Alles auf Anfang: Das ist die neue Devise für das größte Verkehrsprojekt im Bezirk Marzahn-Hellersdorf. Obwohl Pläne für den Weiterbau der Tangentialen Verbindung Ost (TVO) schon viele Aktenordner füllen, musste der Senat ganz von vorn anfangen. Wo soll die Nord-Süd-Straße verlaufen? Wie breit soll sie werden, wie viel Verkehr muss sie verkraften?

Das werde erneut untersucht, aber diesmal gründlicher als zuvor, sagten Lutz Adam und Katrin Vietzke von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung während einer Bürgerversammlung in Biesdorf-Süd. „Wir werden alle Varianten berücksichtigen und die Bürger beteiligen“, versprachen sie. Doch die Anwohner blieben misstrauisch.

Im Freizeithaus Balzerplatz reichten die Stühle nicht aus. Während der Versammlung, die der Verband Deutscher Grundstücksnutzer (VDGN) organisiert hatte, mussten viele Besucher stehen. Das zeigt, wie groß das Interesse ist – und die Angst. „Biesdorf wird immer weiter zerschnitten“, rief eine Bewohnerin. An der Einfahrt zum Balzerweg prangte ein improvisiertes Ortsschild, das die Bürgerinitiative „Wir sind Biesdorf“ entworfen hat. „Anwohnerschutzgebiet“, stand darauf. Es war ein Wunsch, den viele teilten.

Vorbereitung haben begonnen

Es geht um sechseinhalb Kilometer Straße. So groß ist die Lücke im Ost-Berliner Straßennetz, die der Senat schließen will. Auf dem Nordteil der TVO, der Märkischen Allee, rollt seit 1975 der Verkehr. Der Südteil der Nord-Süd-Verbindung, die in Köpenick zum Adlergestell führt, ist seit 2012 komplett. Dazwischen bleibt den Autofahrern nur die Möglichkeit, sich über Stadtstraßen zu quälen. „Auf der Köpenicker Straße sind täglich 22 000 Kraftfahrzeuge unterwegs“, sagte VDGN-Präsident Peter Ohm. „Hier herrscht oft Dauerstau.“

Dabei handelt es sich eigentlich um eine Wohnstraße. Neben Einfamilienhäusern sitzen Menschen auf der Terrasse oder arbeiten in ihren Gärten. Da verwundert es, dass die Pläne des Senats, den Verkehr zu verlagern, auf Widerstand stoßen.

Doch die Kritiker sind nicht prinzipiell gegen den Straßenbau. „Ja zur TVO!“ sagen diese Bürger. „Aber nicht so“, wie es der Senat bislang geplant hat. Sie und die Bezirke unterstützen den Vorschlag des VDGN. Im Anschluss an die Märkische Allee soll die Straße über eine neue Brücke, die den Berliner Außenring der Bahn überspannt, auf die Westseite der Gleise geführt werden. Nach 1,8 Kilometern würde sie über eine zweite Brücke wieder auf die Ostseite gelangen, wo sie bis An der Wuhlheide bliebe. Ein Vorteil wäre: Zwei Wohnhäuser in Biesdorf müssten dann nicht abgerissen werden.

Der Senat hat diesen Vorschlag abgelehnt. Die Brücken würden 20 Millionen Euro kosten, und aus der Höhenlage werde der Lärm weithin zu hören sein, hieß es. Auch würden der Tierpark und Naturrefugien wie der Biesenhorster Sand beeinträchtigt. Darum war die Ostvariante bisher die Vorzugslösung des Senats: eine Straße nur auf der Ostseite, mit Anschlüssen ins Wohngebiet – was dort auf Kritik stößt. „Wir brauchen die Anbindungen nicht, die bringen uns nur Verkehr“, rief ein Anwohner der Guntramstraße.

Ob die Ostvariante gebaut wird, ließen Tiefbau-Abteilungsleiter Lutz Adam und seine Mitstreiterin Katrin Vietzke während der Versammlung offen. Das mussten sie auch. Denn das Planfeststellungsverfahren, für das im April die Vorbereitungen begonnen haben und an dessen Ende das Baurecht steht, muss strengen Regeln genügen. Das ist auch der Grund dafür, warum die Streckenführung und anderes erneut untersucht werden muss. Einige Dokumente seien inzwischen veraltet.

Baubeginn erst 2018 oder später?

„Es gilt nun, fachlich fundierte und rechtssichere Unterlagen zu erarbeiten“, sagte Vietzke. Die Betonung lag auf rechtssicher: Die Unterlagen müssen juristisch so wasserdicht sein, dass Anliegerklagen erfolglos bleiben. Ein Beispiel ist die Streckenführung: „Wir werden alle vorstellbaren Varianten untersuchen“ – außer der West- auch die Nullvariante, bei der gar nichts gebaut wird.

Die Bürger bekamen aber bereits eine Ahnung davon, dass es am Ende wieder die Ostvariante wird. „Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass sie auf keinen Fall kommt. Es spricht vieles dafür, dass sie mit guten Argumenten ins Rennen geht“, so Adam. „Die politische Entscheidung für die Ostvariante ist nicht aus dem Himmel gegriffen.“

Nun werden erst mal alle Argumente abgewogen. „Spielerei“, entgegnete ein Bürger. „Es wird ergebnisoffen untersucht“, sagte Adam. „Das wird Zeit in Anspruch nehmen.“ Im vierten Quartal gebe es eine Bürgerversammlung, 2015 soll die Vorzugsvariante ermittelt sein.

Beobachter gehen jetzt davon aus, dass ein Baubeginn im Jahr 2016 nicht mehr zu schaffen ist. Im Juni hat der Senat mitgeteilt, dass die Bauvorbereitung bis 2017 dauert und die Gesamtmaßnahme ab 2018 beginnt. Es wird also noch dauern, bis die TVO-Bautrupps anrücken.