Einer der beiden Kammerdiener der Königin Sophie Charlotte, um 1700.
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BerlinWie berichtet hat die Politgruppe Postkolonial e. V. einen staatlich finanzierten Aufsatz über meinen Vorfahren, den Kammertürken Friderich Aly (ca. 1664–1716), veröffentlicht. Der Text ist ein Plagiat, abgekupfert aus dem Buch „Türken, Mohren und Tataren. Muslimische (Lebens-)Welten in Brandenburg-Preußen im 18. Jahrhundert“ von Stephan Theilig. Neben einigen Fehlern übernahmen die Abschreiber auch die Bilder zu ihrem Aufsatz „Familie Aly ab 1686“ von Theilig und ließen dessen Werk unzitiert in der Literaturliste verschwinden.

Auf einen obskuren Ahnenforscher Jürgen Gottschewski gestützt, schob Theilig meinem Vorfahren Friderich Aly, dem Diener von Königin Sophie Charlotte, einen falschen Aly aus der Gegend von Stendal unter. Die Abschreiber übernahmen diesen Irrtum und schwadronieren über das Schicksal, das der falsche Aly „in der militärisch geprägten Garnisonsstadt“ Stendal erlitten haben könnte. Da Gottschewski und Theilig Friderich Aly um sechs Jahre älter machen, als er laut Totenbuch der Berliner Parochialkirche war, plappern die Plagiatoren auch das nach.

Allerdings modeln sie ihre Vorlage dort um, wo es ihnen passt. Wenn Theilig feststellt, „dass eine Integration der Nachkommen“ von Friderich und seiner osmanischen „Eheliebsten“ Sophia Henriette Aly „nicht mehr von Nöten war, da diese bereits als ‚gleichwertige Bestandteile‘ der Gesellschaft behandelt wurden“, schwurbeln unsere Plagiatoren vom angeblichen Elend der „Osman*innen am Hof“. Wo Theilig schreibt, Aly habe dort „zu den Bestverdienern“ gehört, relativieren sie, er habe „mehr als einige seiner adeligen Kollegen“ verdient.

Befremdlich nehmen sich die religiösen und ethnischen Zuschreibungen der angeblich „zivilgesellschaftlichen“ Dekolonialisierer aus. Nehmen wir Maria Elisabeth, die Ehefrau eines gleichfalls sehr gut bezahlten Kammermohren. Entweder, so formulieren die antikolonialen Geschichtserfinder, war sie „afrikanischer Herkunft oder eine getaufte Osmanin“ oder eine „weiße Bedienstete“. Das Wort afrikanisch umschreibt die Hautfarbe schwarz. Ihre Taufe spielt keine Rolle. Da Osmaninnen über sehr unterschiedliche Teints verfügten, wird ihre muslimische Religion hervorgehoben. Wahrscheinlich war jene Maria Elisabeth eine Berlinerin, Christin und Nordeuropäerin. Aber die Dekolonialisierer bezeichnen sie als „Weiße“. In ihrem Fall und in dem der „Afrikanerin“ machen die Aktivisten des vom rot-rot-grünen Berliner Senat ausgehaltenen Vereins die Hautfarbe zum einzigen Charakteristikum. Das ist eine rassistisch verengende Zuschreibung – vorgenommen von Leuten, die sich als Antirassisten präsentieren.

Ich hoffe jedoch auf künftige Farbenblindheit. Das heißt, dass möglichst viele Menschen aufhören, auch nur eine Sekunde über die Hautfarbe des jeweils anderen nachzudenken. Das sollte auch für Religionen gelten, sofern diese nicht als Kampfauftrag, sondern als Privatangelegenheit verstanden werden. Die nächste Kolumne handelt von speziellen Fantasien unserer angeblichen Antikolonialisten: Inbrünstig verherrlichen sie den imperialistischen Kolonial- und Sklavenhalterstaat Osmanisches Reich. Als osmanisch-preußischer Protestant und deutscher Staatsbürger kann ich nur sagen: „Grüß Gott, ihr osmanischen Reichsbürger!“