Schuld war der Westwind. Weil in Berlin der Wind zu 75 Prozent aus westlichen Richtungen weht, sammelten sich die wohlhabenderen Berliner westlich der Stadtmitte. Im Westen kommt noch die gute Luft vom Lande an. Über der Stadtmitte nimmt sie all deren Ausdünstungen und Abgase auf und verbreitet den konzentrierten Mief dann weiträumig über den östlichen Gebieten der Stadt. Deshalb sind in unseren Breiten Westlagen meistens teuer, östliche billig. Heute mag das kaum noch eine Rolle spielen, aber zu Zeiten der Kohle- und Holzöfen in den Wohnungen, der vielen Fabriken und Werkstätten im engeren Stadtgebiet war der Westen gleichbedeutend mit guter Luft, entsprechender Gesundheit und dem Wohlstand, der dazu nötig ist, beides zu bezahlen.

In vielen europäischen Städten haben Orte wie Westend einen guten, Eastends dagegen einen schlechten Klang. In Berlin kann man das besonders gut studieren, da die Stadt in den zwei Generationen nach 1871 in einer Geschwindigkeit wuchs, die man heute von China kennt. Zum sogenannten „Alten Westen“, der Gegend um den Potsdamer Platz, kam ab der Gründerzeit der „Neue Westen“ hinzu – und zwar mit einer Wucht, dass man bald von zwei Stadtzentren sprechen musste. 1882 hatten Investoren begonnen, den alten Knüppeldamm namens Kurfürstendamm zu erschließen.

Nur zwanzig Jahre später ging hier die Post ab: Der „Neue Westen“ wurde zu der Herausforderung an die ebenfalls turbulente Mitte auf dem Gebiet des historischen Stadtkerns. In Mitte ging man arbeiten, zum Amüsieren strömte nun alles in den Westen. Der Berliner Schriftsteller Edmund Edel schrieb 1906: „Berlin W. war noch nicht erfunden. Da eines Tages war es da. Es war da wie eine Seifenblase, die schillernd, gleißend, lüstern aus dem biederen, weißen, gediegenen Seifenschaum sich aufbläht.“

Mix aus Wohnen und Vergnügen

Es war eine merkwürdige Mischung aus Wohnen und Vergnügen. Den Maßstab gab der Lunapark in Halensee vor, der 1904 eröffnet wurde, ein hochmoderner Vergnügungspark nach dem Vorbild von Coney Island in New York. Ein märchenhafter Palast am Eingang, eine lange Wackeltreppe, an deren Ende ein Gebläse die Röcke hochpustete, eine Wasserrutschbahn, Tanzlokale verschiedenster Couleur, überall viel nackte Haut – das zog 50.000 Besucher täglich an.

Am anderen Ende des Kurfürstendamms lockte eine riesige „American Roller Skating Halle“ Sportbegeisterte und Modebewusste an. Der junge Vladimir Nabokov, der mit seiner Familie immer in Berlin Station machte, wenn man im Sommer von Moskau an die Riviera reiste, versäumte nie einen Besuch dort. Er erinnerte sich später sogar an den leicht salzigen Mokkakuchen, der dort serviert wurde, gleich gegenüber des Musikpavillons, dessen Kapelle den Skatern zusätzlichen Schwung gab.

Der Zoologische Garten bildete eine weitere Attraktion, zumal auch dort spektakelhafte Völkerschauen und Freiluftkonzerte mit Tanz für Amüsement sorgten. Die vielen Varietés und Bars, die Straßenprostitution, die Schiebereien in den Seitenstraßen des Kudamms, wo viele aus Russland geflüchtete Reiche abgestiegen waren und nach und nach ihre Wertsachen verhökerten – all das zusammen machte den Neuen Westen zum Symbol einer aus den Fugen geratenen Welt. „Käme der Satan auf den Kurfürstendamm“, schrieb 1921 der Schriftsteller Christian Bouchholtz, „überall würde er hereinfallen, geneppt und geprellt, ein für solche Welt zu dummer Teufel, und er müsste mit eingezogenem Schwanz zur Hölle zurück.“

Für den Westen musste man schlau sein, denn Traditionen halfen hier nicht weiter. Bouchholtz weiter: „Hier wirken Moralgesetze, zusammengeschweißt aus Snobismen, Bluff, Paradoxie, Sensationslüsternheit, Abgebrühtheit, Überlegenheit. Moralgesetze jedenfalls, die durch keinerlei alte Überlieferungen kristallisiert und normiert sind.“ Klingt ganz wie der ostdeutsche Blick auf den Westen nach der Wende.

Kein Wunder, dass die Gegend Künstler anzog. Die Szene bewegte sich von Mitte weg in den Neuen Westen. Man traf sich zunächst im Café des Westens am späteren Kranzlereck. 1913 flog ein Teil der Künstler wegen unbezahlter Rechnungen wieder raus, der andere verdrückte sich, als der Laden zwei Ecken weiter in offenbar ungemütliche Räumlichkeiten zog. Da schlug die Stunde des Romanischen Cafés. Es bestand aus zwei hohen Hallen in einem scheußlichen neoromanischen Gebäude, ungefähr dort, wo sich heute das Europa-Center befindet.

