Die Dorfkirche Schöneberg
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BerlinEine mit Blaumann bekleidete Gestalt stapft durchs Gras, biegt ab auf eine Pflastersteinstrecke, geht an Altbauten vorbei, den Blick nach vorn gerichtet. Oh wie schön ist Schöneberg, kann man da glatt denken. Obwohl es durchaus attraktivere Gegenden in der Stadt gibt. Die Kamera fliegt offenbar, technisch ist das ja möglich. Sie bewegt sich in eine Kirche hinein, um den Organisten herum, denn das ist der Mensch in dem blauen Overall. Das Kameraauge kommt ihm ganz nahe, dann entfernt es sich. Wenig später improvisiert ein Bläser an der Posaune, auch ihn sehen wir von allen Seiten.

Die einzelnen Stücke werden vielleicht etwas zu geheimnisvoll raunend angekündigt, doch macht das Ganze Lust zum Weiterhören, Weiterdenken – und zum Spazieren. Denn um Wege und das Reisen geht es hier. Zentrales Musikstück ist „Die Abreise des geliebten Bruders“, ein Jugendwerk von Johann Sebastian Bach. Der reichlich zwanzigminutige Clip, der zweite in einer Reihe, verbindet kühn die Epochen und Orte. Recht eigentlich findet „OrganoVino“ live im Sommer in Schöneberger Kirchen statt. Die Coronavariante lädt nun auch Ortsfremde und mit der Institution Kirche Fremdelnde zur Erkundung eines Kiezes ein. Das erscheint so reizvoll, weil hier nicht bloß ein Konzert abgefilmt und gestreamt wird, sondern weil etwas völlig Neues, den digitalen Möglichkeiten und der Filmästhetik Entsprechendes geschaffen wurde.

So schön kann Kunst zu Coronazeiten also sein. Allerdings: Ein richtiges Konzert dauert länger, der Klang hängt vom eigenen Gerät ab. Und Geld nehmen die Veranstalter damit bestimmt nicht ein. Der titelgebende Vino entpuppt sich am Ende des kleinen Films sogar als Granatapfelsaft. Nun ja, die Aufnahmen sind vermutlich am hellen Tage entstanden – die leicht belehrende Absicht blitzt durch die Sonnenstrahlen.

Wer die Konzertreihe kennt, wird die Bilder auf YouTube unter dem Titel „OrganoVino 2020:digital“ also nicht nur bewundernd, sondern auch mit Wehmut betrachten. Überhaupt: Wenn die Kamera aus dem unerwartet farbigen Inneren der strengen Paul-Gerhardt-Kirche in den Himmel und die Hauptstraße entlangfliegt, dann gibt es Gründe genug, nachdenklich zu werden. Klein und verloren wirkt das Kino Odeon von dort oben. Berlins ältestes Filmhaus für originalsprachige Aufführungen musste länger noch als die Kirchen leer bleiben. Jetzt darf man wieder hinein und sich einen auf ganz andere Art durch Musik geprägten Film anschauen: Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“.