweitern zu können. Intern, betont Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Mittwoch, habe die Polizei natürlich schon immer mit ähnlichen Lagebildern gearbeitet.

Berlins Organisiertes Verbrechen im Überblick: 2018 ordneten Ermittler 59 Verfahren mit 462 Tatverdächtigen der Organisierten Kriminalität zu. Mit dieser Verfahrenszahl liegt Berlin im Ländervergleich an dritter Stelle – hinter den Flächenstaaten Nordrhein-Westfalen und Bayern.

Schaden bei rund 98 Millionen Euro

Gruppen der Organisierten Kriminalität verursachten im vergangenen Jahr einen Schaden von rund 98,3 Millionen Euro und erwirtschafteten rund 16,4 Millionen Euro krimineller Erträge. 2017 betrug der ermittelte Schaden noch nur 31,4 Millionen Euro – das bedeutet also jüngst einen Anstieg um 66,9 Millionen Euro. Solche starken Schwankungen, erklärt Laudan, seien in dem Feld allerdings nicht ungewöhnlich. Die Verfahren würden über Jahre geführt, die Schadenswerte seien manchmal sehr hoch. 2018 habe die Differenz allein ein Bundesverfahren der Zollfahndung so extrem nach oben getrieben, das wegen Steuer- und Zolldelikten eine Schadenssumme von 80 Millionen Euro verbuchte.

Die wichtigsten Gruppen, die Ermittler bei der Organisierten Kriminalität beschäftigen, sind nicht etwa arabische Clans, die in den vergangenen Jahren immer wildere Schlagzeilen generierten – mit aufsehenerregenden Juweliereinbrüchen oder dem Diebstahl der Goldmünze aus dem Bode-Museum. Oft, sagt Polizeipräsidentin Barbara Slowik am Mittwoch, steckten arabische Clans durch „Dominanzverhalten und Regelverstöße“ ihr Revier ab. Gegen sie gehe die Polizei nun auch mit aller Härte vor. Aber: Organisierte Kriminalität sei vieles davon eben nicht.

Rocker und Russen-Banden im Fokus der Ermittler

Im Fokus der Ermittler liegen bei der Organisierten Kriminalität hingegen zuerst noch die Rocker und Banden mit russisch-eurasischer Herkunft. Die Bandbreite ist hier noch einmal groß: Armenische Banden listet der Bericht ebenso auf wie Aserbaidschaner, Georgier oder Moldauer. Insgesamt zwölf der 59 Verfahren in 2018 gehen auf das Konto von Menschen, die aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion stammen.

Polizeibeamte stehen an einem Geldtransporter mit aufgebrochenen Türen in Mitte.
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Als besonders brutal gelten dabei die tschetschenischen Banden. Das Lagebild attestiert ihnen eine „auf extremer Gewaltanwendung und Abschreckung basierendes Vorgehen“ und das starke Streben „Einfluss in alle Richtungen auszubauen“. Dabei griffen einige Gruppen auf eine seit den 90er-Jahren gewachsene Struktur zurück und seien bestens in der Szene vernetzt. Vereinzelt gebe es auch Verbindungen in die islamistische Szene. Die Tschetschenen schreckten nicht vor schwerer Gewalt zurück – und auch nicht davor, sie in die Öffentlichkeit zu tragen, so Laudan. In Berlin lieferten sich Tschetschenen 2017 einen Schusswechsel in einem Café im Wedding, 2018 versuchte ein Tschetschene im Märkischen Viertel in Reinickendorf einen Kontrahenten zu erschießen.

Solche Fälle sind brutal, verunsichernd für die Bevölkerung. Doch für Laudan sind das die leichten Fälle. „Wir dürfen nicht auf das gucken, was uns auf dem Silbertablett präsentiert wird“, warnt er.

Sein Dienstherr spricht bei der Vorstellung des Lagebilds bestimmt davon, dass Berlin und Deutschland diese Herausforderung schaffen werden. Man habe Personal eingestellt, Ende nächstens Jahres sollten insgesamt 80.000 Polizisten auf der Straße sein. Laudan findet das gut, er kann Verstärkung gebrauchen. Doch er sagt auch, mit Blick auf 77 beschlagnahmte Immobilien: Die Kollegen seien gut ausgelastet. Und; „Das ist nur die Spitze des Eisbergs.“