Als „Wartesaal der Talente“ beschrieb es Erich Kästner: „Man wartet, daß das Glück hinter den Stuhl tritt und sagt: ‚Mein Herr, Sie sind engagiert!‘.“ Junge Frauen traf man hier in großer Zahl; das Romanische war ein echter Anmachschuppen und Verschiebebahnhof. Es stimmt, es waren auch die bekannteren Schriftsteller und Künstler da, die das Café zu einem überstrapazierten Mythos machten. Für die Anwesenheit der Arrivierten machte Kästner jedoch niedere Motive geltend: Sie hielten es „für einen mit einer Tasse Kaffee nicht zu teuer erkauften Genuß, die Schar der Verunglückten und Aussichtlosen zu betrachten, und sich selber, den Erfolgreichen, betrachten zu lassen.“

Im östlichen Zentrum gab es nicht minder viele Bars, aber für das Warten auf Glück bestand hier wenig Anlass. Es war längst gründlich verspielt. Hinter den Gleisen des Bahnhofs Alexanderplatz endete für die Berliner der feine Teil ihrer Stadt. Die Tische, auf denen man hier tanzte, waren mit Sand gescheuert, die Gegend östlich vom Alex war kleinteilig, verrufen, armselig und ziemlich kriminell.

Doch der Osten Berlins holte zum Gegenschlag aus: Stadtplanerisch war der Umbau des Alexanderplatzes zu einem weltstädtischen Verkehrsknotenpunkt mit neusachlich-dynamischer Architektur ab 1927 in Angriff genommen geworden, ein Schlag gegen den allmählich seinen Glanz verlierenden Westen. Ende der Zwanzigerjahre hatte der Osten die Nase wieder leicht vorn. Hier schien der Zeitgeist zu Hause zu sein, während der Fassadenprunk am Kurfürstendamm binnen zweier Jahrzehnte ästhetisch schon wieder in Misskredit geraten war.

Der kollektive Geschmackswandel ließ sogar einen so bedachtsamen Flaneur wie Franz Hessel die Belle-Époque-Bauten des Kudamms als „Geschwürhäuser“ empfinden. „Die schlimmste Zeit des Privatbaus“, so Hessel 1929, habe hier „viel greulich Getürmtes, schaurig Ausladendes und Überkrochenes“ hinterlassen, das erst allmählich verdrängt werden könne, vorerst am besten durch davorgehängte Reklame.

So konkurrierten die Zentren Ost wie West also schon in der Weimarer Republik, lange vor der Teilung der Stadt, um die Gunst der Berliner und den Beifall der Besucher. Natürlich ist Berlin polyzentrisch, wie von seinen kiezorientierten Bewohnern gern betont wird. Aber mit den vielen historischen Kernen der im Laufe der Zeit zu Groß-Berlin zusammengewachsenen Dörfer und Kleinstädte ist die Attraktivität des Neuen Westens eben doch nicht zu vergleichen.

So bahnte sich schon vor dem Krieg die „Doppel-City“ an. Als Berlin dann tatsächlich geteilt wurde, fanden die beiden Stadthälften praktischerweise gleich zwei Zentren vor. Der Westen hatte zwar noch einige Mühe, die City-West mit allen Funktionen eines echten Zentrums auszustatten, aber ein Großteil der Arbeit war bereits in den Goldenen Zwanzigern erledigt worden.

Preußischer Modellversuch einer gesellschaftlichen Mitte

Die City West verfügte zwar nicht über die repräsentativen Bauten einer historischen Mitte, dafür war sie durchsetzt mit Wohnbauten aller Art. Das ersparte den Menschen jene Öde, die Unmassen von Regierungs- und Bürobauten oder reine Einkaufszentren mit sich bringen. Die West-Berliner Innenstadt genoss für viele Jahre den in anderen Metropolen weitgehend unbekannten, äußerst charmanten Umstand, noch im absoluten Zentrum dicht bewohnt zu sein – und das zu niedrigen Preisen. Sogar die Kommune 2 und der SDS, der Sozialistische Deutsche Studentenbund, konnten sich den Kudamm leisten.

Ostberlin dagegen verfügte über das klassizistische Zentrum und damit über den preußischen Modellversuch einer idealen gesellschaftlichen Mitte: Kunst, Kirche, Schloss, Universität, Oper und Bibliothek lagen mit ihren Tempeln dicht beieinander. Es brauchte einige Zeit (und den fatalen Abriss des Schlosses), bis die DDR in ihrer letzten Dekade begann, mit dem klassischen Erbe ihrer Hauptstadt selbstbewusst aufzutrumpfen im Versuch, die City West als neureiches, geschichtsloses Provisorium verblassen zu lassen.

Der wiedervereinte Staat nahm die preußische Mitte gern als kulturelle Bühne in Besitz, errichtete sein neues Machtzentrum aber salomonisch zwischen den beiden Stadtzentren. In der Gunst des Publikums ging das Pingpong zwischen Ost und West weiter. Erst Ping: Die Museumsinsel wurden neu inszeniert, die großen Theater in Mitte neu definiert, der Gendarmenmarkt als schönster Platz Europas gefeiert. Ein Club nach dem anderen öffnete in den morbiden, aufgegebenen oder zwischengenutzten Objekten der Treuhand.

Dann Pong: Das Geld nivelliert die Stadtquartiere. In Prenzlauer Berg gehe es zu wie in Stuttgart, heißt es. Derzeit ist wieder der „Neue Westen“ am Zug und behauptet sich am Breitscheidtplatz und rund um den Bahnhof Zoo mit neuer Authentizität, an alte Traditionen anknüpfend. Indessen schickt sich der Osten bereits an, am Alexanderplatz und am Leipziger Platz mit neuen Kräften in eine erst noch kommende Runde zu starten.
Den Berlinern insgesamt kann das nur Recht sein. Sie beobachten den Wettkampf von Kreuzberg, Friedrichshain, Steglitz oder Pankow aus mit der Gelassenheit jener, die auch noch ein eigenes Zentrum in ihrem Bezirk haben. In Kreuzberg sogar zwei.